Ich habe ihr geschrieben, als ich mich noch im Trennungsschmerz gesuhlt habe. Ich steckte noch in meiner masochistischen Phase . Sie sah ein wenig billig aus, und ihr Anzeigentext bestand vor allem aus drei Pünktchen. Erfahrungsgemäß hatte ich die besten Voraussetzungen, gar keine Antwort zu erhalten. Allerdings muss man auch solche Anzeigen positiv betrachten. Im Internet muss sowieso alles positiv aussehen. Ihr Text war zwar nicht informativ, aber einladend. Na ja, das Foto war einladend, gebe ich zu. Was mich in moralische Konflikte stürzt, weil ich selbst ein scharfer Gegner des Fotos bin. „Ein Bild zeigt doch nichts“, behaupte ich in meinen Antworten, wenn von mir eines verlangt wird. „Wir sind 3-D-Wesen, nicht 2-D-Vorstellungen“. Aber: Habe ich mich nicht für sie entschieden wegen des Bildes? Meine Argumentation ist zunichte.

Also ließ ich endlich ein vorteilhaftes Bild von mir aufnehmen - nur auf Nachfrage darf es angesehen werden. Ein Fortschritt. Vorher, als ich vor lauter Liebeskummer im All Amok lief, hätte ich niemandem ein Bild schicken können, denn ich hatte gar keins. Ob es wohl viele liebestolle Amokläufer im Internet gibt? Das weiß bestimmt Fräulein Ripley. Vielleicht sollte ich sie heimlich anschreiben, aber das ist ein anderes Thema.

Das Foto ist eine schwierige Angelegenheit, aber es gibt noch weitere Hürden zu nehmen. Wie stellt man sich vor, um Aufmerksamkeit zu erregen? Im Vergleich mit dem Bild spielt der Text - statistisch betrachtet - eine geringere Rolle: Nur fünfmal mehr Kontakte bekommt man durch den Text aber 15 Mal mehr durch ein schönes Lächeln, sagen die Fachleute. Ihn zu vernachlässigen wäre trotzdem ein fataler Fehler. Eine Freundin sagte mir, dass Frauen „schon auf den Text achten“, und meinte damit vermutlich, „nicht wie ihr Männer“. Das stimmt nicht, „wir Männer“ lesen uns die Texte genau durch. Vor kurzem habe ich eine Dreißigjährige angesprochen, obwohl sie sich bildlos vorstellte. Ihre Formulierungen aber fand ich amüsant und anspruchsvoll.

Deshalb gab ich mein Foto für sie frei und bat sie - falls ich den Fototest bestanden hätte - mir zurückzuschreiben. Das habe ich wohl gut gemacht. Am selben Abend kam die erfreuliche Antwort: „Und was, wenn Du den Test bestanden hast?“ „Dann, gnädige Frau, verzichte ich auf Ihr Foto und wir treffen uns in einer Kneipe!“ Ich war jetzt übrigens in der Phase „Speed-Dating“, obwohl ich so etwas noch nie mitgemacht habe. Die Faustregel lautet „7 Sekunden sind gleich 7 Jahre“ und dafür lässt man sich 7 Minuten pro Person Zeit. Ich dachte, so ein spontanes, lebensfrohes Angebot ist doch sympathisch und kann nur für mich sprechen. Was soll der Mailverkehr, das Hin- und Her von leblosen Buchstaben? Sind wir nicht aus Fleisch und Blut? Das war wiederum ein grober Fehler. Dass die junge Dame sich nie mehr gemeldet hat, müssen wir an dieser Stelle gar nicht erwähnen.

Ich hatte gegen den Geist der Internetsuche gewaltig verstoßen. Einer der größten Reize dieses Mediums besteht gerade darin, mit einer völlig Unbekannten aufs Intimste in Kontakt zu kommen. Sich gleich in das wirkliche Leben eines anderen einzuladen, wirkt geradezu brutal. Es zerstört die Möglichkeit, sich erst einmal eine neue Beziehung zurecht zu fantasieren. Ich hatte mich wie ein Elefant im Porzellanladen benommen, und wurde dafür bestraft.

Solche Faux-pas dürfen den werbenden Mann aber nicht entmutigen. Ich ging erneut auf die Jagd. Dazu rüstete ich mein eigenes Profil auf. Man kommt sich dabei vor, als würde man sich verkaufen. Und so ist es ja auch. Werbung kann man als eine Form von Information werten, nur dass diese nicht zuverlässig ist. Ich will ehrlich sein, kein falsches Bild erzeugen. Doch zwischen den Zeilen muss man verstehen, dass ich „weiß, was ich will“ und dass ich „auf beiden Beinen, voll im Leben stehe“. Trotzdem sollte auch deutlich werden, dass ich liebevoll und einfühlsam bin. Deswegen habe ich geschrieben, dass „ich gerne zuhöre“. Wenigstens letzteres stimmt. Aber Stopp. Vielleicht werden einige Frauen jetzt denken, ich sei ein Weichei. Um solche Gedanken im Kern zu ersticken, fügte ich ein, dass ich ein „ganz schlimmer Junge im Bett“ sei. Am Ende war aus mir folgendes geworden: " lieber verantwortungsvoller, fieser Macho, der sich nach einer Weltreise mit Dir sehnt, auf dem Motorrad, ohne Hund, aber mit Kinderwunsch “.