Es gibt Ideen, die trotz (oder vielleicht gerade wegen) ihrer Absurdität immer wieder faszinieren und aufgegriffen werden. Dazu gehört offensichtlich auch das "Freigeld" des Silvio Gesell. Dabei ist ein Teil seiner Ideen heute verwirklicht: Die Zentralbanken der westlichen Industriestaaten sind weitgehend unabhängig, und sie verwenden ihre Instrumente, um damit die Geldmenge zu steuern, auch wenn sie dies nicht dadurch tun, dass sie bei Geldknappheit Geld drucken und bei Geldüberfluss solches vernichten. Zudem gibt es mit dem Euro in Europa heute eine übernationale Währung, auch wenn sich ihr noch nicht alle Mitgliedsländer angeschlossen haben (und vielleicht auch nie anschließen werden). Problematisch ist freilich unter anderem, dass Gesell für den Normalzins, d.h. für den realen Marktzins für risikofreie Anlagen, einen Wert von null verlangt hat. Auf diesen Punkt will ich mich hier konzentrieren.

Klicken Sie auf das Bild für alle Artikel zur Diskussionsreihe über Geld, Zins und Alternativen zur herrschenden Wirtschaftsordnung© Leon Neal, AFPZunächst klingt Gesells Ablehnung eines positiven Normalzinses sehr plausibel: Zins scheint Einkommen ohne reale Gegenleistung zu sein. Deshalb kannte ja auch das Christentum und kennt heute noch der Islam ein Zinsverbot. Die Verfolgung der Juden im Mittelalter hing damit zusammen, dass sie diesem Verbot nicht unterlagen, deshalb als Geldverleiher auftreten und damit gute Geschäfte machen konnten. Konnte ein einflussreicher Schuldner seine Zinsen nicht begleichen, wurde möglicherweise nicht er, sondern der wegen Wucherzinsen angeklagte Jude in den Schuldturm gesteckt, welcher freilich, um dieses Risiko abzusichern, nicht nur einen "normalen Zins" für sein Geld verlangen musste, sondern auch noch eine erhebliche Risikoprämie, was es wiederum erleichterte, ihn als Wucherer zu bezichtigen.

Die Entwicklung im Mittelalter zeigt zweierlei: Zum einen hat die Tatsache, dass (offiziell) kein Zins verlangt werden durfte, nicht zu Wirtschaftswachstum geführt. Vielmehr kannte das Mittelalter trotz verschiedenster kultureller Hochleistungen eher stationäre Gesellschaften. Die Abschaffung des Zinses ist weder eine notwendige noch eine hinreichende Bedingung für wirtschaftliche Entwicklung. Zum anderen lässt sich der Zins gar nicht abschaffen. Versucht man dies offiziell, entsteht ein illegaler Markt, auf dem dann freilich (wie im Mittelalter) wegen der zusätzlichen Risikoprämie sehr viel höhere Zinsen zu zahlen sind.

Aber wir müssen gar nicht bis ins Mittelalter zurückblicken, um zu sehen, was eine Abschaffung des Normalzinses bedeuten würde. Schließlich wurde im 20. Jahrhundert in den Vereinigten Staaten ein entsprechendes Experiment großflächig durchgeführt, indem das Zinsnehmen zwar nicht untersagt, der Maximalzins aber begrenzt war. Dadurch wollte man eine Ausbeutung der Schuldner verhindern. Das Ergebnis war ein Schwarzmarkt, der - neben der Alkoholprohibition - die zweite lukrative Einkommensquelle der Mafia war und ihr die Möglichkeit bot, eine Parallelgesellschaft aufzubauen. Diese verschwand leider auch nicht mehr, nachdem die Zinsen erneut freigegeben und die Prohibition aufgehoben war, denn die Unternehmer der Parallelgesellschaft sahen sich nach anderen Betätigungsfeldern um, dem Drogenhandel und der Prostitution.

Auch hier waren die Zinsen wegen der Risikoprämie überhöht, wobei das Risiko für den Verleiher dadurch begrenzt werden konnte, dass illiquide Schuldner notfalls liquidiert wurden. Das erhöhte deren Zahlungsbereitschaft auch unter erschwerten Bedingungen drastisch.

Hinter dem Normalzins steckt offensichtlich etwas anderes als Geldgier. Menschen sind üblicherweise bereit, eine Prämie zu zahlen, wenn sie Konsum heute tätigen können, obwohl ihnen die finanziellen Mittel dafür eigentlich nicht zur Verfügung stehen. Umgekehrt erwarten sie für ihre Bereitschaft, Konsum von heute auf morgen zu verschieben, eine Belohnung. Der Zins ist der Preis, welcher den Ausgleich zwischen jenen schafft, die Konsum vorziehen wollen, und jenen, die bereit sind, ihn aufzuschieben. Die hier zugrunde liegende Minderschätzung zukünftiger Bedürfnisse ist nicht ein Resultat der Geldwirtschaft, sondern vermutlich eine ontologische Gegebenheit des Menschen, die man nicht einfach abschaffen kann. Negiert man sie, indem man den Normalzins verbieten will, wird sich ein Schwarzmarkt mit all seinen negativen Begleiterscheinungen bilden.

 

Dabei ist genau diese Eigenschaft wichtig für die wirtschaftliche Entwicklung, und sie macht einen wesentlichen Unterschied zwischen Mensch und Tieren aus. Dass der Mensch bereit ist, Konsum hinauszuschieben, wenn er dafür später umso mehr konsumieren kann, erlaubt es, "Produktionsumwege" zu gehen. Sie ermöglichen es, zu einem späteren Zeitpunkt umso mehr zu produzieren.

Damit werden Anreize zu technischer Entwicklung gesetzt. Ohne positiven Realzins fehlen solche Anreize. Daher ist es auch nicht erstaunlich, dass die mittelalterlichen Gesellschaften, die das Zinsverbot kannten, kaum wirtschaftliche Entwicklung aufwiesen. Und das Gleiche gilt heute für die islamischen Gesellschaften, die, soweit sie ein Zinsverbot kennen, auch nicht gerade Beispiele florierender wirtschaftlicher Entwicklungen sind - selbst wenn sie über enorme Ressourcen verfügen.

Gebhard Kirchgässner ist Professor für Wirtschaftspolitik und Ökonometrie an der Universität St. Gallen. Auf ihn antwortet in der kommenden Woche Brigitte Unger , Ökonomieprofessorin der Universität Utrecht.