Das Internet hat  der Pornografie eine neue Dimension eröffnet. Da drückt sich niemand mehr in dunklen Ecken herum, um verschämt in einem Sexshop zu schlüpfen und heimlich  schmuddelige Heftchen oder Videos zu kaufen.  Im Netz kommt der Konsument nicht nur einfacher, anonymer und preisgünstiger an die Bilder vom nacktem Fleisch und kann sich aus einer riesigen Auswahl bedienen. Er wird darüber hinaus, wenn er will, vom passiven Zuschauer zum aktiven Darsteller oder Mitspieler.

Weil das Internet besteht, müssen wir uns mit neuen Gefahren der Pornografie auseinandersetzen, die weit über die klassische feministisch-moralische Diskussion hinausgehen. Und wir müssen lernen, Phänomene neu zu bewerten. Denn vieles funktioniert zwar wie früher auch schon,  sowohl in seiner harmlosen als auch in seiner grausamen Spielart. Doch die Interaktivität macht es nicht nur viel leichter als früher, Sexualpartner zu finden. Sie fordert auch ständig nach dem neuen Kick. Nicht jeder kommt damit zurecht, und manchen verleitet es zu Dingen, die ihn im realen Leben tief erschrecken lassen würden.

Inzwischen agieren nicht mehr nur vereinzelte Webcam-Besitzer, deren private Seiten man suchen muss. Etliche Portale stellen große Porno-Sammlungen zur Verfügung. Zum bekannten Portal für private Filme YouTube gesellt sich zum Beispiel eine Seite, die sich YouPorn nennt. Menschen laden hier ihre Lieblingsszenen hoch oder zeigen ihre eigenen Geschlechtsteile beim Sex ganz umsonst und der ganzen Welt. Normale Leute imitieren die Profis. Die Titel der Filmchen heißen ganz vertraut Hot Asian Chick , Tanja Schlampe wird vollgespritzt oder Schoolgirl . Nicht immer ist man sich sicher, ob die Darsteller volljährig sind. Wer doch Geld damit verdienen will, kann das bei My dirty hobby versuchen – so eine Art eBay für Pornos, wo der Produzent auf die guten Bewertungen der Betrachter angewiesen ist. Es gibt auch kleinere Anbieter wie die Suicide Girls, die eine Perspektive einnehmen, die Frauen besser gefallen soll.

Egal über welchen Kanal sie vertrieben wird, Pornografie zeigt Menschen als Objekte der Begierde, sie zeigt die Genitalien, aber nicht die psychischen und zärtlichen Seiten von Sexualität in einer Partnerschaft. Deshalb gilt sie vielen Menschen auch in ihrer legalen, gewaltfreien Form als obszön und sozial nicht akzeptabel. Doch ist Pornografie immer auch Gewalt und gefährlich?

Die Zeitschrift Emma behauptet, dass Pornografie grundsätzlich mit sexueller Gewalt gleichzusetzen ist und hat gerade ihre dritte Kampagne gegen die Pornografisierung der Gesellschaft (PorNo) gestartet . Es gibt aber auch die gegenteilige These, dass Pornografie eine Art kathartischen Effekt hat, also als „Sicherheitsventil“ dienen kann. Demnach soll sie gefährdete Menschen davor bewahren, solche sexuellen Fantasien in die Realität umzusetzen, die andere oder sich selbst schädigen könnten.

Der Sexualwissenschaftler Andreas Hill vom Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie am UKE in Hamburg hat diverse Studien zum Thema untersucht und ausgewertet ( Pornografie und sexuelle Gewalt im Internet ). Er kommt zu dem Schluss, dass Pornografie nur einer von vielen Faktoren ist, die sexuelle Gewalt provozieren kann. Nach seinen Auswertungen ist zumindest die Softcore-Pornografie, also Bilder von nackten Menschen, zum Beispiel im Playboy oder auf den Titelseiten des Stern harmlos. Auch gewaltfreie Hardcore-Pornos sind es meist, selbst wenn sie Aggressionen in bestimmten Situationen steigern können. Die H&M-Bikini-Schönheiten auf den Plakaten an den Bushaltestellen jedenfalls erregen oder verärgern zwar eventuell die Leute – sie lösen aber wahrscheinlich keine Aggressionen gegen Frauen aus, wie Emma unterstellt.