Satellitenbilder Scheuklappen fürs fliegende Auge

Google Earth & Co. bieten inzwischen Aufnahmen selbst durchs Küchenfenster an. Ein neues Gesetz soll hierzulande die Verbreitung solcher Bilder begrenzen. Aus Sicherheitsgründen, nicht zum Datenschutz

Vor wenigen Jahren noch waren Satellitenbilder nur wenigen zugänglich. Sie waren irrsinnig teuer, streng gehütet und meistens dem Militär vorbehalten. Inzwischen gibt es Google Earth und Microsoft Visual Earth, jeder kann sich die Erde via Internet von oben begucken und dabei gelegentlich sogar geheime U-Boote entdecken – oder, je nach Verfügbarkeit, den Nachbarn in seinem Garten oder seinem Haus. In beeindruckender Auflösung und kostenlos.

Trotzdem arbeitet die Bundesregierung eifrig an einer Vorschrift, die genau diese Schaulust begrenzen möchte. Satellitendatensicherheitsgesetz (SatDSiG) heißt der Entwurf, der derzeit im Bundestag diskutiert wird. Der regelt, dass nicht jeder einfach Satellitenbilder verkaufen darf, nur weil er dazu in der Lage ist. Die Betreiber sollen zu diesem Zweck künftig eine Zulassung brauchen. Und sie sollen verpflichtet werden, jede Anfrage nach Bildern aus dem Orbit nach bestimmten Kriterien zu prüfen – und im Zweifel abzulehnen.

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Auslöser für das Gesetz ist freilich nicht der Run auf die Angebote von Google Earth & Co., sondern die Tatsache, dass nun auch die Bundesrepublik einen Satelliten mit scharfen Augen hat. TerraSAR-X heißt das Wunderding, das bereits im All ist und ab Anfang des kommenden Jahres vollständig in Betrieb sein soll. Bei TerraSAR-X macht nicht eine optische Kamera die Fotos, sondern ein Radargerät, das Strahlen im Mikrowellenbereich aussendet und aus den reflektierten Daten Bilder errechnet. Deutschland ist führend in dieser Technologie, die auch bei Nacht und durch Wolken hindurch scharfe Aufnahmen erzeugt.

Unter anderem um dieses Know-how zu schützen, hat die Bundesregierung den Gesetzentwurf eingebracht. Schließlich müsse man sicherstellen, dass Deutschland seinen technologischen Vorsprung behalte, sagt Edelgard Bulmahn, ehemalige Forschungsministerin und für die SPD nun Vorsitzende des für das Gesetz zuständigen Ausschusses für Wirtschaft und Technologie.

Offizielle Begründung ist jedoch der Schutz der „Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland“. Sorgen macht der Bundesregierung vor allem die zunehmende Qualität der in Satelliten installierten Kameras. Im Vorwort zur Gesetzesbegründung heißt es: „Diese Daten sind sicherheitsrelevant: Wirkungen von Waffen oder politische Drohungen können durch diese Erdfernerkundungssatelliten erheblich verstärkt werden.“ Mit dem Gesetz sollen daher „die sicherheits- und außenpolitischen Interessen der Bundesrepublik gewahrt werden“.

So einfach ist das allerdings nicht. Denn es reichen schon die Bilder von kostenlosen Angeboten im Netz, um beispielsweise die Route für einen Marschflugkörper zu berechnen – abgesehen davon, dass, wer einen Marschflugkörper hat, meist auch genug Satelliten für eigene Bilder besitzt. Auch potenzielle Anschlagsziele kann man mit Google Earth oder den Konkurrenzangeboten jetzt schon prima auswählen. Tom F. und Osman Z. beispielsweise, die beiden, die den Pop-Produzenten Dieter Bohlen daheim überfielen und deswegen derzeit vor Gericht stehen, hatten sein Anwesen in Tötensen bei Hamburg laut eigener Aussage dank Google Earth lokalisiert.

Leser-Kommentare
  1. 1984 ist nun trotz einschränkenden Gesetzen bereits übertroffen. Brauchen wir nun radarabweisende Tarnnetze für den Gaten? - Brave new world!

    • Anonym
    • 12.09.2007 um 11:37 Uhr

    Überall sind wir sichtbar. Bald auch im Schlafzimmer?
    Wird so ein neuer Mensch heranwachsen - hoffendlich ein guter!

  2. Es wäre der durchaus kontrovers debattierbaren Sache dienlich, wenn sich der Verfasser des Artikels vorab wenigstens über die Fakten informiert hätte.
    1. Daten von Erdbeobachtungssatelliten sind seit jeher jedem frei zugänglich, die Grundlagen dafür sind in den "United Nations Treaties and Principles on Outer Space" formuliert, die oft auch als "Open Sky Policy" bezeichnet werden. Als Einschränkung wird dort lediglich gefordert, dass solche Aufnahmen nicht den legitimen Rechten und Interessen der erfassten Staaten entgegenstehen dürfen.
    Sofern man über das notwendige Kleingeld verfügt, kann man also Daten beliebiger Gebiete bei den kommerziellen Satellitenbetreibern kaufen. Bei 1m-Pixel Daten ist man ab 20$ für den qkm dabei. Auch Google kauft dort ein.
    2. Das Urban Fairytale von der Personenüberwachung aus dem All ist offenbar nicht auszurotten. Erdbeobachtungssatelliten fliegen in Höhen von 400-900 km über dem Boden, dazwischen ist viel Atmosphäre, die der maximalen Auflösung physikalische Grenzen setzt. Selbst bei 30cm Auflösung würde ein Mensch lediglich ein schwarzes Pixel hinterlassen, und das bei einer Wiederholrate von bestenfalls 10 Tagen. Ein solch hochauflösender Sensor zeichnet nämlich nur noch einen ca 10 km breiten Streifen auf. Die technischen Spezifikationen der Sensoren und die Datenkataloge der Anbieter sind im Web öffentlich zugänglich.
    3. Radarsatelliten können nachts und durch Wolken hindurch aufnehmen, weil sie nicht auf die Beleuchtung durch die Sonne angewiesen sind, sondern selbst Mikrowellenpulse abstrahlen, deren Rückstreuung gemessen wird (SAR). Auch hier ist die Auflösung (Apertur) physikalisch begrenzt, zudem ist die Bildinterpretation schwierig, da nicht im sichtbaren Licht aufgezeichnet wird, sondern im cm-Wellenlängenbereich.
    4. Natürlich weisen derart detaillierte Daten sicherheitsrelevante Brisanz auf, und daher muss die Zugangsberechtigung geregelt werden. Vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion waren auf politischen Druck auf dem freien Markt keine Daten mit Auflösungen besser als 10m erhältlich. Nachdem aber die Daten sowjetischer Militärsatelliten den Markt überschwemmten, wurde auch von den USA diese Beschränkung fallen gelassen und private Anbieter haben nachgezogen.

    Eine Leser-Empfehlung
    • Cg
    • 12.09.2007 um 13:28 Uhr

    Geheimhaltung zum Erhalten eines Vorsprunges? Das weckt in mir das Bild eines Sprinters, der, an der Spitze des Feldes, sich selbst in Beton gießt, anstatt weiter zu laufen. ^^

  3. Redaktion

    @ adverumbonum

    Eben. Weil solche Bilder problemlos erhältlich sind, ist es Unsinn, in Deutschland den Zugang begrenzen zu wollen.

    Und zu dem urbanen Märchen: Es geht bei diesen Daten nicht darum, dass Sie als Person identifizierbar sind. Es geht viel mehr darum, dass zum Beispiel eine Versicherung problemlos prüfen kann, ob Ihr Grundstück in einem Hochwassergebiet liegt und Sie sich wundern, warum sie keine Police gegen Wasserschäden bekommen.

    Im Übrigen soll auf dem SAR-Satelliten im kommenden Jahr ein "experimenteller Modus" starten mit dem Ziel, seine Auflösung auf unter einen Meter zu senken.

  4. Diese "Problematik" sieht für mich doch eher nach einem Versuch Europas aus, sich mit der eigenen Technologie in den Vordergrund zu spielen und die schon seit langem bestehende amerikanischen Firmen auszubooten.
    Soweit es um sicherheitsrelevante Bilder geht (z.B. AKWs, BW-Anlagen, Reichstag u.ä.) wäre es doch bedeutend einfacher, wenn lediglich deren Darstellung auf eine weit schlechtere Auflösung reduziert werden würde. Sicherlich kann mittels dieser Bilder auch der einfache Privatmensch ausgekundschaftet werden - aber das tun BLÖD-Leserreporter auch recht massiv, ohne dass dagegen ein Gesetz erlassen worden wäre oder auch nur darüber nachgedacht wird.
    Entweder will unsere ach so gemeinwohlorientierte Regierung damit also die eigene Satellitenfirmen vor der Konkurrenz schützen, indem sie ihr Zeit zur Entwicklung und Marktentfaltung verschafft, oder aber es ist das übliche Einknicken vor amerikanischen Forderungen...

    Aber bei der Privatsphäre geht es ja auch nicht um ein nationales Sicherheitsgut.
    Sehr gut erfasst und leider wird dies wohl tatsächlich die Ansicht der Herren Staubsuagerver... äh Volksvertreter darstellen.

  5. Das Mar von der überall-jedermann-sichtbarkeit...
    eben keine Realität...
    Technisch wäre das machbar, aber was ist Überwachung wert, wenn die heutigen Satelliten eine globale Überwachung mit 1 Bild pro Monat und einer Auflösung von 100 qm/Pixel liefern??
    Natürlich werden spezielle Gebiete (bewohnte zivile Gebiete ohne nationale Sicherheitsstufe) mit höherer Auflösung und Bildrate/Zeit abgescannt, auf Anfrage - und darauf kommt es an - kann man beim Satellitenscan-Betreiber ein spezielles Gebiet noch häufiger mit höherer Bildwechselrate und Auflösung beobachten, aber bitteschön das nicht weltweit und gleichzeitig.
    Dazu müsste die Anzahl der Satelliten verzehntausendfacht werden und die Datenübertragungsrate mindestens verhundertfacht, von der Anzahl der bildverarbeitenden stationären Computer und deren Schnelligkeit in der Prozessverarbeitung ganz zu schweigen.
    Also soweit zum Mär von --Google-earth für jedermann und allezeit sooft wie möglich--.

    Vieleicht sind ja auch Verschwörungstheorien jeglicher Art
    eben nur hochgebauschte Auswüchse humaner Angstphobien, denen real einfach nur menschliche Schlamperei, Unwissenheit, mangelnde Sicherheit und Unvorbereitetheit
    gegenübersteht ( zB 9/11 2001 Twintowers...).
    Es ist bekannt, dass wenn der MEnsch etwas nicht durchschauen kann, er fabulöse Theorien um jenes Ungewisse strickt - man nennt das auch Black-box-phenomena....

    • dwerle
    • 24.09.2007 um 14:45 Uhr

    Kaum ist ein weiteres fliegendes Auge im All, diesmal deutscher Machart, werden Rufe nach Sicherheits-Scheuklappen laut, oder es erregen sich Gemueter, die Paparazzi Plagen prophezeien. Wir sollten uns aber darueber im Klaren sein, dass diese weitgehend vom Steuerzahler finanzierten Projekte ein Teil der oeffentlichen Infrastruktur raeumlicher kartografischer Art sind und daher auch dem Bundesbuerger im gebotenen und flaechendeckenden Mass zur Verfuegung stehen sollten. Deshalb sollte es keine kategorischen Scheuklappen geben, sondern nur maessige Anwendung von Zuegeln in speziellen Faellen. Zum andernen waere es wuenschenswert und obendrein dringlich, wenn sich die Nutzung der Daten sowie die Debatte darueber bald auf eine informierte und wissenschaftlich fundierte Umweltbeobachtung des Landes, der Kuesten und der Meere konzentrieren koennte. Denn das sollte doch das eigenliche Ziel dieser Satellitentechnologie sein. Oder?

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