Sommertagebuch Zwei Wünsche: Essen und schlafen
Der Schauspieler Claude Oliver Rudolph quält sich für die Verfilmung von Hape Kerkelings "Ich bin dann mal weg" über den Jakobsweg
6. August
Ich fliege für die Verfilmung von Hape Kerkelings
Ich bin dann mal weg
; er beschreibt in diesem Buch, wie er den Jakobsweg im Norden Spaniens beschritten hat – via Madrid nach Pamplona. Oder erstmal nicht: ich komme in Düsseldorf Flughafen um 11 Uhr 45 an, der Flug geht um 12 .50 Uhr, die Idioten nehmen mich aber trotzdem nicht mit: das Schalterpersonal ist schon gegangen. Also umgebucht, aber leider nur bis Barcelona, von dort weiter nach Pamplona. Komme erst um 24 Uhr 30 an – und mein Koffer ist weg. Nun, zu Essen gibt’s selbstredend nichts im Hotel, der Wein ist warm und die Bar macht um eins zu.
Mein Kleiner, Davide, macht mir keine Sorgen, ihm fehlt der Papone nicht besonders, da er mit seinem Freund Thibauld im Wald ein Luxus-Baumhaus baut. Meine Große, Oona, bereitet sich gerade auf ihr Kunst-Akademie vor, sie ist nach einem Stipendium in Frankreich jetzt auf der Städel-Schule in Frankfurt aufgenommen. Da sie gerade einen Film mit mir gedreht hat, hält sich ihre Sehnsucht nach Papone auch in Grenzen. So kann ich unbeschwert konzentriert gehen, einfach gehen, wie Strasberg eine Bühnenübung vor vielen Jahren genannt hat. Einfach gehen!
7. August
Keine Nachricht von meinem Gepäck. Ich kriege vom Sender ein Not-Set: ein Paar Puma, die zu groß sind und drücken, eine Jogginghose, die für einen Riesen gemacht zu sein scheint, zwei Zahnbürsten und Pasta vom Lidl-Markt in St.Jean-Le-Pied-Pont. Was so toll klingt, ist eine Mischung aus Rothenburg ob der Tauber und Rüdesheim in der Hochsaison: nur Pilger-Krimskrams und Pilger-Abzocke.
Ich esse ein Super-Pilger-Menü-extra: 8.50 Euro für eine schwabbelige Scheibe lauwarmer Quiche und Salat. Nix wie los, um die Pyrinäen zu überqueren. Meine erste Etappe morgen hat 35 Kilometer und führt bis nach Pamplona.
8.August
Immer noch nichts von meinem Koffer. Na, trage meine Unterhose ja auch erst seit drei Tagen.
9. August
Wandere durch unglaubliche Landschaften, bis hoch auf 2468 Meter. Huhu, hier wird’s neblig und bitterkalt. Adler in der Höhe und Wildpferde, tote Gerippe allenthalben - fast wie in der Mongolei. Okay, so stelle ich mir die Mongolei zumindest vor.
Danach, nach 35 harten Kilometern, runter nach Kloster Roncesvalles, durch einen Zauberwald mit Geckos und allerlei Schmetterlingen. Ein Mistkäfer fliegt surrend an mir vorbei.
Im Kloster ist wieder eifriger Geschäftsbetrieb wie auf der Cranger Kirmes.
Einige Euros im Internetcafé des Kosters gelassen und dann ab ins Hotel mit zwei Wünschen: Essen und schlafen. Man wird friedfertig und bescheiden nach 35 Kilometern zu Fuß.
Das Essen ist eine Art Corned Beef – aufgewärmt und in Scheiben geschnitten, dafür ist der Rosé aus Navarra ein Hammer. Wir spielen bis morgens "Film & TV Quiz". Ich hab natürlich gewonnen.
10. August
Am Morgen von Egui nach Larasoannas, schlappe 26 Kilometer, sagt der Reiseführer. Durch eine Art Elsass, das in Wirklichkeit Baskenland heißt, geht es über Wiesen und Felder.
Merke: die Tiere, Pferde wie Rinder und junge Stierchen, sind nicht von Stacheldraht umzäunt. Sie sind frei! Wir sind im Baskenland. Immer öfter sehe ich das Anarcho-Zeichen an Häuserwänden. Überquere den Fluss Agro und schlage mich durch Brombeerhecken wie in Dornröschen blutig bis zum anderen Ufer durch. Irgendwann, das Zeitgefühl geht schon mal wegen Dehydrierung verloren, holt mich auch der Teambus ein.
Die angegebenen 26 Kilometer waren mindestens 35. Trau keinem Reiseführer! Zwei Wünsche: essen und schlafen. Es gibt einen widerlichen Hammel. Um 22 Uhr bin ich im Bett und deliriere noch ein wenig durch Hape Kerkelings Buch.
12. August
Von Laurasoannas nach Pamplona. Durch anfänglich schöne Wälder durch verlauste, verlassene Dörfer und Neubaugebiete wie aus Paderborn. Denke merkwürdigerweise an Shakespeare: Niemand verstand, warum in Venedig einer Yago heisst. Jetzt hab ich die Lösung: Sant Yago heisst Saint Jacques auf Französisch, also Jacob heißt der Bösewicht. Shakespeare hat Landessprachen und Geographien schon mal durcheinandergebracht. Nach Vororten, hässlich wie in Tschechien, komme ich nach Pamplona, welches, wie ich lese, eine Städtepartnerschaft hat mit: PADERBORN!!!
14. August
Pamplona nach Villarete. "Auch für ungeübte Wanderer zu schaffen“, sagt der Reiseführer. Nach einigen Höhen wie auf Norderney und nach etwa fünf Stunden Gehen bin ich gut durchgegart in Villarete angekommen: Ortskern aus dem 12. Jahrhundert. Ort ansonsten hässlich. Die Stierkampfarena haben sie praktischerweise hinter eine Neubausiedlung geknallt.
Der ganze Ort ist heute in Kirmesstimmung: Santa Maria Vergine- Mariä Himmelfahrt bei uns. Laute Kinderclowns mit Mikros an den Köpfen und lustigem „Luftballonbiegen“ – genau so schrecklich wie in Deutschland. Kann sich denn wirklich jeder „Clown“ nennen? Ich weiß ja: Schauspieler kann sich jeder Arsch nennen...
Dafür bei einem Händler mit schwarzafrikanischem Migrantenhintergrund eine Chanel- und eine Ray-Ban-Brille für zusammen 19 Euro erstanden. Dat ist ja mal ein Schnäppchen!
Die Suche nach einem Restaurant gestaltet sich spannend: die beiden einzigen verwanzten Buden im Ort: completo! Ist klar: Heute Abend Fiesta mit Band und morgen Stierkampf. Also ab ins nächste Kaff, acht Kilometer weiter. Ein schönes Hotel in Parkanlage, praktischerweise hat das Restaurant im Sommer geschlossen. Ne, ist klar, ist ja nur Hochsaison. Nun ja, wir sind hier im Baskenland, da ticken die Uhren ein wenig anders. Weiter ins nächste Kaff, aber weit und breit alle Restaurants geschlossen. Wir finden schließlich eine Disco-Bar
Canada
, dort gibt es zum Rosé Limonade statt Mineralwasser, aber egal, wir spielen wieder Filmquiz. Und ich gewinne wieder. Die Kellnerin ist süß und gepierct und kriegt 20 Euro Trinkgeld.
Die Fiesta wird später noch lustig: drei echt gutaussehende Spanierinnen, eine dünne schwarzhaarige, eine Brünette mit dicken Beinen in Netzstrümpfen und eine Blonde – wohl die Chefin – mit falschen Locken und Botox-Lippen, geben das gesamte Repertoire der spanischen Top-Hits. Ich werde ich richtigerweise als Mickey Rourke erkannt und mache dementsprechend Fotos fürs Familienalbum. Später am Abend lege ich mit Charlotte, der echt blonden Norwegerin, eine heiße Sohle aufs Parkett. Echt machomäßig mit Sonnenbrille auf. Wo ich Tanzen doch sonst so hasse wie der Teufel das Weihwasser.
15./16. August
Burgos. Die Hauptstadt des Baskenlandes. Sehr schöne Altstadt mit majestätischem Zuckerbäcker-Dom – erinnert mich an den Kölner Dom. Und tatsächlich: zwei der Baumeister, Hans und Heinz, waren an beiden Kathedralen beteiligt. Innen voller Katholikenzauber: Gold, Silber, Ahnen in Glassärgen, Bilderflut aus dem 12. bis 17. Jahrhundert. Zwei echte Tintorettos habe ich mir lange angeschaut - waren Leihgaben hinter Glas aus dem Prado. Schöner Springbrunnen mit Geistern und Putten - wie in Herborn Dillkreis auf dem Marktplatz. Erkenntnis des Tages: Vor Kunst in solcher Pracht als Fingerzeig auf die Herrlichkeit Gottes wird der Mensch ganz klein.
- Datum 31.12.1899 - 01:00 Uhr
- Quelle ZEIT online
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