Energiepolitik "Abschied vom billigen Strom"Seite 3/3

ZEIT online: Wo gibt es dabei den größten Harmonisierungsbedarf?

Kohler: Wir brauchen einen Ausbau der Kuppelstellen, also der Grenzübergänge der Stromnetze: Bislang sind die Netze viel zu stark auf nationale Bedürfnisse abgestellt. Außerdem brauchen wir harmonisierte Förderbedingungen für erneuerbare Energien, damit wir kein Ungleichgewicht haben. Auch die Bereitstellung von Regel- und Reserveenergien müssen europaweit noch besser harmonisiert werden. Denn auch Spanien oder Frankreich speisen Windstrom ein, das müssen wir europaweit koordinieren.

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ZEIT online: Wie sieht die optimale europäische Energiepolitik aus? Frankreich schafft mit GDF-Suez einen riesigen Energiekonzern – gleichzeitig aber favorisiert die EU-Kommission mehr Wettbewerb unter den Anbietern. Was ist der richtige Weg?

Kohler: Die Diskussion um eine „zentrale oder dezentrale Energiepolitik“ ist völlig unsinnig. Wir brauchen natürlich deutsche Unternehmen, die im internationalen Konkurrenzkampf mit BP, Shell oder Gazprom bei der Rohstoffbeschaffung mithalten können. Eine andere Frage ist der Bau und Betrieb von kundennahen Erzeugungsanlagen, wie etwa Blockheizkraftwerke. Hierfür sind eher kommunale und regionale Energieversorger geeignet. In Deutschland gibt es 900 Energieversorger: eine gute Mischung von kleinen, mittleren und großen Unternehmen.

ZEIT online: Wie hoch sollte der Strompreis aus konventionellen Energien am Ende sein? Die Verbraucherschützer sagen: schön niedrig. Die Erneuerbare-Energien-Lobby sagt: schön hoch, damit wir endlich konkurrenzfähig werden.

Kohler: Natürlich liegt die Wahrheit in der Mitte. Aber es ist falsch, als Kunde nur nach einem günstigen Kilowattstundenpreis zu rufen. Wichtig sind die Kosten für die Bereitstellung einer Energiedienstleistung, etwa gekühlte Nahrung. Mit einem Kühlschrank der Energieeffizienzklasse A++ kann ich meine Kosten senken. Ein Vier-Personen-Haushalt kann durch Einsparmaßnahmen seine jährliche Stromrechnung von rund 750 Euro um bis zu 300 Euro reduzieren. Wir müssen Abschied nehmen von der Hoffnung auf billigen Strom. Wir haben massive Anforderungen an den Klimaschutz. Die Bundesregierung will bis 2020 die Kohlendioxidemissionen um 40 Prozent reduzieren. Da muss man den Stromkunden die Illusion nehmen, solche Ziele seien mit gleichzeitig sinkenden Kilowattstundenpreisen zu haben.

Seit Gründung der dena im Jahr 2000 ist Stephan Kohler ihr Geschäftsführer. Die dena sieht sich als Kompetenzzentrum für Energieeffizienz und erneuerbare Energien. Gesellschafter sind die Bundesrepublik Deutschland und die KfW-Bankengruppe. Die Agentur finanziert sich aus privaten und öffentlichen Mitteln. Die großen vier Energieversorger E.On, RWE, Vattenfall und EnBW sind unter anderem Projektpartner der dena bei der aktuellen Netzstudie II. Zuvor war Kohler Geschäftsführer der Niedersächsischen Energie-Agentur und Leiter des Bereichs Energie des Öko-Instituts in Freiburg.

Die Fragen stellte Marlies Uken.

 
Leser-Kommentare
  1. Immer wieder die gleichen dümmlichen Allgemeinplätze aus Lobbyistenmund.

    Der Wettbewerb funktioniert eben überhaupt nicht - denn wenn er es täte, gäbe es diese ganze Diskussion nicht.

    Was soll denn die Netzagentur regeln, wenn sie nirgends reingucken darf - ihr also politisch die Hände auf dem Rücken gefesselt wurden?

    Die Netzgebühren sind mindestens 4 Cent zu hoch und der eigentliche Strompreis ebenso. Die Bürger werden bei jedem Kilowatt verbrauchtem Strom von den Konzernen um 8 Cent geprellt - daher kommen die ständigen Milliardengewinne - und nun fabulieren sie schon wieder von 10% bis 15% Erhöhung. Es geht nur um Marktmacht und Gewinne für Vorstände und Aktionäre - nicht um abgezockte Verbraucher an maroden ungepflegten Netzen.

    Von den angesprochenen 900 Energieversorgern sind doch allenfalls 5% wirklich frei und selbständig - die anderen gehören direkt oder indirekt zu den vier großen Konzernen oder mussten extrem langfristige Lieferverträge mitsamt automatischen Preissteigerungsklauseln akzeptieren.

    Alleine bei dem Geschwafel um "Produkte" und "Bereitstellung einer Energiedienstleistung" und dem Hinweis, dass man eben A+++ Geräte zum Strom sparen bräuchte, kommt einem die Galle hoch. Die Dinger kosten auch Geld.

    Natürlich wollen und müssen viele sparen, aber 300 € = 40% von 750 € sind illusionär und ziemlich weit her geholt. Auch kann man nicht alle 3 Monate den Versorger wechseln.

    Das Kohler seine und die Lobbyistenmeinung der DENA (und damit wohl auch die der Bundesregierung und der Konzerne) verbreitet ist die eine Sache. Das aber die ZEIT-Redaktion, da nicht gegenhält, sondern auch noch in einer ganzen Artikelserie fast ins gleiche Horn tutet - das ist der eigentliche Skandal.

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