Brigitte Unger thematisierte in ihrem Text Regionalwährungen. Sie weist auf ein grundlegendes Problem unserer Geldordnung hin, das heute angegangen werden sollte.

Klicken Sie auf das Bild für alle Artikel zur Diskussionsreihe über Geld, Zins und Alternativen zur herrschenden WirtschaftsordnungFür viele Zeitgenossen ist noch zu wenig deutlich, worum es sich beim Geld eigentlich handelt: um eine Weltbuchhaltung von Leistungs- und weiteren sozialen Beziehungen der Menschen. Sie hilft, Probleme zu sehen und zu lösen. Die Hauptaufgabe des Geldes liegt in der Abrechnung von Güter- und Dienstleistungsströmen (kurz: Leistungsströmen) und macht uns bewusst, welche Menschen in welcher Weise an dem Füreinander der Leistungserstellung beteiligt sind. Sekundärfunktionen wie Wertaufbewahrung oder Wertmessung kann das Geld nur erfüllen, wenn es zuvor diese Primäraufgabe erfüllt.

Unsere gegenwärtige Geldverfassung hat, wie wir distanziert bemerken, zur Folge, dass immer größere Kapitalmassen, anstatt real in die Produktion von Güter- und Dienstleistungen investiert zu werden, spekulativen "Investitionen" dienen. Wird mit diesem Finanzkapital spekuliert statt es real zu investieren, trägt es nicht zur Wertschöpfung bei. Hierdurch werden heute "Scheinwerte" vermehrt, obwohl sich – beispielsweise an der Beschaffenheit einer der Spekulation zugrundeliegenden Immobilie – durch das Auf und Ab ihrer Finanzbewertung real nichts ändert. An der Börse wird umverteilt, aber es werden letztlich keine Werte geschaffen (nur etwa zwei Prozent des Handelsvolumens der Börse dienen der Kapitalaufnahme der Unternehmen); es kommt so zu einer Fehlakkumulation, die durch die dabei entstehendenden Vermögensunterschiede an feudale Machtverhältnisse erinnert.

Würde das so akkumulierte Kapital investiv der Leistungserbringung für die Gesellschaft dienen, wäre das vielleicht noch zu rechtfertigen, wenngleich es auch hier geböten wäre, unsere Eigentumsverfassung und ihre Sozialverträglichkeit zu überdenken. Fließt Geldkapital hingegen vornehmlich in die Spekulation, führt dies auf Dauer zur sozialer Erosion unserer Gesellschaft. Wie lässt sich diese Akkumulation oder Stauung des Geldes in den angesprochenen Spekulationskreisläufen verhindern oder zumindest auf ein nicht bedrohliches Maß reduzieren? Dieser Fragestellung ist Rudolf Steiner (1922) unter dem bildhaften Ausdruck vom „Altern des Geldes“ in der Befassung mit Silvio Gesell nachgegangen.

An dieser Stelle erscheint ein umfassenderes Bewusstsein für das, was Geld seinem Wesen nach ist, erforderlich. Dazu sei folgende, von Hardorp in der Auseinandersetzung mit Steiners Frage vorgelegte Definition angeführt: Geld ist das gesellschaftlich (rechtlich) verbindlich geformte – in der Regel in Münzen, Noten oder digitaler Form dokumentierte – gesellschaftliche Bewusstsein von der Bewältigung sozialer Grundaufgaben durch Kaufen, Leihen oder Schenken (widmen/stiften) von erzeugten wirtschaftlichen Werten für 1.) konsumptive Leistungsbezüge (Verbrauch oder Gebrauch) zum Lebensunterhalt, 2.) unternehmerischer Initiativentfaltung in abrechenbaren Investitionsprozessen ("Produktionsumwegen") oder 3.) in finanziellen Widmungsprozessen zur Ermöglichung kultureller Entwicklungsschritte in Wissenschaft, Bildung und Kunst.

Ersteres stärkt das Bewusstsein für das Füreinander-Tätigsein (Arbeitsteilung) im allgemeinen Wertschöpfungsstrom (hier liegt auch die Bedeutung der Regionalwährungen), das zweite ist für das Bewusstsein über diese gesellschaftlich sinnvollen unternehmerischen Produktionsumwege (mit Ertragssteigerungswirkung) und deren finanzielle Abwicklung durch Kredit und Tilgung nötig. Das dritte führt zum Bewusstsein für die gesamtgesellschaftlichen Innovationsprozesse vor allem des Bildungswesens (Fähigkeitenentwicklung und -erneuerung) und der Erkenntnis der Bedeutung der finanziellen Ermöglichung und Erhaltung der geistigen Regenerationsfähigkeit einer Gesellschaft (Familie und Familienarbeit).

 

Jeder Versuch, diesen Stufenprozess des Geldwesens statt durch jeweils aktuelle gesellschaftliche Bewusstseinsakte der Konsensbildung durch eine automatisierte Geldentwertung (Schwundgeld) oder durch regional eng begrenzte Geldkreisläufe zu erreichen – der Euro ist in dieser Sicht eine Regionalwährung für den europäischen Raum und damit weniger eng begrenzt –, entbindet scheinbar von der Anstrengung, die jeweilige Lage, das heißt das für Widmung in Betracht kommende Zusatzertragspotenzial in der gesellschaftlichen Wertschöpfung ("technischer Fortschritt") bewusst ins Auge zu fassen und in assoziativen Konsensprozessen zu möglichen und wünschenswerten Ertragswidmungszielen zu leiten. Es mindert die Aufmerksamkeit für diese Widmung statt sie zu schärfen und real zu "justieren".

Die als Grundeinkommen rückvergütete ("negative") Konsumsteuer trägt – wie andere Ertragswidmungen – zum Abbau des bedrohlichen Staus im Bereich des Finanzkapitals bei. Als Grundeinkommen könnte "reifes" Geld – ein Zeichen widmungsfähiger Erträge – vermehrt konsumptiven und investiven Zwecken zufließen und den kulturellen Sektor stärken. Dies dient der gesamtgesellschaftlich notwendigen Beantwortung der Frage, wozu unsere so ungeheuer gewachsene Fähigkeit der Werteerzeugung letztlich dienen soll. Vor diese Frage stehen wir heute. Militärische Aufrüstung – weltweit werden jährlich rund zwei Billionen Dollar für militärische Zwecke ausgegeben  – beantwortet sie negativ.

Götz Werner ist ein Verfechter des Grundeinkommens und Professor an der Universität Karlsruhe, André Presse sein wissenschaftlicher Mitarbeiter. Auf sie antwortet in der kommenden Woche Stephan Schulmeister