Afghanistan Lob dem grünen Streit

Die Grünen sind die einzigen, die offen über den Afghanistaneinsatz debattieren. Dass sie dafür öffentlich abgestraft werden, daran sind sie allerdings selbst Schuld.

Einer aktuellen Umfrage zufolge ist die Mehrheit der Deutschen dafür, den Bundeswehreinsatz in Afghanistan zu beenden. Knapp ist diese Mehrheit mit 52 Prozent, der Riss geht also quer durch die Bevölkerung. Und er geht – mit Ausnahme der Linken – auch quer durch die Parteien. Der Zweifel daran, ob die Friedensmission am Hindukusch zum Erfolg führt oder ob die westlichen Truppen die Irakisierung Afghanistans nicht aufhalten können, nagt an den Deutschen. Die Angst, immer tiefer in einen Konflikt hineingezogen zu werden, der militärisch nicht gewonnen werden kann, wächst.

Vor zwei Jahren waren noch 60 Prozent der Deutschen für die Beteiligung an der Internationalen Schutztruppe Isaf, inzwischen sind es nur noch 43 Prozent. Und je mehr Bundeswehrsoldaten und zivile Helfer von dort in Zinksärgen zurückkehren, desto stärker wird die Skepsis. Es ist ja auch nicht einfach, zwischen Bündnisverantwortung und Unterstützung des zivilen Aufbaus auf der einen Seite sowie den Untiefen asymmetrischer Anti-Terror-Kriege und dem fragwürdigen militärischen Vorgehen der Amerikaner auf der anderen Seite einen eigenen außenpolitischen Kurs zu finden.

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Doch betrachtet man die öffentliche Debatte in Deutschland, lässt sich kurz vor der Verlängerung des Isaf/Tornado-Mandates durch den Bundestag eine merkwürdige Schieflage erkennen. In der Union wird nicht diskutiert, dort herrscht Staatsräson. Die SPD versucht, sich um die innerparteiliche Auseinandersetzung herumzumogeln. Auf ihren Wunsch wurden das Isaf- und das Tornado-Mandat zusammengelegt, damit es nicht so auffällt, wie viele Gegner (gegen den Tornado-Einsatz) es in den eigenen Reihen gibt. Auf dem SPD-Parteitag Ende Oktober wird dann nur noch über die Operation Enduring-Freedom (OEF) diskutiert, also über den Anti-Terrorkampf der Amerikaner, an dem die Bundeswehr in Afghanistan zwar theoretisch aber praktisch nicht mehr beteiligt ist.

Die Linke hingegen profiliert sich als Anti-Kriegspartei. Dabei wissen selbst deren außenpolitische Experten längst, dass die Parole „Bundeswehr raus aus Afghanistan“ ziemlich populistisch ist, aber ein Abzug den zivilen Aufbau des Landes unmittelbar gefährden würde. Nur trauen sie sich nicht, dies öffentlich zu sagen, weil das Bekenntnis zum Frieden für die Linken eine Glaubensfrage ist.

Und was machen die Grünen? Sie winden sich in ihren Zweifeln. Am morgigen Samstag treffen sie sich zu einem Sonderparteitag. Der Streit lähmt die Partei. Die Basis rebelliert, die Bundestagsfraktion streitet und die Parteiführung demontiert sich selbst. Die Grünen sind dafür und dagegen, sie sind unentschieden. Sie fühlen sich der rot-grünen Außenpolitik, die auch Bundeswehreinsätze im Ausland einschließt, verpflichtet, sie können aber nicht mehr sagen, was dies für Afghanistan bedeutet und wo dort die Grenzen sind. Auf dem Parteitag werden sie einen Leitantrag verabschieden, der alles offen lässt. Gemeinsam wollen sich die Grünen flügelübergreifend sowohl gegen das „falsche Ja“ der Regierung als auch gegen das „falsche Nein“ der Linkspartei abgrenzen. Nur auf das, was sie selbst wollen, auf das richtige Ja oder das richtige Nein, können sich die Grünen sich nicht einigen, was ihnen in Medienkommentaren Häme einbringt. Von Blamage ist die Rede, von faulen Kompromissen und von Wählern, die für dumm verkauft werden.

Das Gegenteil ist der Fall. Der Streit tut gut – den Grünen und auch dem Land, weil er alle Fragen aufwirft, die sich auch die Anhänger der anderen Parteien stellen. Ein bisschen mehr Selbstbewusstsein könnte den Grünen in dieser Debatte also nicht schaden. Denn im Grunde leistet sie sich diese Auseinandersetzung stellvertretend für alle Parteien. Zudem ist die Debatte um Krieg, Militäreinsätze, globale Verantwortung und Schutz von Menschenrechten nie eine, die sich einfach mit „ja“ oder „nein“ beantworten ließe.

Leser-Kommentare
  1. ...und ein Dankeschön an die grüne Basis. Wenn es in unserem Land eine Parteienverdrossenheit gibt, liegt das meiner Meinung auch an der fehlenden Darstellung des innerparteilichen Entscheidungsprozesses und dazu gehört nun einmal der Diskurs. Wenn wir Bürger den Eindruck haben, daß die Positionen der Parteien von einem engen Vorstandszirkel der Basis aufgezwungen wird (so, wie es hier bei den Grünen anscheinend passiert ist), fördert das nicht gerade den Wunsch zur Mitarbeit. Schade, daß das nicht honoriert, sondern oft negativ als Zerstrittenheit diffamiert wird.
    Weiter so und mehr davon.

  2. „Und was machen die Grünen?“, fragt Christoph Seils und beantwortet uns seine Frage ohne Umschweife selbst: Sie rebellieren, sie zweifeln, sie winden sich, sie streiten, sie sind gelähmt, sie demontieren sich selbst, kurz: sie leiden gar herzzerreißend. Außerdem müssen sie sich jede Menge Häme und Vorwürfe gefallen lassen – insbesondere in den Medien-Kommentaren, wie Seils selbstkritisch anmerkt. „Selber Schuld!“, ist schließlich auch das Resümee seiner eigenen Partei-Beobachtung. Und sein Rat? Sein Rat an die Öko-Partei lautet: „Mehr Selbstbewusstsein, bitte!“ Als wäre die Partei der Grünen eine mittlere Führungskraft eines großen Industrieunternehmens, die man zum Zwecke der Output-Steigerung mit einem teuren Motivations-Training ins Gebirge schickt.

    Dass die Grünen tatsächlich (und vor allem auch bei ihren eigenen WählerInnen) glaubwürdiger wären, würden sie wie ehedem blind und geschlossen einem einzelnen Leithammel folgen, kann ich mir nicht vorstellen. Wozu wäre eine solche Glaubwürdigkeit auch gut? Anders, als seinerzeit die SED, tragen die Grünen keine „Führungsverantwortung“ im Rahmen einer Einheitsfront. Sie müssen weder Vorbild noch Oberlehrer sein. Die übrigen Parteien sollten sich eher die Frage stellen, was ihre eigenen Wähler wünschen, als die nach dem Kurs und dem Wohlbefinden der Sonnenblumen-Partei. Schon möglich, dass die dortigen Debatten stellvertretend geführt werden. Mag auch sein, dass man (zumindest an der sogenannten Basis der Grünen) demokratischen Prinzipien erfreulich nahe steht. Aber das alles kann, wer ein wenig guten Willen mitbringt, auch ohne die Unterstützung eines parteieigenen Propagandisten erkennen. Und von den Grünen zu verlangen, sie mögen doch bitte öffentlich-einmütig stolz sein auf den Umstand, dass sich eventuelle Abstimmungsergebnisse die Frage des Afghanistan-Einsatzes deutscher Soldaten betreffend erst am jeweiligen Entscheidungstag an den erhobenen Händen abzählen lässt, ist schlicht und einfach zu viel verlangt. Schließlich müssten vor allem ihre Repräsentanten zu diesem Zweck fast alles wieder vergessen, was sie unter der medial fast einhellig beklatschten Überschrift „Realpolitik“ in den letzten 20 Jahren mühselig gelernt haben.

  3. Obwohl ich dem Autor in seiner Bewertung des Streits der Grünen vorbehaltslos Recht gebe, muss ich ihm doch in zwei Punkten widersprechen.

    Zum ersten die Behauptung, dass im Kongress im Gegensatz zum Bundestag eine Diskussion stattfindet. Das Hearing von General Petraeus stellt weniger einen Beitrag zur Irak Debatte dar, als vielmehr den Versuch diese abzuwürgen.
    Das Weiße Haus arbeitet mit Vorliebe mit Taboos ("Criticizing the Commander in Chief in a Time of War").
    Jetzt versucht die Administration ihren General als die Autorität in Sachen Irak hinzustellen und persönliche Kritik an ihm einem Angriff auf das Militär gleichzusetzen, obwohl Petreaus seit Beginn des Krieges immer dann, wenn innenpolitisch gerade Fortschritt in Irak nötig war von Fortschritt berichtet hat(zB. vor der Wahl 2004).

    Zum zweiten die Verurteilung der Linken als populistisch, für ihr klares Nein zum Afghanistan-Einsatz. Der Fortschritt im zivilen Wiederaufbau ist alles andere als erwiesen. Der einzige Boomende Wirtschaftszweig ist der Drogenanbau, die Macht der Warlords ist ungebrochen, die Regierung auf Kabul beschränkt.
    Wenn es legitim ist die Sinnhaftigkeit der Beteiligung an Isaf zu hinterfragen, muss es auch legitim sein diese Beteiligung abzulehnen.

    • Anonym
    • 15.09.2007 um 13:27 Uhr

    Nun habens die Grünen eingesehen, dass die Politik ihres Ex-Dopteur Fischer eine Entscheidung des Mitregierens war und haben nach dem Verlust des Machtgefühles nun den Kater politischer Kopfschmerzen und kurieren diese mit Selbstzweifeln. Sind sie wieder an der Macht sind die Schmerzen weg. Nun aber hocken sie und warten in ihren Bundestagskampfbänken und versuchen das Beste daraus zu machen.

    • Walid
    • 25.09.2007 um 10:03 Uhr

    Walid

    Der Militäreinsatz der Alliierten in Afghanistan wird wesentlich durch die unterschiedlichen Vorstellungen der ISAF -Truppen einerseits und der USA andererseits erschwert. Die ideologische Zwistigkeiten zwischen der US-geführten Streitkräften und der ISAF hinsichtlich der Kriegsführung wird auch weiterhin für Diskussionen sowohl in Europa als auch in Afghanistan sorgen. Dabei setzt die USA auf die eigene militärische Stärke und möchte den Krieg militärisch gewinnen und die ISAF dagegen sieht ein Militäreinsatz im äußersten Notfall vor. Wer der afghanischen Sprachen Pashto und Dari mächtig ist, kann er täglich lesen, was im südlichen Teil Afghanistans passiert. Der 21. September 07 war von UNO in Afghanistan zum Tag des Friedens erklärt wurden und es wurden alle Kriegspartein dazu aufgerufen die Waffen an diesem Tag ruhen zu lassen. Wer diesen Appell der UNO kontokarierte, war laut afghanischen Medien das US-Militär in Süden des Landes, wobei die Antwort der Taliban nicht lange auf sich warten ließ und sie töteten im Norden des Landes mehrere afghanischen Polizisten.

    Afghanen können es nicht verstehen, warum Teile der Nord-Allianz immer noch schwer bewaffnet herumlaufen und Präsident Hamid Karzai das Leben in Kabul erschwert. Es wird darüber, dass der Iran oder Pakistan den Taliban Waffen liefern, sehr viel Wirbel produziert. Sowohl die Nord-Allianz als auch die Taliban machen aber daraus keine Hell, dass die Nord-Allianz den Taliban die Waffen verkaufen. Das weiß in Afghanistan jeder. Aber darüber wollen weder die USA noch die ISAF reden, weil die Nord-Allianz ihnen während des Krieges nach dem 21. September 2001 Beistand geleistet haben. Als Lohn dafür erhielten die Führer der Nord-Allianz hohe Regierungsposten, wenn sie aber in einem andern Land der Welt gewesen wären, wären sie wegen Volkermord vor dem Internationalen Gericht gestanden. Aber das nur am Rande.

    Was die Grünen angeht, finde ich gut, dass sie wieder den Mut gefasst haben sich der Meinung ihrer Mitglieder zu stellen. Dadurch werden sie langsam für jenen Wähler wieder wählbar, die der Grünen Partei wegen ihrer Außenpolitik den Rücken gekehrt haben.

    Durch den Einmarsch der Alliierten Truppen ist in Afghanistan eine sehr schwierige Situation entstanden und man kann die Frage, ob es gut für das Land ist, wenn die Alliierten Streitmacht abzieht, nicht mit einem Ja oder Nein beantworten. Sondern es sollte bestrebt werden den Waffeneinsatz auf das Minimum zu reduzieren und im Gegensatz dazu den Aufbau des Landes zu forcieren.

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