In den Start der Berliner Musikmesse Popkomm , auf der sich eine krisengeschüttelte Branche über ihre Perspektiven klarzuwerden versucht, platzt eine Nachricht aus München: Das Unternehmen Hausmusik steht vor dem Ende.

„Wir schließen“, sagt der Gründer und Eigentümer Wolfgang Petters. „Wir sind nicht pleite und nicht konkurs, aber wir wären das in ein paar Monaten.“ Deswegen versuche er jetzt den geordneten Rückzug bis zum Ende des Jahres. Seine Geschäftspartner und Freunde informierte er vor einigen Tagen mit einer E-Mail. Die Nachricht kam für viele vollkommen unerwartet – und löste einen Schock aus.

Hausmusik, vor 16 Jahren gegründet, hat drei Tätigkeitsfelder: Plattenladen, Label und Vertrieb. Das Geschäft in der Münchner Waltherstraße zählt zu den besten Plattenläden Deutschlands , das Label hat 75 Tonträger im Katalog; etliche davon aus der Weilheimer Szene, mit Musikern, die sonst bei The Notwist , Ms. John Soda oder dem Tied & Tickled Trio spielen. Der Vertrieb schließlich betreut 50 Labels, bringt ihre Tonträger je nach Vertrag in Deutschland, Europa oder auch weltweit in den Handel. Morr Music, Monika Enterprises, Staubgold und Basic Channel aus Berlin zählen dazu, Sunday Service und L’Age d’Or aus Hamburg, Honest Jon’s aus London.

Tom Steinle vom Kölner tomlab-Label , seit einiger Zeit nicht mehr bei Hausmusik im Vertrieb, mag von der Berliner Popkomm aus das „Thema der Woche“ nur mit einem Wort kommentieren: „Katastrophal.“

Wolfgang Petters und Hausmusik galten in der Szene der von großen Konzernen unabhängigen Labels und ihrer Kunden als so mutige wie erfolgreiche Kämpfer: Da gibt es noch Musikfreunde, die mit Ideen und Initiative dem alles verschlingenden Sog des Mainstreams trotzen können. Im Oktober 2006 feierte die Firma ihr 15-jähriges Bestehen mit einem opulenten Vinyl-Doppelalbum: You can’t always listen to Hausmusik, but ...

Nun ist plötzlich Schluss. „Es geht nicht mehr“, sagt Petters. „Die Märkte sind tot.“ Deutschland verfüge noch über viele kleine Plattenläden, die besondere Musik zu verkaufen wüssten, Hausmusik mache aber 80 Prozent seines Umsatzes im Ausland. In Spanien, Frankreich und Italien träten Ketten an die Stelle kleiner Läden; sie nähmen noch Hausmusik-Platten ins Sortiment auf, würden sie aber nicht mehr los, weil es keine Fachverkäufer gebe. So komme das Meiste zurück. „Wir haben mit 300 verschiedenen Alben in ganz Österreich 145 Euro umgesetzt“, sagt Petters. Von einer Lieferung im Wert von 6600 Dollar nach Amerika sei nach einigen Monaten fast alles wieder zurückgekommen. „Ich habe eine Rechnung über 50 Dollar geschrieben.“

Hinzu komme, dass viele junge Erwachsene an CDs und Schallplatten überhaupt nicht mehr interessiert seien, nur noch an der Musik – die sie sich dann auf ihren iPod lüden.

Der Hausmusik-Umsatz sei im ersten Quartal 2007 um 10 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum zurückgegangen, im zweiten Quartal um 20 Prozent, im Monat Juli um 30 Prozent, im August um 40, im September sei mit 70 Prozent zu rechnen gewesen. Petters sagt, er habe Personal und Kosten reduziert, einen Unternehmensberater hinzugezogen – ohne Erfolg: „Ich musste die Notbremse ziehen.“

Etliche der von Hausmusik vertretenen Labels könnten durch die Schließung der Firma in Schwierigkeiten geraten. Ob dies geschieht, wird davon abhängen, wie hoch ihre Außenstände sind und welchen Verlust sie verkraften können. Und ob sie auf die Schnelle einen neuen Vertrieb finden können. Vor drei Jahren erst ist der EFA-Vertrieb in die Pleite gerutscht, unter erheblichen Nachbeben.

Wolfgang Petters, der als Eigentümer persönlich haftet, hofft, „mit Null“ aus dem Unternehmen Hausmusik herauszukommen. Danach will er, 45 Jahre alt, in seinem früheren Beruf als Handwerksmeister einen Neuanfang probieren: „Ich suche mir eine Stelle als Elektriker.“

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