Soul Herr New York
Joe Bataan ist ein Veteran der schwarzen Musik, ein Pionier des HipHop und Verkünder des Friedens. Gerade fegte der 65-Jährige in Hamburg über die Bühne. Ein Porträt
El Barrio, das Zuchthaus, der ZDF Musikladen und Erich Honecker. Mit alldem hat der Sänger Joe Bataan zu tun. Seine Lebensgeschichte ist ein Abenteuerroman. Selbst Gott ist ihm begegnet: Als Joe dem Tod von der Schippe sprang. Ja, ein Diabetesschock hätte ihn beinahe von der Welt gefegt. Aber er ist noch da, Joe Bataan, der sich in aller Bescheidenheit Mr. New York nennt. Gott hat ihm das Leben wiedergegeben und ihn auf Reisen geschickt. Die Nachricht von Frieden, Liebe und Freundschaft soll er verbreiten, ruft er ins Publikum im Hamburger Mojo Club. Nun haben das vor ihm schon viele behauptet, vorzugsweise in Einkaufszonen und vor Bahnhöfen. Doch als sich die Euphorie in einer Polonaise entlädt und sich die für Sprödigkeit berühmten Hamburger in den Armen liegen, möchte man ihm glauben. Joe Bataan ist Frieden, Liebe und Freundschaft in Personalunion.
Der 65-Jährige hüpft von der Bühne, und wenige Sekunden später schlängelt sich ein Wendehals durch den Saal. Richtung Berlin, zum nächsten Gig – sagt der alte Mann. Und es ist den Hamburgern nur ein ganz kleines bisschen peinlich, denn schließlich machen alle mit.
Sicherlich macht er das jeden Abend auf Tour. Joe Bataan ist ein erstklassiger Entertainer amerikanischer Schule. Und somit kann er die Routine ins Besondere kehren. Kernig ist er, und das ist keineswegs mit rüstig zu verwechseln. Zwar bewegt sich Joe Bataan nicht wie eine Katze, doch das Einzige, was er mit alten Männern gemein zu haben scheint, ist das Reden von der Vergangenheit. Und Mr. New York hat viel zu erzählen.
Jüngst ist eine DVD erschienen, die seine Lebensgeschichte erzählt: Halb schwarz, halb Filipino wuchs er in New Yorks berüchtigtem Viertel Spanish Harlem auf. Seine Kindheit war Kleinkriminalität, zweisprachig. Im El Barrio, wie die Bewohner das Viertel nennen, kam man in englischer Sprache selten zu einem Gespräch. Hispanos galten nicht als eigene Volksgruppe, und mit seiner Hautfarbe war er im Barrio ein Exot. Straßengangs prägten die Identität; wer sich prügelte, erwarb Respekt. Mit 15 rückte Bataan auf fünf Jahre ins Gefängnis, weil er in einem gestohlenen Auto gesessen hatte.
Es war der erste Wendepunkt im Leben Bataan Nitollanos. Im Zuchthaus beschäftigt er sich mit Musik, Rhetorik und Büchern. Nach seiner Entlassung nennt er sich Joe Bataan und gründet eine Band. Es sei seiner Herkunft geschuldet, dass ihn Purismus nicht schere. Bataan mischt Salsa mit Rhythm’n’Blues und erfindet einen neuen Stil, den Latin-Soul. Die Lieder erzählen Geschichten seines Lebens. Und die Musik? Geht in die Hüften! Es ist die Vielschichtigkeit seiner Lieder, die
Ordinary Guy, Gypsy Woman
und
Subway Joe
zu Hits werden lassen. Er singt sie mit einer Stimme so warm wie klar. Seine Musik eignet sich zum Tanzen, man kann ihr aber auch einfach zuhören. Songs wie
Riot
und
Young, Gifted And Brown
erweitern sein Spektrum um Politisches. Mr. New York ist auch ein Held der Unterdrückten.
Im Jahr 1973 tritt er bei den Weltfestspielen der Jugend und Studenten in der DDR auf und singt auf Deutsch von Frieden, Freundschaft, Solidarität . Vor den Ohren Erich Honeckers und dem gesamten SED-Politbüro wagt er diesen Ausflug in die fremde Sprache. Und auch über 30 Jahre später, im Mojo Club, bringt er dieses Lied.
- Datum 22.09.2007 - 07:09 Uhr
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