Literaturfest Lesen in der Ukraine

Hühnerherzen, armenische Würstchen, Cognac und Bücher. Die Schriftstellerin Franziska Gerstenberg hat sich inspirieren lassen auf der größten Buchmesse der Ukraine in Lviv. Ein Stimmungsbild

Mitte September in Lviv. Sonne, Regen, ein vornehm blasser Regenbogen. Auch sonst findet alles gleichzeitig statt: die Buchmesse mit dem dazugehörigen Literaturfestival, Konzerte, Straßentheater, Hochzeiten, Kinderfeste, politische Kundgebungen und Umzüge.

Das zum 14. Mal veranstaltete Buchforum ist die größte ukrainische Buchmesse und ein Ereignis. Aus dem ganzen Land reisen die Besucher an und drängen sich vor den Ständen im Palast der Künste und seinem Hof. Ein Teil der Aussteller musste aus Platzgründen auf den zentralen Svobody-Prospekt ausweichen. In der Ukraine gibt es mittlerweile 500 Verlage und jährlich werden es mehr.

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Während auf deutschen Buchmessen steife Tüten mit Katalogen, Luftballons, Sonnenblenden und Werbekugelschreibern gefüllt werden, kaufen die Ukrainerinnen und Ukrainer stapelweise Bücher. Da es keine Preisbindung gibt, werden viele Titel günstiger angeboten als im Laden. Die meisten Bücher werden verschenkt oder ins Regal gestellt, wobei für später auch für die nächste Generation bedeuten kann, Bücher sind per se etwas Wertvolles, selbst wenn sie niemand liest.

Ein Großteil der Stände scheint Kinderliteratur zu präsentieren. Aber auch Belletristik und Fachlektüre werden mit grellbunten Covers ausgestattet. Auch der deutsche Stand, gestaltet von der Frankfurter Buchmesse und dem Kiewer Goethe-Institut, legt einen Schwerpunkt auf Kinderbücher. Außerdem versammelt ein breites Regal literarische Neuerscheinungen von Walser bis Wonneberger. Es finden nicht nur die großen Verlage und Bestseller Platz, sondern auch Lyrik, Abseitiges und Wiederentdecktes. Die deutsche Botschaft lädt zum Empfang am Stand und serviert Krimsekt und Weingummischlangen.

Die Damen vom Goethe-Institut raten, bloß nicht zu viele Stunden auf der Messe zu verbringen. Das Zentrum von Lemberg hat sich seit 100 Jahren kaum verändert, nur wenige Fassaden wurden bisher saniert. Verfallende umlaufende Balkone in düsteren Höfen, prächtige Kirchen mit rosa und hellblau leuchtenden Deckenmalereien. Wilde Hunde springen zwischen den Zeiten hin und her, wenn sie den Autos ausweichen. Luxuswagen fahren hier neben uralten durchgerosteten Kisten. Es gibt teure Einkaufszentren, aber auch Passagen, in denen man an Buden Nagellackentferner oder Marmeladenkekse zum Stückpreis kaufen kann. Die ukrainischen Jugendlichen verschwinden hinter der Schwingtür von McDonald’s, während ein paar Schritte weiter das Hotel George den Atem anhält: In die Bar fällt schwaches Licht durch die trüb gewordene Dachverglasung, die Decken auf den quadratischen Tischen erinnern das ganze Jahr über an Weihnachten. An der Theke vor dem sowjetischen Wandmosaik werden zwei Sorten Schokolade und eine Sorte Bonbons verkauft. Alte Herren spielen Schach, an einem Extratisch haben sich die dazugehörigen Damen zum Cognac versammelt.

Leser-Kommentare
  1. Liebe Franziska Gerstenberg,

    ich finde es ..., dass Dir im Verhältnis zu Oksana Sabuschko und Juri Andruchowytsch auf deutscher Seite nur Walser und Wonneberger einfallen. Literatur hat sehr viel mit Korrespondenzen zu tun, die entstehen so nicht. Das begeistert nicht. Muss ich gar nicht extra sagen, setze ich voraus. Die Leute wollen immer Namen hören, neue Namen (das gilt ebenso für die vertretenen anderen aufgezählten Länder). Man muss Namen aufzählen, immer viele Namen nennen. Tipps geben. Oftmals sind die interessanteren Autoren auf solchen Festen gar nicht selbst vertreten, sie werden nicht eingeladen. Solche Feste sind eher offiziös, aus Subbereichen kommen dann eher irgendwelche Stellvertreter. Immerhin muss man mühselig darauf kommen, dass zumindest indirekt eine Korrespondenz gelegt wurde, nämlich Franziska Gerstenberg selbst bspw. im Verhältnis zu den anderen beiden genannten Namen, nämlich Sabuschko und Andruchowytsch (gut dass es copy-tasten gibt). Dann könnte man gleich viel mehr aufzählen (alle freuen sich). Und wenn eine Goethe-Frau lieber das Ansehen der Stadt empfiehlt als Literatur, frage ich mich, wen die beim Goethe-Institut so einstellen, ich empfehle die Umwandlung in ein Reisebüro oder Profis. Kann aber auch sein, dass es so schlecht war. Lebendiger, spritziger, Korrespondenzen. Namen nennen. Zum Stadt-Ansehen sollte man extra hin fahren, lieber mit den Leuten über Literatur reden, nicht unbedingt nur die, die eingeladen wurden (die Wege zu solchen Einladungen bei so was sind idR doch seltsam). Wenn man eingeladen ist, kann man das aus der Position heraus viel einfacher. So was sollte man nicht verschenken. Man muss das Offiziöse dabei ja nicht mitmachen. „Hühnerherzen, armenische Würstchen, Cognac und Bücher.“ – welche Reihenfolge, dazu Krimsekt und Weingummis der Deutschen Botschaft. Bei den Aussichten würde ich in aller Ruhe allerdings ein Buch vorziehen. Die Jugendlichen der Ukraine rennen natürlich auch noch ins MacDonalds und nicht zum Krimsekt und den Weingummis der Deutschen Botschaft – wenn die da rein rennen, ist die Literatur da nicht gut. Und die Katze stiehlt dann noch allen die Schau und der rutschende Jeansrock – letzteres führt dann noch manchmal in die Nähe zu Buchtiteln oder Covern, weil sonst keiner mehr hin sieht, ausser Bildern nichts drin ist.

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