Literaturfest Lesen in der UkraineSeite 2/2

Schon zum zweiten Mal bildet das Internationale Literaturfestival den Rahmen für über 50 Veranstaltungen. Die jungen ukrainischen Wilden kann man hier erleben, aber auch polnische, serbische, bulgarische, kroatische und deutsche Autorinnen und Autoren. Einer der Veranstaltungsorte ist das Theater Woskresinnja, schwerelos wirkende Logen, der Stuck zu oft weiß übermalt, es riecht nach Schimmel, was aber niemanden stört. Eine Katze streicht um die Beine der Lesenden und tut, als wüsste sie nicht, dass das Gelächter ihr gilt. Das jugendliche Publikum kritzelt seine Fragen auf Zettel, die an die Moderatorin weitergereicht werden.

Am Abend, zur Night of poetry , trinkt man Cognac vom Hauptsponsor, und zwar in einem so großen Bierkeller, dass er an eine dreischiffige Kirche erinnert. Bier gibt es natürlich auch. Hier trifft man die Autoren des Tages wieder, an langen Tischen sitzen sie vor Tellern mit Käsehäppchen, Speck und Hühnerherzen. Die ukrainische Literaturszene ist wach und vielfältig, neben alten Bekannten wie Oksana Sabuschko und Juri Andruchowytsch gibt es mehr und anderes zu entdecken, zu wenig wird ins Deutsche übertragen. Auf die Hühnerherzen folgen armenische Würstchen, und die Übersetzerinnen am Tisch werden sich nicht einig, ob ins Mikrofon gerade ein Gedicht deklamiert wird oder doch ein politisches Manifest. Der Auftritt einer Band beseitigt die Sprachprobleme, einer jungen Lyrikerin rutscht beim Tanzen mehrmals der Jeansrock herunter, ihr Freund zieht ihn stoisch wieder nach oben.

Den ukrainischen Präsidenten verpasse ich übrigens nur, weil ich nach über einer Stunde die Geduld verliere. Während es auf deutschen Buchmessen Volkssport ist, Horst Köhler oder Angela Merkel zwischen ihren Bodyguards ausfindig zu machen, wird das Lemberger Buchforum kurzerhand fürs normale Publikum gesperrt, als der Präsident seinen Besuch ankündigt. Einen halben Tag lang stehen die Menschen vor dem Palast der Künste und dürfen nicht hinein. Es dauert, bis hier und da Unmut aufkommt. Die meisten warten einfach, sie warten geduldig, schließlich sind sie extra angereist, Liebespaare halten einander an den Händen, Frauen binden ihre Kopftücher fester, die Sonne kommt heraus und verschwindet wieder, jemand blättert in einem Buch und steckt es zurück in die Innentasche seiner Jacke, der Regenbogen ist kaum zu sehen, Mitte September in Lviv.

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Leser-Kommentare
  1. Liebe Franziska Gerstenberg,

    ich finde es ..., dass Dir im Verhältnis zu Oksana Sabuschko und Juri Andruchowytsch auf deutscher Seite nur Walser und Wonneberger einfallen. Literatur hat sehr viel mit Korrespondenzen zu tun, die entstehen so nicht. Das begeistert nicht. Muss ich gar nicht extra sagen, setze ich voraus. Die Leute wollen immer Namen hören, neue Namen (das gilt ebenso für die vertretenen anderen aufgezählten Länder). Man muss Namen aufzählen, immer viele Namen nennen. Tipps geben. Oftmals sind die interessanteren Autoren auf solchen Festen gar nicht selbst vertreten, sie werden nicht eingeladen. Solche Feste sind eher offiziös, aus Subbereichen kommen dann eher irgendwelche Stellvertreter. Immerhin muss man mühselig darauf kommen, dass zumindest indirekt eine Korrespondenz gelegt wurde, nämlich Franziska Gerstenberg selbst bspw. im Verhältnis zu den anderen beiden genannten Namen, nämlich Sabuschko und Andruchowytsch (gut dass es copy-tasten gibt). Dann könnte man gleich viel mehr aufzählen (alle freuen sich). Und wenn eine Goethe-Frau lieber das Ansehen der Stadt empfiehlt als Literatur, frage ich mich, wen die beim Goethe-Institut so einstellen, ich empfehle die Umwandlung in ein Reisebüro oder Profis. Kann aber auch sein, dass es so schlecht war. Lebendiger, spritziger, Korrespondenzen. Namen nennen. Zum Stadt-Ansehen sollte man extra hin fahren, lieber mit den Leuten über Literatur reden, nicht unbedingt nur die, die eingeladen wurden (die Wege zu solchen Einladungen bei so was sind idR doch seltsam). Wenn man eingeladen ist, kann man das aus der Position heraus viel einfacher. So was sollte man nicht verschenken. Man muss das Offiziöse dabei ja nicht mitmachen. „Hühnerherzen, armenische Würstchen, Cognac und Bücher.“ – welche Reihenfolge, dazu Krimsekt und Weingummis der Deutschen Botschaft. Bei den Aussichten würde ich in aller Ruhe allerdings ein Buch vorziehen. Die Jugendlichen der Ukraine rennen natürlich auch noch ins MacDonalds und nicht zum Krimsekt und den Weingummis der Deutschen Botschaft – wenn die da rein rennen, ist die Literatur da nicht gut. Und die Katze stiehlt dann noch allen die Schau und der rutschende Jeansrock – letzteres führt dann noch manchmal in die Nähe zu Buchtiteln oder Covern, weil sonst keiner mehr hin sieht, ausser Bildern nichts drin ist.

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