Besonders gravierend ist die Höhe des Zinssatzes. Eine Marktwirtschaft, in der immer Unsicherheit über die Zukunft herrscht, kann nur dann stetig und bei Vollbeschäftigung wachsen, wenn der Zinssatz mittelfristig unter der Wachstumsrate liegt, denn dann ist die Profitrate für Realinvestitionen deutlich höher als der Zins – und dieser Anreiz ist nötig, um die höhere Unsicherheit einer Investition in betriebliches Vermögen im Vergleich zu einer Staatsanleihe oder einem Sparbuch auszugleichen. Zudem können die Unternehmen nur dann mehr Investitionskredite aufnehmen, als sie an Zinsen für ihre Schulden zahlen. Seit Anfang der 1980er Jahre ist aber jedoch das Gegenteil der Fall. Die Folge: Die Investitionen sind seither nachhaltig zurückgegangen.

Das Wörgl-Experiment war makroökonomisch richtig. Zu seiner Zeit war die Wachstumsrate negativ, auch der Zinssatz hätte also negativ werden müssen. Da der Nominalzins aber nicht negativ sein kann, wurde die Geldhaltung durch die „Schwundregel“ faktisch mit einem Negativzins belegt. Auch das Zinsverbot im Mittelalter machte Sinn, denn die Ökonomien wuchsen damals nicht. Aber: Die Überlegungen von Gesell sind nicht allgemeingültig, sondern nur für Depressionsphasen, die durch fallende Preise verschärft werden, relevant.

In den 1960er Jahren hingegen herrschte jahrelang Vollbeschäftigung. Der Zinssatz war positiv, lag aber deutlich unter der Wachstumsrate. Wenn sich die Unternehmer damals zu einem Zinssatz von null hätten finanzieren können, wäre die Inflation angesichts der voll ausgelasteten Kapazitäten deutlich gestiegen. Außerdem hätte der Zins seine Funktion nicht erfüllen können, knappe Mittel zu ihrem profitabelsten Einsatz zu lenken. Der Zins war nötig. In den letzten 15 Jahren hingegen wäre angesichts des schwachen Wirtschaftswachstums ein Leitzins von null und die daraus folgenden Kreditzinsen von etwa 3 Prozent eine gute Sache gewesen.

Allerdings zeigt das Beispiel des Null-Zinses in Japan, dass ein temporäres „Freigeld“ allein nicht reicht, die Wirtschaft zu stimulieren. Vielmehr gilt es, die finanzkapitalistischen Rahmenbedingungen im Ganzen zu analysieren und zu überwinden. Die Aktivitäten auf den Finanzmärkten mit ihren manisch-depressiven Kursschwankungen müssen kontrolliert werden, um die Auswirkungen auf die Realwirtschaft gering zu halten. Das Transaktionsvolumen an den Finanzmärkten ist in den Industrieländern mittlerweile mehr als 100 Mal größer als das jeweilige nominelle Brutto-Inlandsprodukt.

Manche Ökonomen wird das freilich zuwider sein, denn eine stärkere Kontrolle der Börsen steht im Gegensatz zum Grundglauben an die generell segensreiche Wirkung der „unsichtbaren Hand“ freier Märkte. Und die Finanzmärkte sind ja bekanntlich die freiesten Märkte von allen.

Stephan Schulmeister ist Ökonom am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung in Wien (WIFO). Auf ihn antwortet in der kommenden Woche Adalbert Evers .