Knapp zusammengefasst vertreten die Befürworter eines Frei- oder Schwundgeldes die folgende Ansicht: Der Zins bremst den realen Wirtschaftskreislauf, denn er fördert das Horten von Geld. Dies dämpft die realwirtschaftliche Dynamik. Gleichzeitig wird das akkumulierte Geldkapital auf den Finanzmärkten spekulativ eingesetzt, was die Wirtschaftskrise vertieft und die Ungleichheit zwischen Arm und Reich verschärft. Die Lösung besteht aus dieser Perspektive darin, die Besitzer von Geldvermögen zu bestrafen, indem man ihnen keinen Zinsertrag mehr zahlt, oder indem man ihr Geldkapital einem „Alterungsprozess“ aussetzt, sei es durch eine spürbare und permanente Inflation oder durch spezielle Entwertungsregeln wie beim „Schwundgeld“.

Klicken Sie auf das Bild für alle Artikel zur Diskussionsreihe über Geld, Zins und Alternativen zur herrschenden WirtschaftsordnungSolch einfache Diagnosen und Lösungen sind selten eine geeignete Antwort auf komplexe Entwicklungen und die aus ihnen folgenden Probleme. Ich denke, dass nicht der Zinssatz an sich eine fundamentale Krisenursache darstellt. Zum Problem wird er erst durch das Zusammenwirken folgender Faktoren:

•    Ein permanent über der Wachstumsrate liegender Zinssatz

•    Die fortgesetzte Verlagerung des Gewinnstrebens von realwirtschaftlichen Aktivitäten zu Kapitalanlage und Spekulation. Dazu beigetragen hat neben dem seit etwa 25 Jahren positiven Zins-Wachstums-Differenzial die Schaffung neuer Spekulationsinstrumente, insbesondere der Derivate. Aber auch die Förderung der kapitalgedeckten Altersvorsorge, die steuerliche Begünstigung von Gewinnen aus Finanzspekulationen sowie die Globalisierung der Finanzmärkte und die damit verbundene Destabilisierung von Aktienkursen, Wechselkursen und Rohstoffpreisen spielen eine Rolle. Sie steigern die Gewinnchancen für Spekulanten und führen so zu volatileren Kursen.

•    Die Dominanz des Neoliberalismus in Wirtschaftswissenschaft und -politik und die damit verbundene Aufgabe einer aktiven Beschäftigungs-, Sozial- und Verteilungspolitik


Alle diese Faktoren stehen in Wechselwirkung zueinander. In den vergangenen drei Jahrzehnten haben sie ein Regime geschaffen, das ich - im Gegensatz zum „Realkapitalismus“ der ersten Hälfte der Nachkriegszeit - als „Finanzkapitalismus“ bezeichne.