EnergieÖlrausch im Watt

Die Bohrinsel Mittelplate liegt auf dem größten Ölfeld Deutschlands, direkt vor der schleswig-holsteinischen Küste. Tag und Nacht fördern mehr als hundert Arbeiter den kostbaren Rohstoff. Eine Reportage

Der Himmel über der Cuxhavener Mützelfeldwerft ist trübe. Nur ein Fitzelchen Mittagssonne leuchtet durch bleierne Wolken. "Das letzte Mal konnte ich den Bohrturm sehen", sagt Daniel Francke. Sein Seesack fällt knirschend in den Kies. "Aber heute ist die Insel wie verschluckt." Der 23-Jährige will zur Förderinsel Mittelplate übersetzen, einer Ölbohrplattform im Wattenmeer zwischen Dithmarschen und Cuxhaven – der einzigen in deutschen Gewässern. Daniel Francke kommt von einer Bentheimer Bohrelektrikfirma, und er hat schon viele Bohrinseln der Welt gesehen. In Italien war er, und in Nigeria. Nach Mittelplate fährt er zum zweiten Mal. "Das ist wie Ferien", sagt er. "Das Essen dort ist fantastisch."

Noch mehr Männer kommen mit prallen blauen Taschen zum Anleger, manche begleitet von ihrer Frau. Die Paare werden einander die nächsten 14 Tage nicht sehen, denn solange dauert der Inseldienst: Zwölf Stunden pro Tag, von sieben bis sieben. Danach haben die Arbeiter zwei Wochen frei. "Heimaturlaub", nennt das einer und trägt sich in die Passagierliste ein. "Die Familie hat sich dran gewöhnt. Auf anderen Inseln, in Norwegen oder England bist du einen Monat weg. Mindestens."

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Die Fähre legt ab. Sieben Windstärken rütteln an den Scheiben von Sara Maatje 4, Wellen platschen auf ihr Deck. Sara Maatje schaukelt gehörig. In ihrem Bauch dröhnt entspanntes Männergelächter. Das bisschen Seegang hier haut keinen um. 25 Minuten braucht das Schiff für zwölf Kilometer vom Festland, dann kann man die Insel sehen: zuerst die weißen und blauen Kästen, die wie Bauklötze auf der Plattform kauern, dann den Bohrturm. Siebzig Meter reckt er sich in die Nordseeluft. So imposant der Bau von unten aussehen mag - für eine Bohrinsel ist Mittelplate klein: Die Plattform ist 70 Meter breit und 95 lang. Eine Wanne aus Stahl und Beton umschließt die Insel. Sie soll verhindern, dass Öl ins Meer oder Wasser ins Bohrloch fließen. Wie eine Windel.

Der Behälter ist dringend nötig, denn Mittelplate grenzt an den Nationalpark des schleswig-holsteinischen Wattenmeers. 65 Prozent der deutschen Ölreserven lagern hier unter glitschigem Schlick, circa 100 Millionen Tonnen von Büsum bis zur Elbmündung. Schon wenige Liter, die aus der Bohrinsel laufen, könnten das sensible Ökosystem im Watt gefährden. Kaum weiter als sieben Kilometer, in Friedrichskoog, liegt zudem eine Seehundstation. Der Betreiber der Insel, die RWE-Tochter RWE-Dea, musste daher schon während des Baus strenge Umweltschutzauflagen beachten. Auf keiner Ölplattform der Welt sind die Regeln strikter, sagt RWE-Dea. Seit 1987 ist die Bohr- und Förderanlage schon in Betrieb, noch nie gab es dem Unternehmen zufolge eine ökologisch schädlichen Zwischenfall. "Allmählich haben sich die Tiere hier an uns gewöhnt. Und zu den Naturschützern haben wir ein sehr gutes Verhältnis", sagt Derek Mösche, Pressesprecher des Unternehmens. Er war schon hunderte Male auf der Bohrinsel. "Manchmal sehen die Seehunde sogar nach dem Rechten hier."

Auf Mittelplate ist von Natur jedoch wenig zu sehen. Stahl, Stahl, Stahl, wohin man schaut. Rohre winden sich, Metalltreppen schmiegen sich an Container, wuchtige Muttern ragen aus Ecken hervor, und von oben brummt das Bohrgestänge. Süßlicher Öldunst beschwert die Seeluft. Dazwischen wuseln die Arbeiter in voller Montur: Schutzhelm, Schutzbrille, Handschuhe, Sicherheitsschuhe, immer eine Hand am Geländer. So lautet die Vorschrift. Rauchen ist nur in der "Schweinebox" erlaubt, einer kleinen Kammer neben der Tür zum stickigen Bohrkeller. Dort strömt das 60 Grad heiße Öl aus der Tiefe. 2000 Meter tief bohrt RWE-Dea auf Mittelplate.

Im Wohntrakt ist es gemütlicher: Blumen stehen auf dem Empfangstresen, das helle Linoleum gemahnt an ein Hotelfoyer, und hier sieht der Elektriker Daniel Francke die erste Frau seit seiner Überfahrt. Zehn gibt es auf der Insel. Sie teilt ihm eine Koje zu für die nächsten zwei Wochen. Auf Mittelplate können 96 Arbeiter übernachten; viele andere, von Dienstleistern und Fremdfirmen, fahren nach getaner Arbeit zurück aufs Festland. "Ordnung + Sauberkeit = Sicherheit", steht auf Zetteln überall im Wohnbereich. Daniel Francke weiß sofort Bescheid. Er schlüpft in bereit gestellte Filzpantoffeln, legt seine Arbeitsjacke ab und verstaut den Helm in seinem Seesack.

Freizeit ist ein rares Gut auf Mittelplate. Gewichtestemmen im Kraftraum, Billardspielen, bisweilen ein DVD-Abend - das war’s. Am schwarzen Brett lädt ein knallbunter Aushang: „Donnerstags Eisparty von 20.45 – 21.15“. Alkohol ist auf der ganzen Insel verboten. "Manche bekommen hier anfangs Beklemmungen. Zwei Wochen nur zu arbeiten, ist eine lange Zeit", sagt Lutz Sonnenberg, der Nautiker der Plattform, Herr über den Medikamentenschrank und die einzige Badewanne weit und breit. "Ab und an kommt dann das Heimweh." Zumal das Zuhause in Sichtweite liegt. Links ducken sich Büsums rote Ziegeldächer, rechts blinkt der Cuxhavener Funkturm Tag und Nacht. Die beste Sicht auf die Küste bietet die Helikopterlandefläche. In einer Ecke verströmt eine weiße Plastikliege etwas Sonnendeck-Gefühl. Hubschrauber landen hier selten. Schwerkranke oder Verletzte bringt ein Schiff zum Cuxhavener Hospital. "Für die meisten normalen Krankheiten sind wir ausgerüstet", sagt Sonnenberg.

Leserkommentare
    • Anonym
    • 26.09.2007 um 18:36 Uhr

    Eine interessante Reportage. Habe gar nicht gewußt, daß wir auch eine Bohrinsel haben. Wie wußte Mutternatur, daß wir das Öl heute benötigen heute nach 100 Millionen Jahren?

  1. Deutschland importiert 2.600.000.000 (in Worten: 2,6 Milliarden) Barrel Öl pro Jahr. Aber jeder zusätzliche Tropfen ist willkommen.

  2. Ich muss den zitierten deutschen Mitarbeiter leider enttäuschen: In Norwegen hat man zwei Wochen Schicht auf der Plattform und dann vier Wochen frei...

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