ZEIT Online: Die israelische Regierung hat den Gaza-Streifen zu einem „feindlichen Gebiet“ erklärt. Was bedeutet das für die Menschen dort?

Usama Antar: Die Lage, die ohnehin schlecht ist, wird sich weiter verschlechtern. Die komplette Einstellung des Warenverkehrs, die jetzt angedrohte Rationierung von Lebensmitteln, Treibstoff und Stromversorgung wird die Lebensumstände der Palästinenser weiter erschweren. Im Gaza-Streifen wird das als kollektive Strafe verstanden. Viele fragen: Gelten hier keine Menschenrechte? Und warum kann so einfach internationales Recht verletzt werden? Denn das ist der Fall, wenn wie hier die Grundversorgung der Menschen beschnitten wird.

ZEIT Online: Wirken die Sanktionen denn überhaupt?

Antar: Sie bewirken zumindest nicht das, was Israel erwartet. Ganz bestimmt wird Hamas durch diese Maßnahmen nicht geschwächt. Vielmehr wird sie sich weiter radikalisieren. Und auch die Bevölkerung, die sich ja, so das Ziel Israels, eigentlich gegen Hamas wenden soll, wird sich eher mit ihr solidarisieren. Man muss sich also gut überlegen, ob dieser Schritt in die Zukunft gedacht wirklich der richtige ist.

ZEIT Online: Aber auch die EU hat ja Sanktionen verhängt. Und zwar direkt nach der Wahl der Hamas im Januar 2006...

Antar: Ja, und auch das hat schon zu einer weiteren Radikalisierung geführt und schließlich zur gewaltsamen Machtübernahme der Hamas im Gaza-Streifen. Die Sanktionen haben auch die Bevölkerung Gazas radikalisiert, und nicht, wie geplant, dazu geführt, dass man Hamas zu boykottieren beginnt: 70 Prozent der Palästinenser machen Israel für ihre derzeitige Misere verantwortlich, nicht Hamas. Zwei Drittel der Bevölkerung im Gaza-Streifens sind inzwischen von den Hilfslieferungen der Vereinten Nationen abhängig, um zu überleben.

ZEIT Online: Wie kann eine politischen Einrichtung wie Ihre unter solchen Bedingungen arbeiten?

Antar: Unsere Arbeit ist natürlich erheblich schwieriger geworden. Wir versuchen dennoch, unser zentrales Anliegen irgendiwe weiter zu verfolgen: Werte wie Toleranz und Frieden zu vermitteln. Wichtig ist, den Menschen Hoffnung zu geben. Wir sind davon überzeugt, dass am Ende die Vernunft siegt.

ZEIT Online: Wie geht es weiter im Gaza-Streifen?

Antar: Wir hoffen natürlich, dass die israelische Regierung ihr Wort hält. Bisher haben wir keine Knappheit an Lebensmitteln, in dieser Hinsicht ist alles vorhanden. Allerdings haben wir keine Rohstoffe, was vor allem die kleinen und mittleren Betriebe betrifft. Von 3500 kleinen und mittleren Betrieben mussten 3200 bereits schließen, weil sie aufgrund des Rohstoffmangels nichts mehr produzieren können. Wir haben keinen Zement, das bedeutet, dass die Baubranche, der größte Wirtschaftszweig im Gaza-Streifen, brach liegt und wir allein dadurch 35.000 Arbeitslose mehr haben.

Mindestens 50 Prozent der Bevölkerung sind ohnehin arbeitslos. Eigentlich noch mehr, denn die Beamten der Palästinensischen Autonomiebehörde bleiben auch zu Hause. Sie bekommen ihr Gehalt aber weiter von der Regierung des Ministerpräsidenten Salam Fajad aus dem Westjordanland. Man hat Angst, dass sie sonst zur Hamas überlaufen, um dort ihr Geld zu verdienen. Außerdem können keine im Gaza-Streifen hergestellten Waren exportiert werden, weil Israel das nicht zulässt. Alles, was produziert wird, wird also nur von der einheimischen Bevölkerung konsumiert.

ZEIT Online : Und dazu kommt noch politisches Chaos?

Antar: Wir haben de facto zwei Regierungen. Eine illegale Hamas-Regierung hier in Gaza, nachdem Präsident Mahmud Abbas, der zur rivalisierenden Fatah-Organisation gehört, die Regierungskoalition mit Hamas gekündigt hat. Aber man muss auch sagen, dass die Regierung in Gaza eine Regierung der geschaffenen Tatsachen ist. Sie hat hier die Macht übernommen.

ZEIT Online: Hat sich denn seitdem viel verändert?

Antar: Die Sicherheitslage hat sich, entgegen der Behauptungen der Hamas nicht verbessert, die Lebenssituation ist schlecht. Gaza war und ist ein großes Gefängnis. Ein Menschenrechtler hat das einmal so beschrieben: Die Menschen in Gaza leben wie in einem großen Käfig, sie werden nur mit Lebensmitteln versorgt. Wie Tiere im Zoo.

Es gibt keinerlei Bewegungsfreiheit, keine freie Meinungsäußerung, keine Parteien. Wir haben es mit der Herrschaft einer einzigen Macht zu tun: der Hamas. Die Machtbalance ist zu jeweils einer Seite gekippt durch die jeweilige Marginalisierungspolitik sowohl im Gaza-Streifen als auch im Westjordanland.

ZEIT Online: Da heißt konkret, es führt kein Weg daran vorbei, mit Hamas zu reden?

Antar: Ich denke nicht, denn sie symbolisiert eine große Kraft, sie ist äußerst populär und sie besitzt massenhaft Waffen. Man muss sie in künftige Abkommen einbinden. Abmachungen, die nur zwischen Israel und der Regierung getroffen werden, werden wenig Hoffnung auf Erfolg haben. Außerdem hat man von Hamas schon einige pragmatische Entscheidungen gesehen. Zum Beispiel die Einhaltung der Waffenruhe mit Israel.

Eine Politik der Konfrontation hätte dagegen ungewisse Konsequenzen, die Gefahr, dass im gesamten Nahen Osten Chaos ausbricht, ist eine reale Gefahr. Hamas könnte plötzlich die strategische Entscheidung treffen, die Selbstmordanschläge wieder aufzunehmen. Der ehemalige israelische Ministerpräsident Jitzchak Rabin hat einmal gesagt, dass nichts jemanden davon abbringen könne, einen Selbstmordanschlag zu verüben.

ZEIT Online: Dennoch stellt sich die Frage, wie eine Gruppierung, die so isoliert von der Außenwelt zu sein scheint, politisch überlebt.

Antar: Das ist eher eine abstrakte Frage. Hamas ist aus der ägyptischen Muslimbruderschaft hervorgegangen. Sie ist in vielen arabischen Ländern aktiv und sie ist es auch, die Hamas mit allen möglichen Mitteln versorgt. Und sie wird alles unternehmen, um die Hamas zu retten. Eine komplette Zerschlagung der Hamas ist nach meiner Ansicht fast gar nicht möglich.

Die Entscheidung, Hamas in die Ecke zu treiben, oder sogar zu eliminieren, kann eher nicht funktionieren. Dafür sind die Strukturen viel zu unübersichtlich. Man kann zum Beispiel, wie von Israel angekündigt, die Islamische Universität von Gaza, die von Hamas kontrolliert wird, bombardieren. Dann gibt es aber immer noch andere Strukturen, die nicht zerschlagen werden können. Hamas hat genug Ressourcen, sie besitzt zwar ihr Geld nicht nur in Form von Banknoten, aber sie betreibt Tausende kleiner Geschäfte, die man nicht von den Läden von Privatleuten unterscheiden kann. Außerdem hat sie zahlreiche Geschäfte und Betriebe auch im Westjordanland. Und was ist mit den Waffen? Glauben Sie, dass man die so einfach entsorgen kann und wird? Hamas wird brutaler werden und nicht nur die palästinensische, sondern auch die israelische Gesellschaft wird darunter leiden.

Die Fragen stellte Wiebke Eden-Fleig

Dr. Usama Ansar arbeitet seit 2005 als Projektmanager in der Zweigstelle der Friedrich-Ebert-Stiftung im Gaza-Streifen und leitet die Projekte vor Ort. Zuvor arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent in der Fakultät für Politik- und Medienwissenschaften an der ägyptischen Al-Azhar Universität und an der Al-Aqsa Universität in Gaza-Stadt.