SPD

Wowi ante Portas

Klaus Wowereit hat ein Buch geschrieben, um sich für höhere Aufgaben zu empfehlen. Der Boulevard ist begeistert, das politische Feuilleton verdreht die Augen. Doch niemand sollte Berlins Bürgermeister unterschätzen.

Alles Zufall? Die vielen Interviews, die Autogrammstunde, die Schlagzeilen? Klaus Wowereit ist in diesen Tagen in der Öffentlichkeit dauerpräsent. Berlins Regierender Bürgermeister hat eine Autobiografie geschrieben , besser gesagt: er hat sie schreiben lassen. Der Sozialdemokrat erzählt von seiner Mutter Hertha, von seiner großen Liebe Jörn, von seinem Aufstieg aus einfachen Verhältnissen an die Spitze der Hauptstadt, und auch ein paar Spitzen gegen Parteifreunde verkneift er sich nicht. Die Boulevard-Medien sind begeistert. Viele politischen Korrespondenten äußern sich mit Häme, denn ein auf den ersten Blick politisches Buch hat Wowereit nicht geschrieben, Visionen für die SPD oder Gedanken über rot-rote Perspektiven in Deutschland finden sich auf den knapp 300 Seiten nicht.

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Trotzdem liegt die Frage auf der Hand: Empfiehlt sich hier jemand für höhere Aufgaben? Ist  Wowereit die Hauptstadt zu klein geworden, strebt er in die Bundespolitik und hat er vielleicht sogar das Zeug zum Kanzlerkandidaten? Dem Regierenden Bürgermeister gefallen solche Fragen überhaupt nicht. Zufall sei es, dass das Buch jetzt erscheine, versichert er am Mittwochabend bei der Präsentation in der Berliner Repräsentanz des Bertelsmann-Verlags. Er sei nicht auf Jobsuche, sagt er, er plane seine Karriere nicht, alles andere sei „reine Spekulation“.

Aber immerhin antwortet er in einem Stern -Interview auf die Frage „kann ein Schwuler Kanzler werden“ mit einem Satz, mit dem sich ähnlich einst schon der im Rollstuhl sitzende CDU-Politiker Wolfgang Schäuble für die Kanzlerschaft empfahl: „Ich glaube, das wäre möglich“.

Alles Zufall? Wohl kaum. Mit Klaus Wowereit muss man rechnen, vor allem die SPD muss mit ihm rechnen. Dabei betrachten ihn viele Parteifreunde mit Skepsis, in den bundespolitischen Netzwerken der SPD ist er ein Außenseiter, seine rot-rote Landesregierung gilt bei vielen führenden Sozialdemokraten immer noch als Schmuddelbündnis, im Westen hat Parteichef Beck solche verboten. Mit seinen Ambitionen auf den stellvertretenden Parteivorsitz blitzte Wowereit bei Beck denn auch ab. Hinzu kommt: Die Frage, ob ein bekennender Schwuler tatsächlich Kanzler werden könne, wird an der Parteibasis durchaus kontrovers diskutiert.

Ein klassischer Parteipolitiker ist Klaus Wowereit nicht, im Gegenteil. Er gilt als Leichtgewicht und Dampfplauderer. Er meidet die Problemthemen, schickt seine Senatoren vor, wenn zum Beispiel an der Rütli-Schule die Gewalt eskaliert. Und wenn er in die Partnerstadt Los Angeles reist, trifft er sich lieber mit Thomas Gottschalk, als sich über Integrationsprobleme einer amerikanischen Großstadt zu informieren. Wowereit ist kein Freund des politischen Diskurses und der programmatischen Debatten. „Ich lebe etwas außerhalb der Politikernorm“, sagt er über sich selbst. Und auch in seinem Buch schwingt schon ein wenig Verachtung mit, wenn er über seine weniger erfolgreichen Parteifreunde lästert. Wenn er über endlose Grundsatzdebatten oder lähmende Grabenkämpfe zetert. Oder wenn er darüber klagt, dass Politik zu sehr durch Parteigremien bestimmt wird, dass es auch in der SPD häufig wichtiger sei, 50 Delegierte zufrieden zu stellen als 150.000 Wähler.

Aber Wowereit ist erfolgreich, das kann niemand bestreiten. Gegen die traditionelle Berliner SPD hat er seinen politischen Aufstieg organisiert, gegen die öffentliche Meinung hat er auf Rot-Rot gesetzt, um die CDU von der Macht zu verdrängen, gegen den Widerstand des Öffentlichen Diensts und die sonstigen Besitzstandswahrer hat er der überschuldeten Stadt erfolgreich einen Sparkurs aufgezwungen. Und gegen den politischen Trend hat er für die SPD zweimal hintereinander seine Landtagswahl gewonnen. Zwar ist es längst noch nicht so, dass es der Hauptsstadt wirtschaftlich und finanziell wieder gut ginge, aber die Trendwende hat er geschafft. Anders als bei seinem Amtsantritt 2001 hat Berlin wieder Perspektiven. Die Wirtschaft wächst wieder, der Tourismus boomt. Für junge und kreative Leute hat die Stadt weltweit eine enorme Anziehungskraft entwickelt.

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Leser-Kommentare

  1. Gefragt, ob er die Biographie auch selbst geschrieben habe, erwiderte ein Prominenter: "Ach wo, ich habe sie noch nicht mal selbst gelesen."

  2. "Kann ein Schwuler Kanzler werden". Die Frage lautet wohl eher: Ist die SPD bereit für einen schwulen Kanzlerkandidaten?

    Ich persönlich habe da meine Zweifel. Es ist doch bezeichnend, dass es die CDU und nicht die SPD war, die erstmals eine Frau (dazu noch eine Ostdeutsche) zur Kanzlerkandidatin gekürt hat. Ich bin mir sogar ziemlich sicher: Wäre Angela Merkel in der SPD, dann wäre sie niemals Kanzlerin geworden.

  3. 3. WOWI

    ist eine der wenigen, wirklich starken Persönlichkeiten in der politischen Szene Deutschlands.
    Sein Outing -...und das ist gut so...- hebt ihn über all die homophoben Männeken der CDU/CSU.
    Eine gute Chance für die SPD und eine gute Chance für die Bundesrepublik. Endlich vorbei mit diesem unseligen, unsozialen, gesellschaftsfernen, rückwärtsgewandten Theater von CDU/CSU. Wo bleibt denn das Wirtschaftswachstum? Doch nur in den Taschen einiger Aktionäre und Bosse. Wo bleiben denn echte, gesellschaftspolitische Reformen wie Kinderfreundlichkeit, Familienfreundlichkeit, Bildung usw.? Haben wir demnächst wieder die ungeschiedene Hetreoehe zweier Urdeutscher als Ideal? Na denn man tau; mit Meisser (Entartete Kunst) und Benedikt (Die Spät68er und die Schwulen sind der Untergang Europas) als Protagonisten kann man ja ahnen, wo das dann hingeht.
    Zeit, dass nach einer Frau von rechts ein schwuler Mann von links die BRD führt. Und Herr Dr. Jörn Kubicki als First Sir der BRD, wunderbar, der macht auf jeden Fall eine gute Figur.

    Ein herzliches Glückauf aus dem Ruhrgebiet nach Berlin.

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    Glück auf   Karlineken

    Natürlich soll unser charismatischer "Wowi" endlich Kanzler werden. Berlin darf ihn ja trotzdem behalten.

    Sollte dann aber der dröge Friedbert Pflüger eine Chance haben?
    Ich glaube, dann überlege ich's mir noch mal. Das will ich uns ersparen, dazu bin ich dann doch viel zu egoistisch.

    Alle Achtung   Karlineken

    Man muss doch jönne könne.
    Nette Betrachtung haben Sie da geschrieben.
    Leute mit 50-Cent-BILDung lesen wohl auch nicht die Zeit?
    Trotzdem, so weltoffen wie wir in Deutschland tun, sind wir nicht.

  4. Natürlich soll unser charismatischer "Wowi" endlich Kanzler werden. Berlin darf ihn ja trotzdem behalten.

    Sollte dann aber der dröge Friedbert Pflüger eine Chance haben?
    Ich glaube, dann überlege ich's mir noch mal. Das will ich uns ersparen, dazu bin ich dann doch viel zu egoistisch.

    Antwort auf "WOWI"
  5. Man muss doch jönne könne.
    Nette Betrachtung haben Sie da geschrieben.
    Leute mit 50-Cent-BILDung lesen wohl auch nicht die Zeit?
    Trotzdem, so weltoffen wie wir in Deutschland tun, sind wir nicht.

    Antwort auf "WOWI"
  6. Wowereit mag ja ein symphatischer Kumpel sein, aber was haben die vielen Arbeitslosen und Hartz-4-Empfänger in Berlin denn davon? Die Begeisterung von Christoph Seils über die Politik von Wowereit teile ich nicht.
    Wie sehen denn die harten Fakten aus?
    Finanzsenator Sarrazin fährt einen harten und konsequenten Sparkurs: Personalabbau, Privatisierung und kürzen - dadurch konnte die Neuverschuldung reduziert werden, das ist positiv. Doch die Stadt bleibt ein Armenhaus und hängt immer noch am Tropf der reichen Bundesländer. Die Arbeitslosigkeit ist mit 15,6% die dritthöchste in ganz Deutschland (Baden-W.:4,9.Thüringen:12,6).Die Arbeitslosigkeit ging seit 2006 nur um 9,7% zurück (Baden-W.: 23,5%.Thüringen: 14,8% etc.)
    Das Wirtschaftswachstum (1.Halbjahr 2007) ist das niedrigste von ganz Deutschland: gerade mal 1%! (Meck-Pom: 4%, Bayern: 3,5), das BIP pro Kopf ist sogar niedriger als 1999. Fazit: Der Aufschwung geht an Berlin weitestgehend vorbei, und die Verantwortung dafür trägt Wowereit, der nichts unternimmt, um neue Industriebetriebe in die Stadt zu holen.Ob es die 260.000 Arbeitslosen "sexy" finden, dass Berlin arm ist, wage ich im übrigen zu bezweifeln.

  7. 7. Wowi

    klar, kann Wowi Kanzler werden aber kann er auch Kanzler sein? Denn ausser sexy Armut hat er Berlin bis her nichts gebracht.

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  • Von Christoph Seils
  • Datum 21.9.2007 - 05:38 Uhr
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