SPD Wowi ante PortasSeite 2/2

Fast scheint es so, als sei Klaus Wowereit der geniale Repräsentant einer etwas schrägen, aber faszinierenden Stadt. Mit seinem Satz, „Berlin ist arm aber sexy“ hat er das Image der Stadt auf den Punkt gebracht, auch wenn das Bürgertum der Stadt ihm gerade diesen Satz besonders übel nimmt. Aber es gibt auch den anderen Klaus Wowereit, den Machtpragmatiker und sturen Verhandler. Als langjähriger Bezirksstadtrat kennt er alle Tricks und Kniffe der Verwaltung und der Politik. Seine Senatskollegen sind immer wieder überrascht davon, wie schnell er Schwachstellen in Vorlagen findet. Er liest die Akten ziemlich genau, auch wenn gern erzählt wird, er treibe sich nur auf Partys herum.

Womöglich repräsentiert Wowereit einen völlig neuen Politikertyp in Deutschland. Einen Typ, bei dem die Show genauso wichtig ist wie die Message , der sowohl verwalten als auch repräsentieren kann und dem die ideologischen Schlachten der Parteien egal sind. Wowereit hat als Regierender Bürgermeister die klassischen Pfade der Politik längst verlassen; er geht lieber zur Filmpremiere als zum Symposium. Aber er erreicht dort Menschen, die sich von der Politik und den meisten Politikern längst abgewendet haben. Und wer sein Buch genau liest, stößt auf eine ganze Reihe von politischen Botschaften genau für diese Wähler.

Auch wenn Intellektuelle über den schlichten Stil die Nase rümpfen und Parteipolitiker vergeblich nach Bekenntnissen für oder gegen Hartz IV suchen, Klaus Wowereit hat ein zwar boulevardeskes, aber auch ziemlich politisches Buch geschrieben. Er schildert seinen sozialen Aufstieg, die Chancen, die ihm die sozialdemokratische Bildungspolitik der sechziger und siebziger Jahre eröffnete. Und statt über die Pflegereform zu philosophieren, erzählt er, wie er seine alte Mutter gepflegt hat.

Niemand sollte Klaus Wowereit deshalb unterschätzen. Zumal die Personaldecke in der SPD dünn ist und sich wenige erfolgreiche Sozialdemokraten aufdrängen, die nach 2009 in der Bundespartei Verantwortung übernehmen könnten. 2013 ist Wowereit 60 Jahre alt und damit im besten Kanzleralter. Zudem steht er für ein Bündnis mit der Linkspartei und damit für jenen Tabubruch, der auch im Bund unvermeidlich werden könnte, wenn die SPD irgendwann ins Kanzleramt zurückkehren will.

Dabei ist Wowereit gar kein Linker, keiner, der auf klassische Umverteilung oder mehr Staat setzt. Privatisierungen zumindest waren unter Rot-Rot in Berlin nicht tabu und in seiner Autobiografie hat er ein paar Wahrheiten aufgeschrieben, die für seine Partei unbequem sind, vor allem aber für die Linken. „Wer mit Geld nicht umgehen kann, dem ist mit einer Erhöhung der Sozialhilfe nur wenig gedient“, schreibt er zum Beispiel, und auf die Frage eines Journalisten, ob er dies auch auf einem SPD-Parteitag wiederholen würde, antwortet er mit einem kurzen „Ja“. Auf die Reaktion der Delegierten darf man gespannt sein.

 
Leser-Kommentare
  1. Gefragt, ob er die Biographie auch selbst geschrieben habe, erwiderte ein Prominenter: "Ach wo, ich habe sie noch nicht mal selbst gelesen."

  2. "Kann ein Schwuler Kanzler werden". Die Frage lautet wohl eher: Ist die SPD bereit für einen schwulen Kanzlerkandidaten?

    Ich persönlich habe da meine Zweifel. Es ist doch bezeichnend, dass es die CDU und nicht die SPD war, die erstmals eine Frau (dazu noch eine Ostdeutsche) zur Kanzlerkandidatin gekürt hat. Ich bin mir sogar ziemlich sicher: Wäre Angela Merkel in der SPD, dann wäre sie niemals Kanzlerin geworden.

  3. 3. WOWI

    ist eine der wenigen, wirklich starken Persönlichkeiten in der politischen Szene Deutschlands.
    Sein Outing -...und das ist gut so...- hebt ihn über all die homophoben Männeken der CDU/CSU.
    Eine gute Chance für die SPD und eine gute Chance für die Bundesrepublik. Endlich vorbei mit diesem unseligen, unsozialen, gesellschaftsfernen, rückwärtsgewandten Theater von CDU/CSU. Wo bleibt denn das Wirtschaftswachstum? Doch nur in den Taschen einiger Aktionäre und Bosse. Wo bleiben denn echte, gesellschaftspolitische Reformen wie Kinderfreundlichkeit, Familienfreundlichkeit, Bildung usw.? Haben wir demnächst wieder die ungeschiedene Hetreoehe zweier Urdeutscher als Ideal? Na denn man tau; mit Meisser (Entartete Kunst) und Benedikt (Die Spät68er und die Schwulen sind der Untergang Europas) als Protagonisten kann man ja ahnen, wo das dann hingeht.
    Zeit, dass nach einer Frau von rechts ein schwuler Mann von links die BRD führt. Und Herr Dr. Jörn Kubicki als First Sir der BRD, wunderbar, der macht auf jeden Fall eine gute Figur.

    Ein herzliches Glückauf aus dem Ruhrgebiet nach Berlin.

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    Natürlich soll unser charismatischer "Wowi" endlich Kanzler werden. Berlin darf ihn ja trotzdem behalten.

    Sollte dann aber der dröge Friedbert Pflüger eine Chance haben?
    Ich glaube, dann überlege ich's mir noch mal. Das will ich uns ersparen, dazu bin ich dann doch viel zu egoistisch.

    Man muss doch jönne könne.
    Nette Betrachtung haben Sie da geschrieben.
    Leute mit 50-Cent-BILDung lesen wohl auch nicht die Zeit?
    Trotzdem, so weltoffen wie wir in Deutschland tun, sind wir nicht.

    Natürlich soll unser charismatischer "Wowi" endlich Kanzler werden. Berlin darf ihn ja trotzdem behalten.

    Sollte dann aber der dröge Friedbert Pflüger eine Chance haben?
    Ich glaube, dann überlege ich's mir noch mal. Das will ich uns ersparen, dazu bin ich dann doch viel zu egoistisch.

    Man muss doch jönne könne.
    Nette Betrachtung haben Sie da geschrieben.
    Leute mit 50-Cent-BILDung lesen wohl auch nicht die Zeit?
    Trotzdem, so weltoffen wie wir in Deutschland tun, sind wir nicht.

  4. Natürlich soll unser charismatischer "Wowi" endlich Kanzler werden. Berlin darf ihn ja trotzdem behalten.

    Sollte dann aber der dröge Friedbert Pflüger eine Chance haben?
    Ich glaube, dann überlege ich's mir noch mal. Das will ich uns ersparen, dazu bin ich dann doch viel zu egoistisch.

    Antwort auf "WOWI"
  5. Man muss doch jönne könne.
    Nette Betrachtung haben Sie da geschrieben.
    Leute mit 50-Cent-BILDung lesen wohl auch nicht die Zeit?
    Trotzdem, so weltoffen wie wir in Deutschland tun, sind wir nicht.

    Antwort auf "WOWI"
  6. Wowereit mag ja ein symphatischer Kumpel sein, aber was haben die vielen Arbeitslosen und Hartz-4-Empfänger in Berlin denn davon? Die Begeisterung von Christoph Seils über die Politik von Wowereit teile ich nicht.
    Wie sehen denn die harten Fakten aus?
    Finanzsenator Sarrazin fährt einen harten und konsequenten Sparkurs: Personalabbau, Privatisierung und kürzen - dadurch konnte die Neuverschuldung reduziert werden, das ist positiv. Doch die Stadt bleibt ein Armenhaus und hängt immer noch am Tropf der reichen Bundesländer. Die Arbeitslosigkeit ist mit 15,6% die dritthöchste in ganz Deutschland (Baden-W.:4,9.Thüringen:12,6).Die Arbeitslosigkeit ging seit 2006 nur um 9,7% zurück (Baden-W.: 23,5%.Thüringen: 14,8% etc.)
    Das Wirtschaftswachstum (1.Halbjahr 2007) ist das niedrigste von ganz Deutschland: gerade mal 1%! (Meck-Pom: 4%, Bayern: 3,5), das BIP pro Kopf ist sogar niedriger als 1999. Fazit: Der Aufschwung geht an Berlin weitestgehend vorbei, und die Verantwortung dafür trägt Wowereit, der nichts unternimmt, um neue Industriebetriebe in die Stadt zu holen.Ob es die 260.000 Arbeitslosen "sexy" finden, dass Berlin arm ist, wage ich im übrigen zu bezweifeln.

  7. 7. Wowi

    klar, kann Wowi Kanzler werden aber kann er auch Kanzler sein? Denn ausser sexy Armut hat er Berlin bis her nichts gebracht.

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