Gesellschaft Sushi geht immer

Sibylle Berg wundert sich über albern überteuerte Wohnungen. Noch mehr jedoch, über deren Bewohner

Sushi geht immer "Sie mögen die Stadt und möchten dort leben. Dort, wo das Leben pulsiert und Sie Ihren Lifestyle leben möchten. Preis/Monat: CHF 4238" Quelle: das Schweizer Immobilienportal Homegate - gekonnt Formuliertes lässt mich immer den Hut ziehen. Wenn dann noch der Inhalt stimmt: In Zürich-West, im Aquarium-Neubau so richtig schön den Lifestyle ausleben. Gepflegte, junge Paare in urban legerer Freizeitkleidung lümmeln attraktiv auf Bauhaus-Replika-Daybeds, hören Franz Ferdinand und blättern im Purple . Dabei beobachten sie andere Paare in anderen Wohneinheiten, die genau dasselbe tun. Hallöchen, wer würde da schon kopfschüttelnd ablehnen? Allein der Preis schreit nach einem Berufsbild, das irgendwo ein »Management« in der Visitenkarte aufweist.

Wie lange wird sich dieser kleine Racker von Offerte wohl im Netz halten? Eine stille Freude ist es, albern überteuerte Wohnraum-Inserate zu beobachten, zu sehen, wie die Erdgeschossimmobilie am hässlichsten und lautesten Platz Zürichs nach sechs Monaten von 5000 Franken auf 4300 reduziert wird. Und dann irgendwann doch verschwindet. Wohin verschwindet dieser Wohnraum? Vielleicht auf einen Gnadenhof?

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Da sitzen traurige Top-Immobilien in bevorzugter Wohnlage und fühlen sich ungeliebt. Die Wohnungen trinken Roibush-Tee, das tut man heute in ihren Kreisen, schmeckt eklig, hat aber was mit Dritter Welt zu tun, und ist darum hip – und warten auf ihre Besitzer. Warten, dass sie abgeholt werden und dann vielleicht erschossen. Nein, das wird nicht passieren. Irgendwann findet sich einer, es findet sich immer irgendeiner für jeden Quatsch, wenn man lange genug wartet. Und überhaupt – wer sich keine Wohnung für Fünftausend leisten kann, soll gefälligst arbeiten gehen. Über die Preise in Zürich zu jammern ist absolut unsinnig. Gesellschaftlichen Außenseitern steht es frei, in Vororte wie Affoltern oder nach Porrentruy zu ziehen. Da gibt es unfassbare vier Zimmer für 800 Franken.

Okay, direkt am Bahnhof, also im Bahnhofsgebäude, um genau zu sein, aber dafür verkehrsgünstig. Und Lifestyle geht da auch. Da wir gerade davon reden: was ist eigentlich Lifestyle? Ist es, so zu leben, wie jetzt scheinbar alle leben, weil es überall gezeigt wird? Große, leere Glaskästen mit Riesensofas in weiß, Sofatischen und Sideboards, auf denen eine Calla steht in so einer Vase die aussieht wie was Japanisches? Und die nächste Frage wäre: Fühlt man sich einen Deut besser, wenn man den ganzen Plunder gemietet oder bezahlt und hingestellt und abgestaubt hat? Am Ende läuft man doch nur herum und fragt sich, wo das alles enden soll. All die Morgen, an denen man erwacht, in diesem Bett, das jetzt auch alle haben, das aussieht wie ein Hotelbett. Und dann springt man los, gleitet lautlos in die Tiefgarage, stockt im Stau in sein Büro, in den Management-Job, macht da irgendeinen Quark, der so egal ist, dass einem grad die Knie darüber einschlafen. Irgendein Zeug mit Logistik, Traffic oder Events. Und rollt am Abend wieder heim, wieder hoch, tigert in dem Lifestylegehäuse herum, macht sich was Tiefgekühltes oder, wenn man es echt krachen lassen will, lässt den Lieferservice kommen. Sushi geht ja immer. Und vielleicht ist da ein Partner. Laut Statistik aber eher nicht, denn Lifestyle in urbanen Quartieren schreit geradezu nach Single-Leben mit Singlebroten. Also ist da keiner und - zack! - noch eine DVD reingeschoben in den Bang & Olufson Flatscreen und dann geschlafen, wie im Hotel, ist aber leider keines: Ist dein Leben. Schöne Kacke. Denn der Single hofft ja auf das Wunder: den Partner, der alles ändert. Heißt: den Lifestyle noch lebendiger macht. Dann kann man in stillen Nächten zusammen surfen und: "Schau nur, Schatz, wie süß!", ruft sie: "Wohnen in Puls 5 ist etwas für Individualisten. Hier gibt es Wohnungen für jeden Bedarf und jedes Budget. Man kann nicht nur mieten, nein auch kaufen geht! Verkaufspreis: CHF 1.750.000"

Aber dazu ein anderes Mal.

* Sibylle Berg wirft jede Woche einen Blick auf die Widrigkeiten und den Unsinn unseres Daseins. Das neue Buch der Schriftstellerin Die Fahrt ist Mitte August im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen. Mehr Infos dazu auf der Website der Autorin .

 
Leser-Kommentare
  1. The one and only singlequeen of decadence.
    Greetings to the very clean Tessin and
    have a nice day.

  2. Komisch. Immer wenn ich Sibylle Berg in Zürich sehe, sitzt sie gerade an einem Fliessband und isst Sushi. Hoffentlich ist ihre Wohnung günstig und aufrichtig gewählt.

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