Als der Düsseldorfer IT-Experte Alexander Janßen Ende Juli nachts von einer Kneipentour nach Hause kommt, erlebt er eine unschöne Überraschung. Kaum hat er die Wohnungstür geschlossen, klopft schon die Polizei. Minuten später sitzt der 31-Jährige mit Handschellen gefesselt in seiner eigenen Küche und muss zusehen, wie die bewaffneten Beamten seine Wohnung durchsuchen.

Was ihm vorgeworfen wird, erfährt Janßen erst bei einem mehrstündigen Verhör auf der Polizeiwache. „Lieber tot als Menschenmüll“ - unter diesem martialischen Motto hatte ein anonymer Nutzer ausgerechnet im Polizisten-Forum Copzone einen Amoklauf angekündigt und dabei eine Arbeitsvermittlerin massiv bedroht. Bei der Suche nach dem vermeintlichen Amokläufer sind die Polizisten auf eine Internetadresse  - genauer: auf die IP-Adresse eines Rechners im Internet - gestoßen, die auf den Düsseldorfer IT-Experten als Täter hinzudeuten schien. Doch Janßen hatte mit der Drohung nicht zu tun.

Der IT-Experte gehört zu einer kleinen Schar von Bürgerrechts-Aktivisten, die auf eigene Kosten Server im Internet betreiben, die es ermöglichen, anonym im Netz zu kommunizieren oder zu surfen. Im Frühjahr 2006 hatte er dafür einen Server beim Erfurter Provider Keyweb angemietet, auf dem er einen so genannten Tor-Node einrichtete. „Ich bin ein Verfechter des Rechts auf Anonymität“, erklärt Janßen. Und mit seinem Server wollte er einen Beitrag dazu leisten, dass jedermann im Internet anonym kommunizieren kann. „Denn sonst können sich nur Kriminelle Anonymität im Internet leisten, indem sie fremde Identitäten stehlen oder über gehackte Server online gehen.“ Doch auch Privatleute sollten die Gelegenheit bekommen, unerkannt zu kommunizieren.

Tor - das verschleierte Netz

Die Software Tor gilt als eine Vorzeige-Initiative gegen Überwachung und Zensur im Internet. Das Tor-Netzwerk basiert auf dem so genannten „Onion Routing“. Die Daten werden zwischen mehreren Anonymisierungs-Servern hin- und hergeschickt, bis kein einzelner Rechner mehr nachvollziehen kann, wer denn da mit wem kommuniziert hat. Das Netzwerk gilt auch vor gezielten Manipulationen als sicher. Selbst wenn einer der Server belauscht würde, könnte die Kommunikation im Tor-Netzwerk nicht den Nutzern zugeordnet werden. Dabei ist die Software mittlerweile relativ einfach zu benutzen. Der Verein FoeBuD vertreibt einen USB-Stick namens PrivacyDongle , auf dem die Software schon lauffertig vorinstalliert ist.

Selbst staatliche Zensur-Maßnahmen scheitern an Tor: So ist die Software zum Beispiel im Iran und in China sehr beliebt, um dort verbotene Webseiten abzurufen. In falscher Sicherheit sollten sich Anwender allerdings nicht wiegen: Tor verschleiert nur den Anwender – die Kommunikation zwischen Tor-Servern und dem öffentlichen Internet ist nicht verschlüsselt. Der schwedische Hacker Dan Egerstad konnte vor kurzem mit Hilfe eines Tor-Servers über 100 Passwörter von Botschaften und internationalen Organisationen erlauschen, die über das Anonymisierungs-Netz geschickt worden waren.