Biografie Es lebe die Realität
Mama Hertha ist Berlin. So liest sich das in Klaus Wowereits Buch. Er wurde 1953 in Berlin geboren. Jetzt hat er seine Biografie gemeinsam mit dem Journalisten Hajo Schumacher geschrieben.
Klaus Wowereits Mutter hieß Hertha Grüner. Grüner ist der Name ihres ersten Mannes, Wowereit ist der Nachname seines Vaters Walter, der kurz nach der Geburt von Klaus die Patchworkfamilie verlassen hatte. Hertha Grüner bekam fünf Kinder von drei Männern. Als Alleinerziehende bringt Hertha die Familie mit Putz- und anderen Jobs durch. Trotz Schulden kauft sie ein Grundstück in Berlin Lichtenrade, da sonst alle auf der Straße gelandet wären. Gleichzeitig feiert sie Partys, auf denen die Kinder erscheinen müssen – sie weiß um die soziale Kraft von Festen. Wenn Klaus Wowereit von Hertha zum Kohlenhändler geschickt wird, um mal wieder anschreiben zu lassen, stärkt das seinen Stolz. Denn er schafft es immer, dass ihm Kredit gewährt wird. Später pflegen Klaus und sein Lebensgefährte Jörn Kubicki gemeinsam Mama Hertha bis zu ihrem Tod im Jahr 1995.
Die Geschichte kann auch so gelesen werden: Die Mutter mit ihrem pragmatischen Verständnis von Ökonomie ist das verschuldete Berlin und der Gang zum Kohlenhändler der zum Bundesfinanzminister. Das Partyleben nennt sich heute Social Networking und das Gesundheitswesen, auch das eine mögliche Lesart, wird als liebevoller Generationenvertrag dargestellt. Das Hertha-Prinzip ist jenes Verständnis, dass eine von der PDS tolerierte Koalition mit den Grünen und anschließend eine Koalition mit der PDS erlaubt, auch um selbst oben zu bleiben. Der erste Teil der Biografie liest sich - und so liebt es der Berliner- wie der Überlebensbericht eines Aufsteigers.
Ein Aufsteiger, der sich mit preußischer Disziplin gegen die Attitüden der Lichtenrader Ärzte-, Beamten- und Apothekerschicht durchsetzt, um auf das Gymnasium zu kommen. Armut und Stolz stehen nicht im Gegensatz, „ wenn der Mensch die Aussicht und den Willen hat, sich daraus aus eigener Kraft zu befreien“, so Klaus Wowereit. Und er zweifelt den herrschenden Armutsbegriff an, solange man noch „ 80 Euro für Zigaretten im Monat ausgeben kann, noch mal so viel für Lotto und Alkohol, für Bezahl-TV, Teleshopping und Handy-Gebühren“ übrig hat. Disziplinierte, mathematisch korrekte Haushaltsführung ist sein Heilmittel aus Herthas Hausapotheke. Und schlägt vor, diese praktische Ökonomie als Lehrfach an Schulen einzuführen.
Klaus Wowereit verkörpert in seiner Autobiografie den politischen Selfmademan mit Street credibility – er wirkt immer authentisch. Und er bleibt smart dabei . Klaus Wowereit ist das neue Berlin, nach den Skandalen Westberliner Prägung, von Diepgen und Landowsky und - weiter zurückliegend - von Stadtbaurat Antes und Beißer Lummer. Er steht auch ein Stück weit für ein neues Deutschland, welches während der Weltmeisterschaft 2006 erstmals sichtbar wurde. Denn wie nie zuvor wird Deutschland und besonders Berlin, mit dem was man laisser faire nennen könnte in Verbindung gebracht. Wowereit steht dafür.
Übersetzt man laisser faire mit „Leben und Leben lassen“, bekommt es, in Verbindung mit der Einwanderungsgeschichte Berlins, auch einen politischen Beigeschmack. Und so fällt der „flexible Mensch“ Klaus Wowereit, den er uns gegen Ende seiner Biografie schmackhaft macht, bei aller medialen Präsenz, nicht unangenehm auf.
Er erzählt die Geschichten hinter den Zeitungsbildern von ihm und spricht dabei von Hinrichtungsjournalismus. Doch gleich danach ruft er alle Bevölkerungsgruppen, auch Arbeitslose, Kleinverdiener und Migranten auf, sich in den Parteien zu engagieren. Mit Visionen jedoch tut er sich schwer. Seine Parole lautet : Es lebe die Realität. Klaus Wowereit: “Ich bin kein Jongleur, der bunte Seifenblasen durch die Luft wirbelt. Die Realität bietet bunte Vielfalt genug“. Und man fragt sich unweigerlich, wann Herthas Weisheiten vom Parteiprogramm übernommen werden.
- Datum 21.09.2007 - 11:12 Uhr
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Keiner der aktuellen Bundespolitiker hat die starke Persönlichkeit wie der Regierende Bürgermeister von Berlin. Durch sein outing hat er Persönlichkeit bewiesen und stellt die homophoben Männeken der CDU allesamt in den Schatten.
Mein Wunsch für 2009: Wowi als Kanzler einer Ampel-Koalition.
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