Es ist eine kleine Meldung neben einem großen Foto. Das Bild zeigt eine Frau mit einer Tätowierung auf der Schulter. Der Text verweist auf einen öffentlichen Referentenentwurf zur Pflegereform, genauer gesagt: auf eine sechzeilige Änderung des Paragrafen 297a im fünften Sozialgesetzbuch. Das 260 Seiten lange Papier ist seit Wochen öffentlich.

Nichts Großes und nicht ganz Neues also, und trotzdem hat das Nachrichtenmagazin Der Spiegel mit seiner Nachricht eine heiße Nadel im Heuhaufen entdeckt - und eine Welle der Empörung unter Deutschlands Medizinern ins Rollen gebracht. Künftig, das wird nun klar, sollen Ärzte den Kassen melden, wenn ein Patient selbstverschuldet krank wird. Damit die GKV ihre Versicherten an den Kosten beteiligen kann. Neu ist vor allem die Pflicht der Ärzte, den Kassen dabei dienlich zu sein. Von einem Dammbruch ist unter Ärzten und in den Sozialverbänden daher die Rede, von einer Aushöhlung der ärztlichen Schweigepflicht, von einem Einfallstor für gesundheitspolitische Willkür.

Das Gesundheitsministeriums allerdings begegnet dem Gezeter mit großem Unverständnis. "Wir ergreifen jetzt Maßnahmen, die für eine Umsetzung der Gesundheitsreform notwendig sind", sagt die zuständige Sprecherin der Gesundheitsressorts, Dagmar Kaiser, zu ZEIT online. Dass die ärztliche Schweigepflicht angetastet werde, sei eine Behauptung der Ärzte. "Unsere Position ist das nicht." Bereits jetzt gebe es gesetzliche Vorschriften, die den Arzt in bestimmten Situationen von seiner Schweigepflicht entbinden und ihn zum Datentransfer verpflichteten. "Es geht nicht um das Raucherbein", ergänzt Kaiser.

Ein Blick auf die geplante Änderung des Paragrafen 294a im fünften Sozialgesetzbuch lässt aber leider anderes vermuten: Im alten, noch gültigen Absatz geht es allein darum, direkte oder Folgeschäden in Beruf, durch Unfälle, durch Körperverletzungen oder Impfungen - kurz: Schäden zu melden, die in Zusammenhang mit Straftaten, ärztlichen Fehlern oder Unfallversicherungen stehen.

Die neue Fassung erweitert diese Meldepflichten um eine völlig neue Art von Fällen. Jene nämlich, in denen der Patient sich die Erkrankung "vorsätzlich" - also ohne strafbaren Hintergrund -, "oder durch eine medizinisch nicht indizierte Maßnahme" zugezogen hat. Tattoo, Piercing und Schönheitsoperationen werden nur beispielhaft erwähnt. Nach Aussage von Dagmar Kaiser soll mit dem Passus auch nichts anderes als Tattoo, Piercing und Schönheitsoperationen gemeint sein.

Das mag für den Moment stimmen. Vorsätzlich oder medizinisch nicht indiziert kann aber so manches sein: Ein Beinbruch beim Skifahren, die obstruktive Lungenerkrankung nach jahrzehntelangem Nikotinmissbrauch oder gar Krankheit als Folge einer sogenannten Individuellen Gesundheitsleistung (IGeL) - auch diese medizinischen Verfahren sind den Kassen zufolge ja nicht notwendig. Würde die Änderung in der zitierten Formulierung wirksam, bliebe den Krankenkassen also ein erheblicher Spielraum für weitergehende Forderungen.