Besser wirtschaften Wider den Ökonomismus

Soziales Wirtschaften meint mehr als Zinsdiskussionen. Ein Plädoyer für eine Resozialisierung der Ökonomie

Als ich von der Künstlergruppe WochenKlausur zur Teilnahme an einer Debatte zum sozialen Wirtschaften und hier vor allem zu Möglichkeiten, lokal zu handeln ( think global - act local ), eingeladen wurde, hatte ich nicht vermutet, dass sich diese Debatte mit so großer Ausschließlichkeit auf Fragen der Rolle von Zins und der Möglichkeiten von Regionalwährungen konzentrieren würde.

Ich möchte mit meinem Beitrag auf einige andere Bedeutungen hinweisen, die soziales Wirtschaften heute hat, nicht nur, weil ich sie für wichtig halte und mich seit Jahren damit beschäftige, sondern auch wegen einer gewissen Skepsis gegenüber dem möglichen Bedeutungsgewinn von regionalen Währungen.

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Wenn man sich heute auf die Suche nach Formen des sozialen Wirtschaftens macht, dann muss man mit einer Gleichsetzung brechen, die nicht nur von Neoliberalen vertreten wird: Wirtschaft ist Marktwirtschaft. Tatsächlich wirtschaften aber auch Familien und andere Privathaushalte (man nennt das "moralische Ökonomie"); der Staat wirtschaftet, speziell auch als Sozialstaat (mit eigenen Krankenhäusern, Wohnungsbaugesellschaften, kommunalen Betrieben bei Wasser, Energie, Verkehr…). Und last, not least hat man in der Gesellschaft in den vergangenen 150 Jahren zahlreiche Formen anderen Wirtschaftens gefunden.

Auf diesen letzten Punkt will ich mich konzentrieren. Was haben wir da? Altehrwürdige Einrichtungen: Genossenschaften zum Beispiel. Sie spielen seit jeher und immer noch eine große Rolle. Aber auch Wohlfahrtsverbände wie die Caritas, die ebenfalls über Jahrzehnte zu Sozialwirtschaftsunternehmen eigener Art geworden sind. Mit 1968 und den Folgen entstand eine ganze Welle von neuen Kultur-, Umwelt- und Sozialprojekten, bei denen - zum Teil mit erklärtem Anspruch, zum Teil ganz beiläufig - anders gewirtschaftet wird. Das gilt übrigens auch für die vielen Beschäftigungsbetriebe, die quer durch Europa versuchen, in Bereichen von allgemeinem Nutzen wenigstens vorübergehend Arbeits- und Einkommensmöglichkeiten zu schaffen.

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"68" hatte aber auch Auswirkungen auf die traditionellen Elemente einer "économie sociale" (wie man in Frankreich treffend dazu sagt). Oft waren sie ja darauf geschrumpft, lediglich für ihre Klientel zu sorgen, ohne dass darüber hinaus noch ein Reformfunke schlug – arrangiert mit der Macht, der sie immer ähnlicher geworden waren (man denke nur an Raiffeisen). Doch eine neue Generation von Managern und Sozialunternehmern weiß heute um die Widersprüche zwischen sozialen und kulturellen Ansprüchen und den Zwängen eines wirtschaftlichen und politischen Umfelds, das seine Prioritäten durchsetzen will und für die Chancen des anderen Wirtschaftens von "sozialen Unternehmen" kein Gespür hat.

Es geht also nicht nur um die Zukunft einer Handvoll von Sozialinitiativen, Bürgerstiftungen und Alternativgenossenschaften, sondern um das große Feld der Umwelt-, Sozial- und Kultur-Wirtschaftseinrichtungen. Sie alle haben gemeinsam, dass Überschüsse zu erwirtschaften nur ein Ziel neben anderen ist. Je nach sozialer Einbettung und unmittelbar mitbestimmenden Gruppen und Interessenten sind diese oder jene "Sachziele" (so die Ökonomensprache) sozialer, kultureller und ökologischer Art gleichrangig. Sie sind andere Organisationsformen des Wirtschaftens, bei denen das "Soziale" nicht nur über den Wettbewerb um Kunden in die Organisation einfließt.

Ein Blick in die Zeitungen informiert über die bedrohlichen Entwicklungen für diese real existierenden Formen sozialen Wirtschaftens. Die Europäische Union, viele Regierungen und Fachleute kennen nur noch eine Form des Wirtschaftens: marktwirtschaftliche Konzepte, die durchweg allen anderen Unternehmensformen als überlegen angesehen werden. So hält man in der Regel private Unternehmen, die staatlich reguliert werden, auch bei sozialen Aufgaben für die beste Alternative. "Gemeinwirtschaftliche" öffentliche Betriebe und Genossenschaften oder Anbieter der Wohlfahrtsverbände als alternative Partner erleben eine harte Zeit. Sozial- und Kulturprojekte werden auf Nischen der Nothilfe und der Bedienung von Spezialgruppen verwiesen, die wirtschaftlich nicht von Interesse sind.

Gibt es angesichts dessen nicht eine Menge Themen und Aufgaben für eine Debatte zu sozialem Wirtschaften? Wie kann man die beim Wort nehmen, die sich zwar als Sozialunternehmen bezeichnen, bei denen aber eine eigenständige lokal und sozial sensible Agenda kaum noch auszumachen ist? Wie viel ist der Gemeinde in ihrem Sozialhaushalt die Unterstützung der Arbeit lokaler Kultur- Umwelt- und Sozialinitiativen wert? Werden sie als wirtschaftlich wertvoll anerkannt? Erlaubt der gegenwärtige Umgang mit ihnen Entwicklung oder nur Überleben?

Gegenwärtig wird hinter allem Gesellschaftlichen und Sozialen das Ökonomische entdeckt - wir sprechen von Ökonomismus. Das macht es umso notwendiger, Handlungs- und Wirtschaftsformen zu denken und zu stärken, bei denen es um eine Resozialisierung von Ökonomie geht. Es gibt viel soziales Wirtschaften, es ist bedroht und man kann in vieler Hinsicht lokal etwas dafür tun. Sollte das nicht in der weiteren Debatte berücksichtigt werden?

Adalbert Evers ist Professor für Vergleichende Gesundheits- und Sozialpolitik an der Universität Gießen. Auf ihn antwortet in der kommenden Woche Friedrich Schneider von der Johannes Kepler Universität Linz.

 
Leser-Kommentare
  1. Resozialisierung der Ökonomie

    Dieses Thema in einem Forum zur Diskussion zu stellen, finde ich sehr begrüßenswert.
    Es ist ein Beitrag, den bisher schon in verschiedenen Veröffentlichungen zu findenden Aufrufen zur Rückbesinnung auf die Vorrangstellung des Menschen in seiner gemein- oder gesell-schaftlichen Verbundenheit gegenüber dem gewissermaßen wertefreien reinen homo öconomicus mehr Beachtung zu widmen.
    Die Ökonomisierung der Sozialinitiativen ist das Gegenteil davon.

    Ich gehe bei meinen Überlegungen von der folgenden Grundannahme aus:

    1. der Mensch lebt, um arbeitend auf der Grundlage seiner und aller anderen Menschenwürde nach „Glückseligkeit“ zu streben.
    2. Um so leben zu können, muss der Mensch arbeiten, um zu überleben.

    Deswegen ist es m.E. unverzichtbar, den Begriff „Arbeit“ von ideologischen Vorurteilen und Falschdeutungen zu befreien und ihn viel weiter als nur mit „abhängiger Beschäftigung“ zu verwenden. Arbeit im physikalischen Sinne ist der Transport von Energie von einem System in ein anderes System.

    Diese Grundannahme ist m.E. allerdings nicht vorherrschend. Die „Ökonomisierung der Gesell-schaft“ entspricht eher der alltäglichen Lebenswirklichkeit:

    - Bereits im Kindergarten sollen die Kleinen lernen zu „wirtschaften“.
    - Auf den weiterführenden, „allgemein bildenden“ Schulen werden junge Menscheln ausgezeichnet für ihre „unternehmerischen Leistungen“, die sie erst wirtschaftsystemisch angepasst (über-)lebensfähig machen sollen
    - 99% (?) der täglichen Nachrichten und politischen Kundgaben drehen sich um wirtschaftliche Angelegenheiten (dazu gehört wohl auch Ihre Erfahrung, Herr Evers auf der Wochenklausur)
    - die Materialschlachten der Kriege sind kein Politikum, sondern ein Ökonomikum. Krieg ist heute wieder unwidersprochen ein legitimes (nicht legales) Mittel der ökonomisierten Politik. Die Kriegstoten sind nur Effizienz und Profitabilität störender Kollateralschaden. Das Haushaltsbudget des Verteildigungsministeriums steht praktisch nie in der öffentlichen Diskussion (ich kenne keine TV-Talkrunde, die dieses Thema diskutiert hat) wie z.B. das des Familien-, Gesundheits- oder Arbeitsministeriums.
    - Bemühungen um die Abschaffung der Armut und anderer sozialer Probleme in der Welt werden zwar lobend kurz erwähnt und evtl. sogar mit einem Nobelpreis ausgezeichnet, aber für das vagabundierende Kapital ist dies nur lästig, da es trotz oder wegen 30 Mill. Hungertoten profitabel arbeitet.
    - Die grassierende Korruption in den sogen. entwickelten Industriestaaten ist Ausdruck einer verwirtschaftlichten und verrechtlichten Gesinnung sogen. Wirtschaftseliten (Systemagenten).
    - Die heutige real existierende freie und soziale Marktwirtschaft ist weder frei noch sozial (und keineswegs die Vorstellung von A. Smith oder L. Erhard), sondern Spielball global agierender Wirtschaftsinteressenten
    - Geld ist längst kein faires Tauschmittel zum Zwecke vernünftigen wirtschaftlichen Handelns mehr im Interesse des Gemeinwohls, sondern eine verselbständigte, von allen handfesten Produktionsmitteln losgelöste Erscheinung zur spekulanten und rücksichtlosen Profitmaximierung mit dem Verweis auf den vermeintlich grundrechtsähnlichen Charakter der Forderung nach grenzenloser Freiheit des Kapitals.
    - Die Sozialinstitutionen und gemeinnützigen Einrichtungen richten sich im Prinzip auch mehr und mehr nach den vermeintlich unvermeidbaren ökonomisierten Spielregeln. Nur dann werden sie wahrgenommen und von der Handvoll Politiker vielleicht unterstützt, wenn dies deren eigenen Machtinteressen entspricht, und die dadurch noch den Anschein erwecken wollen, sie handelten nach dem Willen und im Interesse des Volkes.

    Der Zynismus der Ökonomisierung der Gesellschaft liegt darin, dass es nicht an wirtschaftlichen, insbesondere finanziellen Mitteln fehlt, die Probleme der Armut und sozialen Konflikte als Ursache fast aller kriegerischen Auseinandersetzungen anzupacken und zu lösen, sondern am fehlenden politischen und gesellschaftlichen Willen und an der Zivilcourage von Entscheidungs-trägern.
    Es fehlt eine täglich geführte öffentliche Diskussion über unsere ethisch und moralisch begründeten Zielvorstellungen über menschliches Zusammenleben in einer entwickelten oder zu entwickelnden Bürgergesellschaft. Diese Diskussion findet allenfalls in kleinen Seminarzirkeln statt ohne jegliche Außenwirkung.
    Es ist überwiegend von der Wirtschaftsordnung und weniger von einer erstrebenswerten Gesellschaftsordnung die Rede bzw. die beiden Ordnungen werden einfach gleichgesetzt.

    Die real existierende soziale Marktwirtschaft hat nach Jahrzehnten die von ihr versprochenen Problemlösungen nicht liefern können, auch wenn die Statistiker immer wieder zu beweisen suchen, dass global gesehen, die Welt friedlicher, reicher, freier und gerechter geworden sei.
    Frei nach dem Motto des Jägerlateins über die Hasenjagd: links vorbeigeschossen, rechts vorbei- geschossen – statistisch müsste der Hase tot sein – dürfte es danach keine Armut und keine Hungertoten und keine Kriege mehr geben.

    Eine „resozialisierte“ Gesellschaft muss sich auf den Menschen einstellen und muss Strukturen schaffen, wiederbeleben und festigen, die die Entfaltung der menschlichen physischen und geistigen Fähigkeiten bewusst, rational und auch intuitiv fördert und zwar ohne Reglementierung, d.h. in kleinen sich selbst regulierenden, lokal agierenden Systemen. Dies wäre ggf. ein andermal weiter auszu-führen.

    Reiner Löbbers
    3.10.07

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Herr Löbbers, da haben sie uns aber bald mehr zum Grübeln aufgegeben als der Artikel selbst. Mein Respekt vor ihren Gedanken.
    Ich selbst finde ebenfalls, das dieses Thema sehr Disskusionswürdig ist. Kann man es doch fast auf "den Sinn des Lebens" abstrahieren, wenn man für sich selbst eine Antwort auf diese Frage sucht.

    Lassen sie mich also kurz ihre Thesen zusammenfassen, damit wir uns nicht falsch verstehen:
    -Sie halten unser Wertesystem zusehr auf Profit
    ausgerichtet.
    -Der Kapitalismus trägt nicht dazubei die Probleme der
    Welt zu lösen
    -Sie fordern eine Neue Gesellschaftform, die diesen
    Problemen entgegentritt.

    Ich stimme ihnen, in ihren Forderungen, eigentlich in allen Punkten zu.
    Aber nach meiner Meinung suchen sie den Schuldigen in der falschen Ringecke.
    Denn der Kapitalismus, oder spezieller die soziale Marktwirtschaft, ist ein Wirtschafts-und kein Wertesystem.
    Für diese Form ist es das best bekannte System der Marktorganisation. Dies ist nicht meine Meinung sondern, eine wissenschaftlich bewiesene Tatsache(Stichwort A.Smiths "unsichtbare Hand des Marktes").
    Es ist der Fehler unserer Geselschaft, dass wir das Prinzip des Homo öconomicus auch auf unser Wertesystem übertragen haben.
    So ist es nicht verkehrt Kindern den Umgang mit ihrem Taschengeld beizubringen oder ihnen die Auswirkungen eines Hdy Vertrages zu erklären. Problematisch ist es dann, wenn die Eltern zuhause keine weiteren Werte lehren oder selbst nach dem "Geiz ist Geil" Prinzip leben und konsumieren.

    Dem Punkt, dass der Kapitalismus kein Weltprobleme wie Hunger oder Krieg löst ist richtig.
    Aber er ist auch nur ein Werkzeug, dass angewandt wird.
    Es sind die Menschen in Afrika selbst, die sich Ermorden und ihr Geld lieber für Waffen als für Getreide ausgeben.
    Die Meißten Länder sind seit ca. 50 Jahren unabhängig.
    Ihnen die Entscheidungsfreiheit über ihr Handeln abzusprechen würde sie Defakto wider in einen Koloniestatus zurückversetzen.
    Es ist der Mensch der den Abzugdrückt der tötet, nicht der, der die Pistole baut.

    Abschliessend stimme ich ihnen völlig zu, das wir neue Antworten auf unsere gesellschaftlichen Probleme brauchen.
    Aber dabei ist nicht die Wirtschaft das Problem, sondern die fehlenden Ideale in unseren Köpfen.
    Aber genau deshalb formuliere ich die Leise Hoffnung, das sich einige Missstände in Deutschland "von selbst" lösen werden. Denn wir befinden uns im Aufschwung und in 1-2 Jahren wird der auch in den Köpfen der Leute angekommen sein. Dann wird sich die positive Seite von Brechts Ausspruches "erst kommt das Fressen dann die Moral" zeigen.

    MfG

    Matthes Schachtner

    Herr Löbbers, da haben sie uns aber bald mehr zum Grübeln aufgegeben als der Artikel selbst. Mein Respekt vor ihren Gedanken.
    Ich selbst finde ebenfalls, das dieses Thema sehr Disskusionswürdig ist. Kann man es doch fast auf "den Sinn des Lebens" abstrahieren, wenn man für sich selbst eine Antwort auf diese Frage sucht.

    Lassen sie mich also kurz ihre Thesen zusammenfassen, damit wir uns nicht falsch verstehen:
    -Sie halten unser Wertesystem zusehr auf Profit
    ausgerichtet.
    -Der Kapitalismus trägt nicht dazubei die Probleme der
    Welt zu lösen
    -Sie fordern eine Neue Gesellschaftform, die diesen
    Problemen entgegentritt.

    Ich stimme ihnen, in ihren Forderungen, eigentlich in allen Punkten zu.
    Aber nach meiner Meinung suchen sie den Schuldigen in der falschen Ringecke.
    Denn der Kapitalismus, oder spezieller die soziale Marktwirtschaft, ist ein Wirtschafts-und kein Wertesystem.
    Für diese Form ist es das best bekannte System der Marktorganisation. Dies ist nicht meine Meinung sondern, eine wissenschaftlich bewiesene Tatsache(Stichwort A.Smiths "unsichtbare Hand des Marktes").
    Es ist der Fehler unserer Geselschaft, dass wir das Prinzip des Homo öconomicus auch auf unser Wertesystem übertragen haben.
    So ist es nicht verkehrt Kindern den Umgang mit ihrem Taschengeld beizubringen oder ihnen die Auswirkungen eines Hdy Vertrages zu erklären. Problematisch ist es dann, wenn die Eltern zuhause keine weiteren Werte lehren oder selbst nach dem "Geiz ist Geil" Prinzip leben und konsumieren.

    Dem Punkt, dass der Kapitalismus kein Weltprobleme wie Hunger oder Krieg löst ist richtig.
    Aber er ist auch nur ein Werkzeug, dass angewandt wird.
    Es sind die Menschen in Afrika selbst, die sich Ermorden und ihr Geld lieber für Waffen als für Getreide ausgeben.
    Die Meißten Länder sind seit ca. 50 Jahren unabhängig.
    Ihnen die Entscheidungsfreiheit über ihr Handeln abzusprechen würde sie Defakto wider in einen Koloniestatus zurückversetzen.
    Es ist der Mensch der den Abzugdrückt der tötet, nicht der, der die Pistole baut.

    Abschliessend stimme ich ihnen völlig zu, das wir neue Antworten auf unsere gesellschaftlichen Probleme brauchen.
    Aber dabei ist nicht die Wirtschaft das Problem, sondern die fehlenden Ideale in unseren Köpfen.
    Aber genau deshalb formuliere ich die Leise Hoffnung, das sich einige Missstände in Deutschland "von selbst" lösen werden. Denn wir befinden uns im Aufschwung und in 1-2 Jahren wird der auch in den Köpfen der Leute angekommen sein. Dann wird sich die positive Seite von Brechts Ausspruches "erst kommt das Fressen dann die Moral" zeigen.

    MfG

    Matthes Schachtner

  2. Herr Löbbers, da haben sie uns aber bald mehr zum Grübeln aufgegeben als der Artikel selbst. Mein Respekt vor ihren Gedanken.
    Ich selbst finde ebenfalls, das dieses Thema sehr Disskusionswürdig ist. Kann man es doch fast auf "den Sinn des Lebens" abstrahieren, wenn man für sich selbst eine Antwort auf diese Frage sucht.

    Lassen sie mich also kurz ihre Thesen zusammenfassen, damit wir uns nicht falsch verstehen:
    -Sie halten unser Wertesystem zusehr auf Profit
    ausgerichtet.
    -Der Kapitalismus trägt nicht dazubei die Probleme der
    Welt zu lösen
    -Sie fordern eine Neue Gesellschaftform, die diesen
    Problemen entgegentritt.

    Ich stimme ihnen, in ihren Forderungen, eigentlich in allen Punkten zu.
    Aber nach meiner Meinung suchen sie den Schuldigen in der falschen Ringecke.
    Denn der Kapitalismus, oder spezieller die soziale Marktwirtschaft, ist ein Wirtschafts-und kein Wertesystem.
    Für diese Form ist es das best bekannte System der Marktorganisation. Dies ist nicht meine Meinung sondern, eine wissenschaftlich bewiesene Tatsache(Stichwort A.Smiths "unsichtbare Hand des Marktes").
    Es ist der Fehler unserer Geselschaft, dass wir das Prinzip des Homo öconomicus auch auf unser Wertesystem übertragen haben.
    So ist es nicht verkehrt Kindern den Umgang mit ihrem Taschengeld beizubringen oder ihnen die Auswirkungen eines Hdy Vertrages zu erklären. Problematisch ist es dann, wenn die Eltern zuhause keine weiteren Werte lehren oder selbst nach dem "Geiz ist Geil" Prinzip leben und konsumieren.

    Dem Punkt, dass der Kapitalismus kein Weltprobleme wie Hunger oder Krieg löst ist richtig.
    Aber er ist auch nur ein Werkzeug, dass angewandt wird.
    Es sind die Menschen in Afrika selbst, die sich Ermorden und ihr Geld lieber für Waffen als für Getreide ausgeben.
    Die Meißten Länder sind seit ca. 50 Jahren unabhängig.
    Ihnen die Entscheidungsfreiheit über ihr Handeln abzusprechen würde sie Defakto wider in einen Koloniestatus zurückversetzen.
    Es ist der Mensch der den Abzugdrückt der tötet, nicht der, der die Pistole baut.

    Abschliessend stimme ich ihnen völlig zu, das wir neue Antworten auf unsere gesellschaftlichen Probleme brauchen.
    Aber dabei ist nicht die Wirtschaft das Problem, sondern die fehlenden Ideale in unseren Köpfen.
    Aber genau deshalb formuliere ich die Leise Hoffnung, das sich einige Missstände in Deutschland "von selbst" lösen werden. Denn wir befinden uns im Aufschwung und in 1-2 Jahren wird der auch in den Köpfen der Leute angekommen sein. Dann wird sich die positive Seite von Brechts Ausspruches "erst kommt das Fressen dann die Moral" zeigen.

    MfG

    Matthes Schachtner

    Antwort auf "Wider den Ökonomismus"
  3. Sehr geehrte(r) Frau (Herr) Schachtner,

    Ihre Antwort auf meinen Beitrag macht mir deutlich, wie schwer ich mich damit tue, den schmalen Pfad zwischen Ökonomismus und Nicht-Ökonomismus zu beschreiben. Mich interessiert das Thema, aber ich bin kein Wissenschaftler sondern ausgebildeter Betriebswirt und Freiberufler. Dies nur vorweg als Ausrede für die Schwächen meiner Ausführungen.

    Ich habe den Titel „Wider den Ökonomismus“ von A. Evers als Feststellung der Tatsache verstanden, dass wir (zunächst einmal in Deutschland) unter der Vorherrschaft und unter dem Vorrang der Grundsätze der Wirtschaft stehen in dem Sinne, dass der Mensch/Bürger sein soziales (vielleicht sogar persönliches und geistiges) Leben nach den Spielregeln der realen Erscheinungsweisen der idealtypischen Marktwirtschaft lebt. In dieser Form wird die Wirtschaftswissenschaft nicht mehr als Hilfswissenschaft innerhalb der Geisteswissenschaft verstanden mit fatalen Folgen für unseren seelischen Gesundheitszustand.
    Ich wollte keine Schuldigen benennen, sondern Tatsachen feststellen. Diese von mir behaupteten Tatsachen können natürlich bestritten werden. Ökonomisierung kann ich auch so verstehen, dass das Wirtschaftssystem als eigenständiger Wert verstanden wird bzw. mit dem gesellschaftlichen Wertesystem gleichgestellt wird, wie ich im ersten Beitrag schon gesagt habe.
    Ihr Hinweis bestätigt meine These, dass das Wertesystem über dem Wirtschaftssystem stehen muss. Erst dann kann ich argumentieren, dass auch ein Wirtschaftssystem nur durch Menschen existiert und dass es sich daher nicht zwangsläufig, aber erstrebenswerterweise auch dem Wertesystem unterordnen muss und nicht überordnen darf.

    Ich wollte in meinem ersten Beitrag auf die Notwendigkeit hinweisen, konsequent diese Rangfolge (meine Prämisse ist: 1. Mensch und Gesellschaft 2. Wirtschaft) in der Diskussion zu beachten. Es ist immer wieder aufschlussreich zu beobachten, wie nicht-wirtschaftliche Fragestellungen sehr schnell mit wirtschaftspolitischen und/oder wirtschaftstheoretischen Argumentationen beantwortet werden. Es ist notwendig, in der Diskussion sich wieder mit der rechten Bedeutung von Wörtern und Begriffen auseinanderzusetzen, statt nur
    nachzuplappern. Der Sprachgebrauch muss wieder gepflegt, die Sprache muss von den Vokabeln der Ökonomie entreichert und durch gehaltvolle Aussagen bereichert, sie muss entmilitarisiert werden.
    Wir prostituieren ungeniert unsere Großhirnrinde bei der Wirtschaft. Wir lassen uns von KOMA (Kohle und Macht) beherrschen.

    Viele werden sagen: das Leben ist halt so, jeder muss sehen, wie er zurechtkommt!?

    - Ich bin für eine freie und soziale Marktwirtschaft unter den Bedingungen einer menschenwürdigen Gesellschaftsordnung - und nicht umgekehrt
    - Ich bin für die Erziehung zur Selbständigkeit, zur Selbstverantwortung, zum Selbstbewusstsein, zur Selbst- und Nächstenliebe und zur Zivilcourage in den Schulen, aber nicht auf der Grundlage des erzieherischen Grundgedankens „nicht für die Schule, aber für die Wirtschaft lernen wir“.
    - Ich bin für Profit (’profit = Gewinn), aber gegen Profit (pro’fit = Ausbeutung)
    - Ich bin gegen eine Entwicklungshilfe mit imperialer, selbstgefälliger oder dummer Arroganz und missionarischer Attitüde. Ich bin begeistert von M. Yunus und Jean Zieglers Aussage in „Das Imperium der Schande“, dass wir den armen Ländern nicht mehr geben dürfen, sondern sie nicht mehr bestehlen dürfen, insbesondere nicht ihre Menschenwürde.
    - Ich bewundere die großen Ökonomen als klassische Philosophen, weil sie ein Menschenbild als Überbau, als Vorrang der Wirtschaft voranstellen. Auch A. Smith verpflichtet den Unternehmer als Teil der Gemeinschaft zur Förderung, nicht zur Ausnutzung des Gemeinwohls. Der Mythos von der unsichtbaren Hand als schützende Hand mit nach unten gedrehten Handflächen wird durch schlichtes Verdrehen der Hand (=Handaufhalten!) zum (Siemens-)Skandal.
    - Ich halte Geld für eine angenehme und nützliche Erfindung. Aber kann es ohne Aufschrei hingenommen werden, dass junge Menschen – fit gemacht von den schulischen Ausbildungsstätten (s.o.) – in den Finanzzentren der Welt einschl. Deutschland ihren Gehirnschmalz darauf verwenden, sog. Finanzprodukte und – konstruktionen zu erfinden, die den politischen Schuldenerlass in der Weise ad absurdum führen, dass Fondsgesellschaften trickreich aus den alten Schuldtiteln eigene neue Gläubigerpositionen konstruieren, die dann brutal gegen die alten armen Schuldnerländer durchgesetzt werden. Dieser Skandal war m.W. keine Schlagzeile wert. Geld hat Vorfahrt.
    - Ich bin für eine Beteiligung aller gesellschaftlichen Gruppen am Leben in unserer Gesellschaft mit echter Chancengleichheit. Aber wenn Gruppen wie Kinder und Jugendliche, Rentner und Frauen u. a. in erster Linie zu wirtschaftlich definierten Zielgruppen werden, ohne dass ein gleichgewichtiger Gegenpol in Form einer gesellschaftlich definierten Zielgruppe mit gleichem Maß an öffentlicher und veröffentlichter Wahrnehmung aufgebaut wird, dann muss Widerstand geleistet und die Ökonomie resozialisiert werden – eine klare Antwort auf die Frage von A. Evers;
    d.h. Ethik und Moral dürfen nicht zu Verkaufstechniken zur Umsatzsteigerung oder zu Ablassritualen korrumpierter Manager verkommen.

    Eine solche nach diesen Grundsätzen gestaltete Ordnung ist m. E. praktisch durchaus machbar. (z.B. M. Yunus Grameen Organisation). Es geht dabei um die Wiederentdeckung und Sensibilisierung unserer ganzheitlichen sehr effizienten (nicht mehr nur der singulären wirtschaftlichen) Fähigkeiten als homo sapiens sapiens. Warum sind unsere Kinder im Memoryspiel meist besser als wir? weil sie noch die Fähigkeit haben, ganzheitlich zu denken!

    Ich setze auf eine Lösung durch konsequente Stärkung kleiner Systemeinheiten, in denen die Selbstregulierungsfähigkeiten, die wir wie die Naturgesetze in uns tragen, das Urvertrauen (dies schließt auch das Urmisstrauen mit ein) und das Streben nach Glück als Urantrieb des Menscheln wiedergewonnen und entwickelt werden können.

    Es ist für mich selbstverständlich, dass diese Lösung nur auf der Grundlage (nicht durch striktes Festhalten an) unserer augenblicklichen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung entwickelt werden kann.

    reloe

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