Film Viel Zufriedenheit, kein Glück

Am Donnerstag kommt Jens Liens beklemmende Vision "Anderland" in die Kinos

Der klapprige Bus hält mitten in der Wüste und spuckt seinen einzigen Passagier vor einer heruntergekommenen Tankstelle aus. "Willkommen", steht auf dem Schild, das der Tankwart nur für ihn aufgehängt hat und auch sofort wieder abnimmt. Ohne zu wissen, wie und warum, findet sich Andreas (Trond Fausa Aurvag) in Anderland wieder.

In Anderland sind die Anzüge grau, und die Gesichter darüber ebenfalls. Die Häuser haben große Glasfassaden, die Räume sind leer und weit und die Menschen darin wirken verloren, aber sie lächeln alle sehr freundlich – ein bisschen maskenhaft vielleicht. Andreas soll sich hier wohlfühlen: Er bekommt ein Appartement zugeteilt, das aussieht wie ein Motel, einen Job, in dem er Zahlen von einem Papier in den Computer eingeben soll, und zur Dekoration seines Büros ein grünes Zimmergewächs. Aber irgendetwas scheint zu fehlen: Der Alkohol wirkt nicht, die heiße Schokolade schmeckt nicht, nirgendwo hört man Kinderlachen. Sex ist eine monoton-rhythmische Sportgymnastik und statt für Liebe interessieren sich die Frauen für Innenarchitektur. Alle sind zufrieden, aber zum Glücklichsein fehlt ihnen das Empfinden.

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Anderland ist eine sterile Businesswelt, die so manchen realen Büroetagen aufs Erschreckendste ähnelt. Was zählt, sind Arbeit, Etikette und gesellschaftliche Zusammenkünfte in Edelrestaurants. Durch die Gewöhnung an den Luxus ist der Genuss abhandengekommen. Die liebes- und beziehungsunfähigen DINKS kompensieren ihre innere Leere mit äußeren Designgegenständen.

Es ist eine beklemmend aktuelle Dystopie, die Jens Lien da geschaffen hat, indem er die Realität nur um Nuancen übersteigert. Seine Welt kommt ohne futuristische Technik aus, ohne Newspeak und ohne ein Staatssystem; sie ist ein Ausschnitt aus der unsrigen. Es gibt lediglich - und das verbindet sie mit den Welten von George Orwell und Ray Bradbury und François Truffaut - eine graue Polizei, die jeden Ausbruchsversuch verhindert. Anders als bei Terry Gilliam ist der Tod aber nicht mehr die letzte Bedrohung durch das System, sondern unmöglich - man kann sich nicht einmal umbringen, um Anderland zu entfliehen.

Andreas versucht es; das Rot seines Blutes ist einer der wenigen Farbtupfer des Films, über dem ein beständiger Blaufilter liegt. Selbst die Lichter sind kalte Neonlampen, die die Gesichter der Figuren zu Masken werden lassen. Petronella Barker zeigt als Partnerin von Andreas eine so kühle Künstlichkeit, dass er an ihr förmlich abzuprallen scheint. Aus ihrer Betonfrisur fällt keine Strähne, die Träger ihres Kleides verrutschen nie, genauso wenig wie ihre Gesichtszüge. Im Kontrast zu diesen Automatenmenschen stehen die Gefühlsausbrüche von Trond Fausa Aurvag, der als Andreas immer verzweifelter nach einem Ausweg sucht, überall dort, wo die perfekt durchgestylte Fassade Risse zu haben scheint.

Jens Lien präsentiert diese Welt in sehr langsamen, ruhigen Bildern; auch Musik und Geräusche setzt er mit Bedacht ein. Gerade dadurch erzeugt er eine beständige Spannung, die einen durch den gesamten Film zieht und am Ende in eine eisige Ungewissheit entlässt, was Andreas' Schicksal anbelangt. Was bleibt, ist das unangenehme Gefühl: Anderland ist schon mitten unter uns.

Anderland
Regie: Jens Lien
Norwegen 2006, 90 Min.
Start: 04. Oktober 2007

 
Leser-Kommentare
  1. Wenn das hier über den Film geschriebene auch nur annähernd stimmt, dann ist es endlich ein guter Film in diesem Jahr.

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