Computerspiele Die Haydns von heute
Auf erstaunlichen Wegen kehrt die klassische Musik zurück in die Jugendkultur: Von den Feuilletons weitgehend unbemerkt, wächst im Videospielemarkt eine neue Komponistengeneration heran
Man kann gegen Videospielmusik drei schwerwiegende Vorwürfe erheben. Sie lauten: Bliep, Blop und Düdelüt. Konfrontiert man damit jemanden wie Tilman Sillescu, lächelt er wissend. Nun muss er Geduld aufbringen.
Sillescu, studierter klassischer Musiker, ist Komponist für Videospiele. Von Spellforce über Anno 1701 bis zu John Woo’s Stranglehold hat er so ziemlich alles vertont, was auf dem Kontinent Rang und Klang hat. Seit Jahren schreibt er Partituren direkt fürs Orchester, und in vielen seiner Spiele läuft keineswegs Bliep-Blop, sondern anspruchsvolle Klassik. Sillescu vertritt eine neue Komponistengeneration, die im boomenden Videospielmarkt ein Hauptbetätigungsfeld gefunden hat. Beinahe unbemerkt haben er und seine Kollegen in den vergangenen Jahren ihr Handwerk perfektioniert. Jetzt steht die Zunft vor dem letzten großen Schritt: vom bloßen Entertainment zur eigenständigen Kunstform.
Schon formal verlangt Videospielmusik ihren Komponisten erhebliche Geistesarbeit ab. Denn anders als etwa bei Filmen steht die Reihenfolge der Musikstücke nicht fest: Der Spieler kontrolliert über weite Strecken das Geschehen. Höhepunkte sind folglich schwerer zu planen, Spannungsaufbau muss für viele verschiedene Ablaufszenarien konzipiert werden. Dazu werden die Musiken an Charaktere gebunden, an Orte, Aktionen oder Situationen, manche auch an wichtige Punkte der übergreifenden Dramaturgie.
Das alles muss separat komponiert werden. Es muss für sich stehen können, zueinander passen, und obendrein in allen interaktiven Kombinationen ein sinnvolles Ganzes ergeben. Denn das eigentliche Werk, das lineare Hörerlebnis, kommt erst auf dem Weg durchs Spiel zur Aufführung – für jeden Spieler anders.
Noch vor zwei Jahrzehnten war die Angelegenheit erheblich simpler. Spiel-Soundtracks galten als Beiwerk, als Untermalung für ein bisschen Pixelspaß, und sie entstanden fast ausschließlich am Rechner. Das ist inzwischen passé. Nur eine kleine Szene von Retro-Fans pflegt noch das Erbe der sogenannten Chiptunes, der extrem limitierten Düdelüt-Musik, die früher so typisch war. Heute hört man derlei höchstens noch aus handtellergroßen Spielgerätchen der Pokemon-Klasse.
Auf den großen Plattformen, wo Speicherplatz und Rechenleistung keine Rolle mehr spielen, bevorzugen Komponisten wie Spieler den Klang echter Instrumente, gespielt von richtigen Menschen, in realer Akustik. Sillescu nimmt seine Kompositionen mit anerkannten Orchestern auf, etwa dem Brandenburgischen Staatsorchester Frankfurt oder der Philharmonie Gera-Altenburg. Zwei Aufnahmetage brauchen er und die Instrumentalprofis, dann ist die Musik für ein Spiel im Kasten.
- Datum 04.10.2007 - 03:55 Uhr
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Netter Artikel, aber die herablassende Bezeichnung der sog. Chiptunes (um die sich längst eine ganze Szene angesehener Musiker gebildet hat) als Beiwerk für Gameboy-Pokemonspielchen ist dann doch unvermeidliches Zeugnis jener typischen und zu erwartenden ignorant-elitistischen, vor Vorurteil triefenden Attitüde, mit der sich die meisten Redakteure mit der Materie befassen.
Traurig, dass Computerspiele auch weiterhin zu den wenigen Themen gehören, die selbst bei den renommiertesten Wochenzeitungen auf Bild-Niveau diskutiert werden.
Ich bin ein großer Fan von Chiptunes. Das Hörbeispiel aus Pokémon ist nicht bloß ein Kontrastbeispiel, das in Bezug auf das Thema (- orchestrale Klassik - ) gewählt wurde, sondern auch eine Reverenz an diese Limit-Musik.
Gerade die angefügte Pokémon-Melodie, wenn sie auch nicht im reinen Sinne ein Chiptune ist, halte ich für großartig. (Tilman Sillescu mag sie übrigens auch.)
Schönen Abend noch,
Martin Ganteföhr
Ich bin ein großer Fan von Chiptunes. Das Hörbeispiel aus Pokémon ist nicht bloß ein Kontrastbeispiel, das in Bezug auf das Thema (- orchestrale Klassik - ) gewählt wurde, sondern auch eine Reverenz an diese Limit-Musik.
Gerade die angefügte Pokémon-Melodie, wenn sie auch nicht im reinen Sinne ein Chiptune ist, halte ich für großartig. (Tilman Sillescu mag sie übrigens auch.)
Schönen Abend noch,
Martin Ganteföhr
Toller Artikel! Ich kenne Sillescus Musik schon lange und höre sie mit wachsender Begeisterung. Seine Werke werden übrigens auch oft auf Klassikradio gespielt. Dass Sillescu für Computerspiele komponiert, finde ich absolut zeitgemäß und sogar besonders erfreullich angesichts der Tatsache, dass auf diese Weise junge Leute an hochwertige Musik herangeführt werden. Ich freue mich außerordentlich, dass diese Musikform -- ein neues Genre! -- endlich auch in den einschlägigen Medien Beachtung findet.
Ich bin ein großer Fan von Chiptunes. Das Hörbeispiel aus Pokémon ist nicht bloß ein Kontrastbeispiel, das in Bezug auf das Thema (- orchestrale Klassik - ) gewählt wurde, sondern auch eine Reverenz an diese Limit-Musik.
Gerade die angefügte Pokémon-Melodie, wenn sie auch nicht im reinen Sinne ein Chiptune ist, halte ich für großartig. (Tilman Sillescu mag sie übrigens auch.)
Schönen Abend noch,
Martin Ganteföhr
Es freut mich für den Komponisten, dass seine Arbeit auch außerhalb von Fachkreisen vielleicht die Anerkennung findet, die ihr gebührt. Dass die Zeit sich einiger, hm... "schöngeistiger" Ansprüche im Artikel nicht erwehren kann wundert hier ja wohl niemanden.
Was ich allerdings auch faszinierend an diesem Umgang mit moderner Symphonie-Musik (um den vielfach entwerteten "Klassik"-Begriff einmal zu entlasten) finde, ist die Verspätung, mit dem ihm im Land der Hofkomponisten und genervten Diener von Fürsten und Fürstinnen der Respekt gezollt wird.
Nobuo Uematsu, den ich als extrem begnadeten Künstler empfinde, schreibt und produziert schon seit Jahren respektable und wunderschöne Musik und hat auch schon zu Zeiten der "Chip-Tunes" mit Opern experimentiert.
Zum Glück ist in Japan da der Blick nicht so eng, sodass bereits seit geraumer Zeit Klavierpartituren seiner Werke im Umlauf sind. Um die allerdings hier zu erhalten kann mensch höchstens Freunde in Japan bitten und auf DHL hoffen *seufzend*.
Auf ein Stückchen mehr Ästhetik des Hörens.
Ich finde diese Artikel etwas arg einseitig, um ehrlich zu sein - als ob Musik(zugegeben sie ist in diesem Fall nicht gerade billig produziert), solang sie sich nach dem Geschmack/Denkmustern bestimmter, zum Teil aufgeblasen wirkender, sicherlich "toller" Personen richtet, von welchen man meinen könnte, sie, in ihrer Masse, seien nichts anderes gewöhnt - automatisch einen künstlerischen Anspruch erlangen würde.
Dabei muss sich eigentlich gerade dieser in den letzten zehn Jahren eingeführter Trend, Spiele aller Art(diversen Filmproduktionen gehts da ähnlich), mit praktisch schon geschmacklos pompös-pathetisch-stereotyp wirkendem Klassik vollzustopfen, Kritik unter "Kennern" gefallen lassen(sicher, es gibt vernüftiges in dieser Sparte), da sie manchen "primitiven", vermeindlich simpleren Geräuschkulissen, gefunden in Videospielen vergangener Tage(ja natürlich, dort gibt es auch ne Menge Schrott), was die künstlerisch/gefällige Ästhetik in Klangexotik, Melodieaufbau usw betrifft, unterlegen scheint.
Hohe Production Values allein verleihen einem Künstler/talentiertem Etwas nicht automatisch Freiheit - manchmal wohl sogar eher das Gegenteil. Im Prinzip muss ein Künstler einfach nur tun können was er auch tun möchte.
Der Artikel scheint mir recht gelungen wenn auch gelegentlich partiell etwas einseitig. Es ist schon eine skurile Nutzehe zwischen Klassik und Computerspielen, als ich sage mal "Ex" Spieler muss ich sagen es gehört mittlerweile aber absolut dazu. Schade finde ich trotzdem, dass sich Computerspiele zu einem Medium mausern das damit beschäftigt ist die Leute so einträglich wie möglich in seinem Bann zu halten (ich würde als "früher" Zustaand einen simplen, unwichtigen Zeitvertreib sehen). Dazu trägt auch Musik bei. Dass die Spieleentwickler ihr Produkt verkaufen wollen und es deshalb verbessern/ihr Sortiment erweitern ist klar und man kann aber letztendlich Niemandem etwas verbieten, jeder hat natürlich das recht dazu zu machen was er will. Aber das ganze führt zu wieder zu einer anderen Diskussion....
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