Sebastian Deisler "Leer, alt und müde"
Sebastian Deisler litt unter Depressionen, deshalb beendete er seine Karriere als Profifußballer. Ein Interview
Sebastian Deisler, 27, galt als der talentierteste deutsche Fußballspieler seiner Generation. Sein Weg führte über Mönchengladbach und Berlin zum FC Bayern – bis er ausstieg. Mit dem Tagesspiegel sprach er zum ersten Mal öffentlich über den Entschluss.
Herr Deisler, Sie haben vor acht Monaten Ihre Karriere beendet und seitdem nichts mehr in der Öffentlichkeit gesagt. Warum, und wie geht es Ihnen?
Danke, mir geht es gut. Ich habe erst einmal Abstand gebraucht und die Ruhe genossen. Daran möchte ich auch nichts ändern. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Ich möchte kein neues Thema werden. Ich möchte jetzt ein Leben führen, das ich allein bestimme. Aber ich kann mich öffnen und Ihnen einen kleinen Einblick geben, was mich dazu bewogen hat, meine Karriere zu beenden.
Sie taten das mit 27, im besten Fußballeralter. Fehlt Ihnen nicht der Fußball?
Der Fußball, der mir fehlt, ist ein anderer als der, den ich verlassen habe. Ich bin zu der Erkenntnis gelangt, dass ich so, wie alles gelaufen ist, nicht geschaffen war für dieses Geschäft. Am Ende war ich leer, ich war alt, ich war müde. Ich bin so weit gelaufen, wie mich meine Beine getragen haben, mehr ging nicht.
Lassen Sie uns das ein wenig ordnen. Sie haben Ihren Entschluss zum Ausstieg Anfang des Jahres in Dubai, im Trainingslager des FC Bayern, getroffen.
Ich habe für mich keine andere Lösung mehr gesehen. Ich war verbittert, auch über mich selbst. Ich kann auch nicht verlangen, dass mich jeder versteht. Langsam finde ich zu mir zurück und möchte mir fernab der Öffentlichkeit etwas Neues aufbauen. Ich bitte nur, dass man dies respektiert.
Wie verliefen die Tage nach Ihrer Entscheidung?
Ich war froh, ich habe Erleichterung empfunden. Ich hatte mich nach Verletzungen so oft herangekämpft, aber am Ende ist mir die Kraft ausgegangen. Ich brauchte ein paar Monate, um einen neuen Rhythmus zu finden. Das war nicht einfach. Mittlerweile komme ich damit gut zurecht.
Uli Hoeneß sagte damals: Wir haben den Kampf um Sebastian Deisler verloren. Empfanden Sie das auch so: Haben Sie den Kampf um sich verloren?
Nein, ich sehe das anders. Wissen Sie, ich habe so lange gekämpft gegen mich, ich habe Krieg geführt gegen mich, bis ich es nicht mehr ausgehalten habe. Deswegen habe ich einen Schlussstrich gezogen. Uli Hoeneß bin ich dankbar dafür, dass er mir zugehört hat, dass er mich verstanden hat. Aber im Januar war ich an einen Punkt gekommen, an dem ich mich maßlos überfordert hatte mit all meinen Problemen, meinen Schmerzen und mit meinem Träumen. Im letzten Testspiel in Dubai, gegen Marseille, hätte ich mich fast wieder verletzt, es war kurz davor. Ich hatte mich noch gerade über Wasser halten können.
Was ist diese Entscheidung heute?
Ein Sieg, aber einer, der in seiner Tragweite auch bitter war. Ich habe mich lange und intensiv mit meiner Vergangenheit auseinandergesetzt. Für mich ist heute vieles klarer. Ich kann mir erklären, warum es so gelaufen ist, ja, warum es am Ende einfach nicht funktionieren konnte.
Lassen Sie uns an Ihren Erkenntnissen teilhaben? Wie konnte es dazu kommen?
Da muss ich weit zurück in meinem Leben. Ich kann Ihnen davon erzählen, weil ich heute glaube, dass in meiner Vergangenheit Gründe liegen. Ich bin ja praktisch nur mit einem Bein aus dem Haus gelaufen. In meiner Heimat Lörrach waren wir damals mehrere Jungs, die im Hof Fußball spielten. Ich war immer der Kleinste. Wir waren damals 14 oder 15. Ich war nicht mal einssechzig groß. Ich spielte viel besser Fußball als die anderen. Irgendwann fingen meine Freunde an, mich auszulachen. Sie machten sich lustig über mich wegen meiner Körpergröße. Im Kampf um die neuesten Markenartikel konnte ich auch nicht mithalten, da meine Eltern andere Werte gesetzt haben. Heute bin ich ihnen dafür sehr dankbar, damals war es eine Qual. Ich litt sehr darunter.
Aber das waren doch Kinder.
- Datum 31.03.2009 - 14:17 Uhr
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- Quelle ZEIT online, Tagesspiegel
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Hut ab vor Sebastian Deisler! Ich sitze vor meinem PC mit Traenen in den Augen. Er hat seine Schwaechen eingestanden in einer Gesellschaft, die wie er selbst sagt, keine Schwachen duldet. Und damit hat er so viel Staerke bewiesen. Reflektieren und kritisches Hinterfragen sind nicht gut fuer's Geschaeft. Vielleicht ist Sebastian Deisler's Fussballtraum an seiner Faehigkeit zu reflektieren kaputt gegangen. Aber was fuer ein Mensch ist daraus entstanden! Ich danke Dir fuer Deine Offenheit, fuer Deinen Mut ueber Daemonen und Rettung zu sprechen, und wuensche Dir nur das Beste fuer Deinen neuen Weg. Two paths diverged into the woods. I took the one less travelled and that's made all the difference. [Frost]
Diese Ehrlichkeit ist selten anzutreffen. Ich bin zwar kein Fußballfan, aber die Haltung des Menschen Sebastian Deisler verdient Achtung. An ihm könnten sich viele ein Beispiel nehmen!
Lernen schafft Wissen-
Wissen schafft Macht -
Nichtwissen schafft Ohnmacht!
kriegt euch mal wieder ein und treibt euren naiven authentizitätskult mal net zu weit. und für nzach: das Zitat aus DEAD POETS SOCIETY ist ziemlich ausgelutscht.
Ich bin fasziniert von diesem Interview, in vieler Hinsicht. Zunaechst mal muss auch ich Sebastian Deisler ein riesiges Kompliment dafuer machen, dass er in der Oeffentlichkeit ueber sein Leben redet. Ich muss dazu sagen, dass ich auch unter Depressionen leide und es gut finde, wenn Prominente ueber das Thema Depressionen sprechen, weil es auf diese Weise enttabuisiert wird. Und enttabuisiert kann und muss es werden, Depressionen sind kein mystischer Hokuspokus, sondern eine Krankheit wie viele andere und behandel-, sogar heilbar. Je mehr Menschen, ob selbst betroffen oder nicht, das wissen und akzeptieren, desto besser!
gilt als das Tor zur Hölle, sie kann aber auch das Tor zum Himmel, zur Erleuchtung, sein. In dem wundervollen Yoga-Vasishtha geht der 16-jährige Gottkönig Rama durch eine schwere Depression. Er muss sich öffnen, wie Sebastian Deisler sagt. Zum Glück findet er den weisen Vasishtha, der ihm die letzten Zusammenhänge des Lebens erklärt: das was die meisten "Leben" nennen, ist nur ein Traum und oft ein Alptraum. Für das wahre Leben muss man aufwachen aus diesem Traum.
In seinem Buch "Auch die Wissenschaft spricht nur in Gleichnissen" bringt der Physiker Karl-Heinz Dürr "Leben" in Verbindung mit einem Schwebezustand. Auch die "Bibel" der Inder, die Bhagavadgita, die auf dem Kampfplatz spielt, beginnt mit einem solchen Schwebezustand des Helden Ardschuna.
Ich glaube, wir können sehr stolz auf Sebastian Deisler sein...
wie könnte man ihm unterstellen dass er sich das alles nur zusammengedacht hat? was sollte denn sonst der Grund für sein frühes Karriereende gewesen sein?! Sicherlich nicht seine Leistung! Wäre er einfach mit dem Strom geschwommen hätte er weitergespielt, sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wieder verletzt, aber sich weiter bezahlen lassen. So hat er einen Schlussstrich gezogen und eben genau diesen 'less travelled path' eingeschlagen...
ich war auch sehr beeindruckt von dem Interview.
Dieses Interview erfordert mehr Mut als den entscheidenen Elfer im WM Finale zu schiessen. Um im Bild zu bleiben, Deissler hat getroffen. Es heisst immer, Fans wollen Spieler sehen, die alles für den Verein geben - und Sebastian hat zu jeder zeit alles, körperlich und seelisch, bis zur Selbstaufgabe gegeben, auch wenn man es als aussenstehender natürlich nicht damals auf dem platz oder auf der Tribüne, sondern erst jetzt mit dem Interview versteht. Ich hatte persönlich mit sehr ahnlichen Problemen (tiefe verletzung in der Jugend, zerbrechendes elternhaus, hoher druck im job (investment banking) und keinerlei Glücksempfinden bei Erfolgen) zu kämpfen, in einem ahnlich testosterongeschwängerten Umfeld, in dem Schwäche keine Option ist. Aber ich kann mir nicht vorstellen, wie hart es ist, eine Depression zu ertragen, wenn man nicht einfach die Tür zumachen kann, sondern überall eine Kamara, die Bildzeitung und die Erwartung der ganzen Nation auf einen gerichtet ist. Es ist ein Wunder, dass Sebastian dass überlebt hat. Ich hoffe er bleibt gesund, findet wieder Spass und Freude am Leben, und kann sein Talent "die Mit(spieler) menschen perfekt einzusetzen und gut aussehen zu lassen" in einer sozialen Aufgabe einbringen. Viel Glück !
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