Sebastian Deisler "Leer, alt und müde"Seite 4/4

Ich wollte nicht mehr verletzt werden wie damals mit 15. Ich habe versucht, in diesem Geschäft zu überleben. Dabei bin ich so weit übers Ziel hinausgeschossen. Ich hätte eher auf meinen Körper hören sollen. Ich habe versucht, vieles zu verstecken.

Und Sie gaben den Kampf um Ihren Traum auf?

Ich habe lange probiert, so zu sein wie viele der Fußballer. Oliver Kahn hat mal gesagt: Man stumpft ab in diesem Geschäft. Das ist auch so. Ich kann das aber nicht. Ich lebe als Fußballer und Mensch von meiner Intuition, von meinem Gefühl. Ich hatte auf dem Feld nicht diesen einen festen Plan, ich habe gesehen, wo die Stärken und Schwächen meiner Mitspieler waren, ich habe gesehen, welchen Ball, welchen Pass wer braucht. Verstehen Sie, was ich meine? Das ist meine Intuition, meine Kreativität, das ist meine Fantasie. Das ist es, warum ich so gut Fußball gespielt habe in meiner guten Zeit.

Sie hatten Angst davor, abzustumpfen und Ihr Fußballspiel zu verlieren?

Am Ende habe ich versucht, mit dem Gedanken zurechtzukommen, nur noch auf der rechten Seite zu spielen. Aber dieser Spieler war ich nie. Einen Meter neben der Außenlinie habe ich mich eingeengt gefühlt. Ich habe mich mit dieser Begrenzung nicht abfinden können, war aber andererseits froh darüber, überhaupt weiterspielen zu können mit meinem Knie. Ich hatte am Ende keine Kraft mehr, ich war müde. Deswegen musste ich Schluss machen.

Haben Sie ihre Entscheidung bereut?

Oh nein. Anfangs kamen viele Dinge hoch. Ich denke heute schon etwas anders darüber. Ich bin kein Mitläufertyp, dafür war ich auch zu gut. Aber ich bin auch kein Effenberg. Ich habe lange versucht, im Fußball zu überleben, wollte hart und kühl sein. Aber so bin ich nicht. Ich habe mich selbst verletzt. Ich hätte früher versuchen sollen, mich zu öffnen. Aber ich hatte Angst davor.

Sie wollten nicht, dass es heißt: Sie sind zu schwach?

Das bin ich nicht, glauben Sie mir. Vielleicht gelte ich jetzt als zu weich für dieses Geschäft, aber ich habe etwas getragen und ausgehalten, was nicht jeder in diesem Geschäft erleben muss. Stellen Sie sich mal damals die Schlagzeile vor: Der Retter des deutschen Fußballs muss gerettet werden. In dieser Welt ist man nur jemand, wenn man keine Schwächen zeigt: Entweder du gewinnst, oder du verlierst. Ich hätte mich gern mal angelehnt, mich ausgeruht. Sollte ich das der Bild -Zeitung sagen?

Sie sagen es ja jetzt.

Ja, und zum letzten Mal. Das Geschäft hat zu schnell Besitz ergriffen von mir. Ich habe nie die Zeit gehabt zum Wachsen, nie die Zeit, erwachsen zu werden, ich hatte nicht mal die Zeit, Fehler zu machen. Beim FC Bayern hat man dann versucht, mir Zeit zu geben. Dafür bin ich Uli Hoeneß sehr dankbar. Er hat bis zum Schluss an mich geglaubt, aber es ging einfach nicht mehr. Kurz: Es ist alles ein bisschen dumm gelaufen, oder?

(Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus dem Tagesspiegel)

 
Leser-Kommentare
    • nzach
    • 02.10.2007 um 5:21 Uhr

    Hut ab vor Sebastian Deisler! Ich sitze vor meinem PC mit Traenen in den Augen. Er hat seine Schwaechen eingestanden in einer Gesellschaft, die wie er selbst sagt, keine Schwachen duldet. Und damit hat er so viel Staerke bewiesen. Reflektieren und kritisches Hinterfragen sind nicht gut fuer's Geschaeft. Vielleicht ist Sebastian Deisler's Fussballtraum an seiner Faehigkeit zu reflektieren kaputt gegangen. Aber was fuer ein Mensch ist daraus entstanden! Ich danke Dir fuer Deine Offenheit, fuer Deinen Mut ueber Daemonen und Rettung zu sprechen, und wuensche Dir nur das Beste fuer Deinen neuen Weg. Two paths diverged into the woods. I took the one less travelled and that's made all the difference. [Frost]

  1. Diese Ehrlichkeit ist selten anzutreffen. Ich bin zwar kein Fußballfan, aber die Haltung des Menschen Sebastian Deisler verdient Achtung. An ihm könnten sich viele ein Beispiel nehmen!

    Lernen schafft Wissen-
    Wissen schafft Macht -
    Nichtwissen schafft Ohnmacht!

  2. kriegt euch mal wieder ein und treibt euren naiven authentizitätskult mal net zu weit. und für nzach: das Zitat aus DEAD POETS SOCIETY ist ziemlich ausgelutscht.

  3. Ich bin fasziniert von diesem Interview, in vieler Hinsicht. Zunaechst mal muss auch ich Sebastian Deisler ein riesiges Kompliment dafuer machen, dass er in der Oeffentlichkeit ueber sein Leben redet. Ich muss dazu sagen, dass ich auch unter Depressionen leide und es gut finde, wenn Prominente ueber das Thema Depressionen sprechen, weil es auf diese Weise enttabuisiert wird. Und enttabuisiert kann und muss es werden, Depressionen sind kein mystischer Hokuspokus, sondern eine Krankheit wie viele andere und behandel-, sogar heilbar. Je mehr Menschen, ob selbst betroffen oder nicht, das wissen und akzeptieren, desto besser!

  4. gilt als das Tor zur Hölle, sie kann aber auch das Tor zum Himmel, zur Erleuchtung, sein. In dem wundervollen Yoga-Vasishtha geht der 16-jährige Gottkönig Rama durch eine schwere Depression. Er muss sich öffnen, wie Sebastian Deisler sagt. Zum Glück findet er den weisen Vasishtha, der ihm die letzten Zusammenhänge des Lebens erklärt: das was die meisten "Leben" nennen, ist nur ein Traum und oft ein Alptraum. Für das wahre Leben muss man aufwachen aus diesem Traum.

    In seinem Buch "Auch die Wissenschaft spricht nur in Gleichnissen" bringt der Physiker Karl-Heinz Dürr "Leben" in Verbindung mit einem Schwebezustand. Auch die "Bibel" der Inder, die Bhagavadgita, die auf dem Kampfplatz spielt, beginnt mit einem solchen Schwebezustand des Helden Ardschuna.

    Ich glaube, wir können sehr stolz auf Sebastian Deisler sein...

  5. wie könnte man ihm unterstellen dass er sich das alles nur zusammengedacht hat? was sollte denn sonst der Grund für sein frühes Karriereende gewesen sein?! Sicherlich nicht seine Leistung! Wäre er einfach mit dem Strom geschwommen hätte er weitergespielt, sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wieder verletzt, aber sich weiter bezahlen lassen. So hat er einen Schlussstrich gezogen und eben genau diesen 'less travelled path' eingeschlagen...
    ich war auch sehr beeindruckt von dem Interview.

  6. Dieses Interview erfordert mehr Mut als den entscheidenen Elfer im WM Finale zu schiessen. Um im Bild zu bleiben, Deissler hat getroffen. Es heisst immer, Fans wollen Spieler sehen, die alles für den Verein geben - und Sebastian hat zu jeder zeit alles, körperlich und seelisch, bis zur Selbstaufgabe gegeben, auch wenn man es als aussenstehender natürlich nicht damals auf dem platz oder auf der Tribüne, sondern erst jetzt mit dem Interview versteht. Ich hatte persönlich mit sehr ahnlichen Problemen (tiefe verletzung in der Jugend, zerbrechendes elternhaus, hoher druck im job (investment banking) und keinerlei Glücksempfinden bei Erfolgen) zu kämpfen, in einem ahnlich testosterongeschwängerten Umfeld, in dem Schwäche keine Option ist. Aber ich kann mir nicht vorstellen, wie hart es ist, eine Depression zu ertragen, wenn man nicht einfach die Tür zumachen kann, sondern überall eine Kamara, die Bildzeitung und die Erwartung der ganzen Nation auf einen gerichtet ist. Es ist ein Wunder, dass Sebastian dass überlebt hat. Ich hoffe er bleibt gesund, findet wieder Spass und Freude am Leben, und kann sein Talent "die Mit(spieler) menschen perfekt einzusetzen und gut aussehen zu lassen" in einer sozialen Aufgabe einbringen. Viel Glück !

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