Der Physiker Erwin Schrödinger entwarf in den dreißiger Jahren ein Gedankenexperiment, um zu verstehen, warum sich in der Quantenmechanik der Zustand eines Teilchens zu verändern scheint, wenn es beobachtet wird. "Schrödingers Katze" heißt das Theorem. In der Physik ist es überholt, in der Gesellschaft aber könnte es noch sehr aktuell werden.

Denn auch wenn Innenminister Wolfgang Schäuble immer wieder betont, dass nichts befürchten müsse, wer nichts zu verbergen habe – Überwachung wirkt. Sie verändert unser Denken und Handeln. Und sie tut dies bereits allein dadurch, dass wir glauben, wir würden überwacht.

In der Quantenmechanik können Teilchen einen Zustand haben, der Superposition heißt, sie sind unbestimmt. Zum Beispiel, was den Ort angeht, an dem sie sich befinden. Es liegt daran, dass die Teilchen auf dem Quantenniveau an jedem beliebigen Ort sein können und zwar theoretisch gleichzeitig. Erst wenn jemand ihren Zustand misst, daher ihre Lage – oder, wenn man polemisch werden will, ihre Meinung – bestimmt, haben sie eine. Schrödinger verdeutlichte das mit der Metapher einer Katze, die in einer verschlossenen Kiste entweder tot oder lebendig ist und deren Zustand sich erst entscheidet, wenn jemand in die Kiste schaut. Das ist schwer vorstellbar, noch dazu in unserer makroskopischen Welt, doch es soll beschreiben, dass allein die Beobachtung eine Interaktion mit dem beobachteten Objekt darstellt.

Dieses Phänomen gibt es auch in der Psychologie. Wer sich beobachtet fühlt, handelt anders. Da genügt schon das Bild eines Zuschauers an der Wand, wie Forscher der Universität Newcastle zeigten . Allein das Foto eines Augenpaares über der freiwilligen Kaffeekasse sorgt dafür, dass fast dreimal mehr Geld in der Kasse ist, als wenn ein Blumenposter die Wand schmückt. Am besten übrigens wirken weit aufgerissene, sehr aufmerksam blickende Augen.

"Auch eine Gesellschaft verändert sich durch Überwachung", sagt der Physiker und Philosoph Sandro Gaycken, der gerade an einem Buch zu dem Thema arbeitet. Sie sorge dafür, dass Autonomie, Freiheit und Individualität eingebüßt würden. Denn wer sich überwacht fühle, handele bewusst und unbewusst entweder "mehr im Sinne der Überwacher oder stärker gegen sie". Letztlich führe das zu mehr Selbstkontrolle und stärkerer Kontrolle anderer. Das Ergebnis sei Konformität. Monokultur.

Innenminister Wolfgang Schäuble sieht das anders. Es gebe keinen Widerspruch zwischen Sicherheit und Freiheit, sagte er am Dienstag bei der Vorstellung eines Buches des Datenschutzbeauftragten Peter Schaar. Das sei eine "unsinnige Verkürzung des Zusammenhangs". Der Staat sei dazu da, das Zusammenleben möglich zu machen, indem er Sicherheit biete, so das Chaos verhindere und damit Freiheit möglich mache. "Der Staat hat die verdammte Verpflichtung, die Sicherheit und auch die Freiheitsrechte der Bürger zu gewährleisten." Das sei zwar ein "immerwährendes Ringen" und nicht einfach, aber Freiheit gebe es nur durch Sicherheit.