Musikjournalismus Will das noch jemand hören?

Zum ersten Mal treffen sich Journalisten aus aller Welt in New York, um über die Zukunft des Jazz zu diskutieren. Was außerhalb Amerikas gespielt wird, ist den Wortführern allerdings egal. Ein Kongressbericht

Sie sind die „Big Four“ des amerikanischen Jazzjournalismus: Der afroamerikanische Querdenker Stanley Crouch, dessen reaktionäre und provokante Ausbrüche gefürchtet sind. Dazu Gary Giddins, der dreißig Jahre lang für die Village Voice und die JazzTimes geschrieben hat, sein Nachfolger Francis Davis und Ben Ratliff, Jazzkritiker der New York Times und Autor des Buches Coltrane: The Story Of A Sound .

Vor diesen vier Herren zittert Amerikas Jazzwelt. Ihr Wort gilt – und wird diskutiert. Zum ersten Mal trafen sich Journalisten aus sechzehn Ländern im Rahmen der United Nations World Leaders Conference in New York, um über Jazz und Globalisierung zu sprechen. Über gegenwärtige ästhetische Konzepte, Produktionsbedingungen, Verbreitung, sowie gesellschaftliche und kulturelle Relevanz der Musik.

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Die Idee zur Konferenz hatte George Lewis, der neue Direktor des Center For Jazz Studies an der Columbia Universität. Er möchte zwischen der amerikanischen und der internationalen Sichtweise auf den Jazz vermitteln. Das ist Pionierarbeit, wie der Kongress zeigen wird.

George Lewis hat es nach oben geschafft. Für seine Verdienste um die Musik hat er den mit 500.000 Dollar dotierten McArthur-Preis bekommen. Seine Bekanntheit möchte er nutzen, um etwas zu bewegen und seinem Institut ein eigenes Profil zu geben. Lewis studierte bei Pierre Boulez und Muhal Richard Abrams und revolutionierte die elektronische Improvisation durch das Computerprogramm „Voyager“ und die Erweiterung des Posaunenklangs.

In seiner Einführungsrede spricht er von einer „Medienblase“, in der die aktuelle Jazzentwicklung keine Rolle mehr spiele. Howard Mandel, Gründer und Präsident der Jazz Journalist Association, sieht den Jazzjournalismus gar in der Krise und betrachtet das Web 2.0 als neue Herausforderung.

Schnell zeigt sich, dass die geladenen Journalisten nicht am Mainstream-Jazz interessiert sind und ganz eigene, oft national geprägte Zugänge zum Jazz haben. Und es wird deutlich, dass es vor allem um Abgrenzung und Identitätsfindung geht, aus der sich Traditionen und ästhetische Konzepte bilden.

So erzählt der mexikanische Schriftsteller Alain Derbez von der langen Jazztradition in Mexiko, die bis in die dreißiger Jahre zurück reicht. Darüber hat er ein Buch geschrieben: Jazz in Mexiko .
Auch Cyril Moshkow, der Gründer der russischen Internetseite Jazz.Ru und der gleichnamigen Zeitschrift, spricht von der Jazztradition in seinem Land. Zwischen 1938 und 1958 sei Jazz in Russland verboten gewesen, auch haben es die Musiker schwer gehabt. Viele verließen das Land. Daher gebe es entweder ältere Jazzer oder ganz junge, die verbindende dazwischen Generation fehle. Auch gebe es nur wenige Jazz-Hochschulen, insgesamt 25 für eine Bevölkerung von 140 Millionen. 

Ähnlich beschreibt die Journalistin Kazue Yokoi die Zustände in Japan, wo der Jazz während des Zweiten Weltkriegs verboten war. Nach der Auseinandersetzung mit amerikanischen Jazzvorbildern ist aber mittlerweile eine eigene Szene japanischer Improvisatoren entstanden, die auf der Seite japanimprov.com vorgestellt wird.

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