Anna Politowskaja Die Lektion der Kalten Krieger

Regimekritiker wie Anna Politowskaja brauchen Öffentlichkeit, sie bietet ihnen Schutz. Doch seit dem Ende des Ost-West-Konflikts bekommen sie davon nicht mehr genug. Ein Plädoyer zum ersten Todestag der russischen Journalistin.

Je mehr man sie bedrängte, die Kämpfer für Meinungsfreiheit und Demokratie im sozialistischen Osteuropa, desto besser ging es ihnen. Sie genossen moralische, politische und finanzielle Unterstützung aus dem freien Westen. Sie waren die Stars des Kalten Krieges, Identifikationsfiguren, Hoffnungsträger - und Journalisten verbreiteten diese Botschaft mit einem Nachdruck, der stetig wuchs, je schlimmer die Freiheitshelden drangsaliert wurden.

Anna Politkowskaja, deren Ermordung sich an diesem Sonntag jährt , wurde erst als Tote zur großen Story für die Medien im Westen. Die Unterstützung für Menschenrechts-Aktivisten und Regimekritiker ist seit 1989 von der großen Politik und den einflussreichen Journalisten an NGOs und Nischen-Publikationen übergegangen. Das Massenpublikum nimmt sie nicht mehr wahr. So gilt für sie heute nicht mehr das Bonmot des DDR-Kritikers Wolf Biermann: "Wer sich nicht in Gefahr begibt, der kommt darin um."

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Das Biermann-Wort ist nur scheinbar paradox. Männer wie Andrej Sacharow, Vaclav Havel, Robert Havemann brachten sich durch die internationale Aufmerksamkeit, die sie durch ihre öffentliche Kritik erlangten, nicht nur selbst in Gefahr, sie bot ihnen auch Schutz. Denn im Wettbewerb der Systeme, der mit dem Zusammenbruch des realen Sozialismus im sowjetischen Machtbereich endete, ging es nicht nur um Macht und Vorherrschaft, sondern auch darum, Herz und Verstand der Menschen im jeweils anderen Lager zu erobern.

Der Widerstreit der politischen Argumente war daher kein Kalter Krieg. Einige der wirksamsten Hiebe gegen den realen Sozialismus führten nicht die Regierungen in Washington, London, Paris und Bonn, sondern Kritiker aus den eigenen Reihen. Das waren zumeist selbst profilierte und überzeugte Kommunisten, die es wagten, den Führungspersönlichkeiten des realen Sozialismus die Masken von den Gesichtern zu reißen.

Wenn zum Beispiel der populärste Bürgerrechtler der DDR, Robert Havemann, betonte, dass die sozialistische Gesellschaft nur dann das Attribut "fortschrittlich" verdiene, wenn sie nicht mit der Meinungsfreiheit ein wesentliches Element der bürgerlichen Gesellschaft unterdrücke, stürzte er damit die Führung des "ersten Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschem Boden" in ein unlösliches Dilemma: Ließ sie ihn gewähren, unterminierte dies die eigene Macht, die auch auf der nicht debattierbaren Behauptung beruhte, durch 99,9 Prozent Zustimmung im Volk legitimiert zu sein. Drangsalierte sie ihn, war das eine Bestätigung der These selbst.

Die Regime des Ostens zogen es vor, sich nicht in die Gefahr zu begeben, sich auf die Argumente ihrer Kritiker einzulassen. Sie schreckten aber zugleich davor zurück, sie per Handstreich zum Verstummen zu bringen. Dies trug zum Untergang des Sozialismus bei, denn die Kritiker konfrontierten seine Spitzenpolitiker und ihre Erfolgspropaganda mit schonungslosen Innenansichten der politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit.

Leser-Kommentare
  1. Seit Adenauers Bestrebungen zur engen Westanbindung Deutschlands hat sich eine Menge verändert. Schröders intime "Männerfreundschaft" mit Putin hat unsere de-facto-Abkoppelung vom Westen systematisch in die Wege geleitet. Zwar wissen wir heute ziemlich gut, wovon wir uns abgekoppelt haben - die Frage ist lediglich, dass wir keine Ahnung haben, an was wir eigentlich angekoppelt wurden.

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