Ältere Arbeitslose sollen länger Arbeitslosengeld I (ALG I) bekommen als bisher, fordert SPD-Parteichef Kurt Beck . Teile der CDU unterstützen seinen Vorstoß ; Vizekanzler Franz Müntefering hingegen ist strikt dagegen . Es ist noch gar nicht so lange her, dass die damalige rot-grüne Koalition die ALG-I-Bezugsdauer kürzte. Der Druck sollte Arbeitslose schneller zurück in den Job bringen. Ist das schiefgelaufen? ZEIT online sprach mit Hilmar Schneider , Direktor für Arbeitsmarktpolitik am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit in Bonn.

ZEIT online: Herr Schneider, wie beurteilt es die Wissenschaft, dass Arbeitslose seit den Reformen der Regierung Schröder nur noch zwölf Monate lang Arbeitslosengeld I erhalten statt 32 Monate lang, wie zuvor?

Hilmar Schneider: Empirisch lässt sich das bislang noch nicht abschließend beantworten. Die kürzere Bezugsdauer für ALG I ist erst zum 1. Februar 2006 in Kraft getreten, aber die Evaluation der Arbeitsmarktreform war Mitte 2006 abgeschlossen. So schnell konnte die Kürzung des ALG I gar nicht bewertet werden. Daran arbeiten wir noch. Aus wirtschaftspolitischer Sicht ist aber sehr wohl ein Urteil möglich. Entscheidend ist, dass den Menschen die richtigen Signale gesetzt werden. Je länger die Arbeitslosigkeit andauert, desto geringer werden ihre Chancen auf einen neuen Job, zumindest auf einen, der dem früheren vergleichbar ist. In der Vergangenheit hat das System der sozialen Sicherung den Betroffenen suggeriert, sie könnten sich mit der Arbeitssuche Zeit lassen. Das Ergebnis war eine der höchsten Langzeitarbeitslosenquoten der Welt. 32 Monate Bezug von Arbeitslosengeld für Ältere sind zudem eine Einladung für Arbeitnehmer und Unternehmen zum vorzeitigen Ausstieg aus dem Erwerbsleben auf Kosten der Solidargemeinschaft. Deswegen hatte Deutschland bis vor Kurzem eine der weltweit niedrigsten Erwerbstätigenquoten unter den Älteren.

Ältere Arbeitnehmer haben aber nicht per se schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt als Jüngere. Seitdem im Zuge der Hartz-Reform die Frühverrentungsmöglichkeiten eingeschränkt wurden, steigt die Erwerbstätigenquote der Älteren rapide an. Dies alles zeigt, dass Arbeitslosigkeit nicht ausschließlich ein unabwendbares Schicksal darstellt, sondern in erheblichem Ausmaß von finanziellen Anreizen beeinflusst wird. Insofern ist die Politik gut beraten, an der jetzigen Regelung festzuhalten.

ZEIT online: Weil der Druck wächst, müssen die Menschen früher wieder zurück ins Arbeitsleben?

Schneider: Auch da zeichnen die empirischen Daten noch kein eindeutiges Bild. Fakt ist, dass sich die Zahl der Arbeitslosengeld-Bezieher von Januar 2001 bis heute praktisch halbiert hat. Während im Januar 2005 noch zwei Millionen Menschen auf ALG I angewiesen waren, sind es heute nur noch eine Million. Aus unseren Untersuchungen wissen wir, dass das Anspruchslohnniveau von Arbeitslosen im Zuge der Hartz-Reform gesunken ist. Theoriegemäß sollte das dazu führen, dass die Betroffenen schneller wieder in die Erwerbstätigkeit zurückfinden. In der Tat beobachten wir, dass die durchschnittliche Arbeitslosigkeitsdauer zurückgegangen ist. Allerdings ist der Effekt nicht so stark, dass er allein den Rückgang der Zahl der Arbeitslosengeld-Bezieher erklären würde. Es kommt offenbar hinzu, dass konjunkturbedingt mehr Menschen eine Stelle gefunden haben und dass der Kreis der ALG-I-Empfänger nicht mehr so stark wächst wie früher, etwa weil es schwieriger ist, Ansprüche zu erwerben.