Ökonomische Aktivitäten können, wie mein Diskurspartner Adalbert Evers vor mir geschrieben hat , in der Tat unter vielen Blickwinkeln gesehen werden. Zwar mag manch einer, zum Beispiel der tschechische Präsident Vaclav Klaus, keine Adjektive wie "sozial", "ökologisch" oder "alternativ" vor dem Wort "wirtschaften" sehen. Klaus meint, dass Wirtschaften alleine, ohne Zusätze, das Beste sei. Doch ich teile diese Ansicht keineswegs.

Wirtschaften ist niemals Selbstzweck. Es ist im Gegenteil eine Methode, ein Werkzeug, um unterschiedliche Zwecke zu erreichen. Aus diesen leiten sich dann die Attribute ab, die man dem Wort "wirtschaften" beigibt. Und obwohl – darin stimme ich mit Herrn Evers überein – marktwirtschaftliches Wirtschaften wahrscheinlich die effizienteste und produktivste Form des Wirtschaftens darstellt, ist auch diese Form nicht zweckfrei. Ihr Attribut "marktwirtschaftlich" erzählt uns darüber einiges.

In unserer Gesellschaft gibt es nun außer der marktwirtschaftlichen auch andere Notwendigkeiten, zum Beispiel im Zusammenhang mit der staatlichen Fürsorgepflicht. Vor allem gibt es immer die Möglichkeit, dass entweder der Markt oder die Politik versagen. Daher sollte mit allen Überlegungen zur Marktwirtschaft und zur Politik immer auch die Suche nach dezentralen, zivilgesellschaftlichen und direkt demokratischen Institutionen verbunden sein, um mögliche Unfälle zu minimieren.

Aus allen Erfahrungen mit anderen Wirtschaftsexperimenten (im Faschismus, im Sozialismus und im Kommunismus der verschiedensten Ausprägungen) wissen wir, dass die Marktwirtschaft zwar zurzeit ein unabdingbares Instrument des Zusammenlebens darstellt, dass sie aber in einen sozialen, legalen und in einen ökologischen Rahmen eingebettet werden muss. Übertreibt der Staat diese Einbettung, weichen die Individuen aus. Dieses Ausweichen manifestiert sich zum Beispiel in einer blühenden Schattenwirtschaft und Schwarzarbeit. In manchen Ländern hat diese Parallelwirtschaft zehn bis fünfzehn Prozent des offiziellen Bruttosozialproduktes erreicht. Daran lässt sich erkennen, dass Individuen auf eine überbordende staatliche Regulierung und Steuerbelastung oder weitere staatliche Einschränkungen reagieren, indem sie auf andere Wirtschaftsformen ausweichen. Die Schattenwirtschaft kann daher zu Recht als "Steuer- und Regulierungsrebellion" der Durchschnittsbürger bezeichnet werden.

Klicken Sie auf das Bild für alle Artikel zur Diskussionsreihe über Geld, Zins und Alternativen zur herrschenden WirtschaftsordnungAuf der anderen Seite ist es nun aber genauso wichtig, eine soziale Abfederung in unserer Gesellschaft zu erreichen und endlich energisch die Lösung der ökologischen Probleme in Angriff zu nehmen. Dafür braucht es viel Einsicht, insbesondere bei den Konsumenten, denn nur wenn diese ihr Verhalten ändern, können ökologische Ziele im Verbund mit der Politik und der Marktwirtschaft erreicht werden. Aus meiner Sicht ist es daher besonders wichtig, nüchtern, ohne Scheuklappen und ohne Polemik eine Debatte darüber zu führen, wie viel wir an staatlichen Eingriffen bzw. an Regulierungsmaßnahmen (sowohl im sozialen als auch im ökologischen Bereich) brauchen und wie viel wirtschaftliche Freiheit und Liberalisierung auf der anderen Seite notwendig sind, damit die Volkswirtschaft qualitativ wie quantitativ wächst und gleichzeitig die gestiegenen Sozialleistungen und ökologischen Ansprüche nachhaltig finanziert werden können.

Niemand hat eine Patentantwort auf diese Fragen. Aber Beispiele aus einigen Ländern wie der Schweiz, in denen die Steuerzahler mit Hilfe der direkten Demokratie und kleiner übersichtlicherer Strukturen die Möglichkeit haben, entsprechend mitzubestimmen, zeigen, dass sowohl soziale als auch ökologische Probleme einer Lösung zumindest leichter näher geführt werden können. Es bringt nämlich rein gar nichts, den Menschen von oben herab vorzuschreiben, wie viel an Sozialstaat und wie viel an Ökologie sie benötigen, wenn sie die Notwendigkeit dafür nicht verstehen und voll akzeptieren. Die meisten unserer gravierenden, sozialen, ökologischen oder ökonomischen Probleme lassen sich nur bottom–up lösen, also mit Einsicht und Wollen der betroffenen Bürger.

Friedrich Schneider ist Professor für Wirtschaftspolitik an der Johannes-Kepler-Universität Linz. Auf ihn antwortet in der kommenden Woche Jörg Huffschmid, an der Uni Bremen Professor im Ruhestand für Politische Ökonomie und Wirtschaftspolitik.