Mein Che "Da kam uns Che gerade recht"

Che Guevara fasziniert - über Generationen hinweg. Gero von Randow, 54, über coole Typen, revolutionäre Plakate, Kubas Che-Kult und eine große Verbundenheit.

Es gibt so etwas wie Lebensbegleiter. Symbole, Figuren oder auch Töne, die in einen Lebenslauf eintreten und ihn mitgehen , und sie verändern sich ebenso wie die Hauptperson der Autobiografie. Mir geht es so mit Che. Sein berühmtes Portrait klebte für einige Monate an der Raufasertapete meines Zimmers, als ich 15 Jahre alt war, im Jahr 1968 also, neben einem zu psychedelischen Zwecken angebrachten Bild M.C. Eschers.

Erworben hatte ich das revolutionäre Plakat im "SDS-Keller", dem Zentrum der Linksradikalen jener Tage, das Uwe Timm in seinem Roman Heißer Sommer beschrieben hat und das schon seit Jahrzehnten zu einem, nein: dem Hamburger Programmkino gehört. In diesem Keller trafen sich nicht nur die coolen, weil richtig erwachsenen Typen vom "Sozialistischen Deutschen Studentenbund", die miteinander schon ganz viel Sex hatten, sondern auch wir, die besonders coolen, weil radikaleren Typen vom "Aktionszentrum Unabhängiger und Sozialistischer Schüler", die zwar nicht so viel oder auch gar keinen Sex miteinander hatten, dafür aber schon die erste Spaltung von einer reformistischen Gruppe hinter uns - na, und so weiter. Che hatte mit alledem insofern zu tun, als er ein treibendes Motiv unseres Radikalseins verkörperte, den Kampf gegen den US-Imperialismus.

Anzeige

Der Protest gegen den Vietnamkrieg hatte uns dorthin geführt. Aufgewachsen in einem liberalen Elternhaus, das große Bewunderung für Amerika hegte (und das Land auch gut kannte), empfand ich diesen Krieg als das glatte Dementi all der humanen Aspirationen, die mit dem mir vermittelten Amerikabild einher gingen. Außerdem war die Bildzeitung für den Krieg.

Es dauerte nicht lange, bis mir die Losung "Frieden für Vietnam" allzu zahm vorkam, und bald besaß ich eine Vietkong-Flagge. Im Schulunterricht wurde mir vorgehalten, dann müsste ich ja eigentlich auch Kommunist sein. Nun denn, war ich eben einer. So schnell ging das. Und Che Guevara, dachte ich, war jemand, der einen ähnlichen Weg eingeschlagen hatte . Auf einmal besaß ich also wieder ein Vorbild, und das ist ja immer eine sichere Sache.

Anspruch und Wirklichkeit schienen mir allenthalben auseinanderzufallen, das Demokratieversprechen und die autoritäre Schulwirklichkeit beispielsweise, Verfassung und Verfassungswirklichkeit (ein damals vielzitierter Topos) und vieles mehr. Wir witterten ein System dahinter. Da kam uns der Che, der so rebellisch aussah, gerade recht.

Wir haben ihn nicht als Mitbegründer des kubanischen Sozialismus, sondern als Aufsässigen wahrgenommen.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
    • Quelle ZEIT online
    • Versenden E-Mail verschicken
    • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
    • Autoren abonnieren RSS-Feed
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service