Pop Je bunter, desto Balkan

Von Globalisierungspop bis Weltmusik – der westliche Mainstream feiert das Exotische. Das Ergebnis ist teils einfältig, teils zwiespältig, teils auch ganz gut. Eine Übersicht

"Balkan-Pop" ist eine Musik der Gleichzeitigkeit des Verschiedenen, ein Party-Kracher. Das Genre gehört in Anführungszeichen, denn es täuscht vor, es gäbe eine gemeinsame musikalische Sprache in diesem Winkel Europas. Auf der Balkanhalbinsel, rund um das Gebirge, liegen Bulgarien, Rumänien, Mazedonien, Albanien, Bosnien-Herzegowina, Serbien und Montenegro, Griechenland und die Türkei. Wenn der Pop sich des Balkans annimmt, verschwimmen die Grenzen. Alle ehemaligen Ostblock-Staaten werden eins – und selbst die Einflüsse des jiddischen Klezmer gehen als balkanisch durch.

Little Cow kommen aus Ungarn und sind in ihrer Heimat sehr erfolgreich. Sie singen auf Englisch und Französisch und surfen auf karibischen Ska- und Reggae-Wellen. Klezmer-Bläser bringen nahöstliche Melancholie ins Spiel. Ihre Musik – das kommt bei so einem Durcheinander heraus – wird mal mit Manu Chao, dann wieder mit der deutschen Band Element Of Crime verglichen. Auch Little Cow läuft unter "Balkan-Pop".

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Multikulti hat den großen Pop erreicht. Das freut die Plattenfirmen und Armin Siebert von Eastblok Music : "Du kriegst hier etwas, was Freiheit bedeutet, Spaß, Ausgelassenheit. Das ist das Gegenteil des trockenen, effizienzorientierten Leben im Westen." Schon seit ein paar Jahren liegt der neue Sound in der Luft. Traditionelle Klänge erobern die Clubwelt und die Hitparaden. Die Musik von Früher, die Folklore der Dorffeste und Hochzeiten, mischt sich heute wie selbstverständlich mit urbanen Rhythmen.

Balkan Beat Box ist solch ein transkulturelles Projekt. Der Schlagzeuger und Sänger Tamir Muskat und der Saxofonist Ori Kaplan sind die Initiatoren. Beide leben in New York, kommen aber aus Tel Aviv. So verquicken sie jüdische Elemente mit Zigeunermusik und nordafrikanischen und arabischen Melodien; Flamenco und jamaikanischen Reggae drehen sie mit Klarinette, Schlagzeug, Saxofon, Samples, HipHop-Beats und E-Gitarre durch den Wolf.

Balkan Beat Box ist eine Band in der Diaspora: Von außen blicken ihre Mitglieder auf die Musik ihrer früheren Heimat. Sie reichern sie mit allem an, was sie in die Finger bekommen. Ein grenzenloses musikalisches Miteinander. Mal schallt eine Surf-Gitarre, mal pumpt ein rasanter Ska-Rhythmus, dann ein finsterer Dub, und im nächsten Moment kriecht daraus eine Samba hervor. Alles ist möglich. Alles passt zusammen. Alles kommt zusammen.

Wie bei Boom Pam , einer Band aus Tel Aviv, die ihr Debüt bei dem Frankfurter Label Essay Recordings veröffentlicht hat. Auch sie ist Meister des postmodernen Patchwork-Sounds: Aus griechischem Sirtaki, orientalischer Popmusik, Klezmer-Hybriden, Zigeunerjazz, wirbelnden Surf-Gitarren à la Dick Dale schäumt das Quartett eine explosive Mischung. Die tönt wie eine musikalische Rallye rund ums Mittelmeer.

Boom Pam – virtuose Reiter auf den Wellen einer globalisierten Musikkultur – klingen international und gleichzeitig anarchisch und ursprünglich. Ihre Musik läuft auf Datscha-Feten und in Russendiskos . Balkan-Beat-Abende ziehen ein bunt gemischtes Publikum an und sind auch nach einigen Jahren eher Selbstgänger als Auslaufmodell.

Mit Disko Partizani hat der Erfolg des Balkan-Beat sogar einen neuen Höhepunkt erreicht. So heißt das neue Album des Frankfurter DJs, Label-Betreibers und Musikers Stefan Hantel alias Shantel . Folklore ist der neue Club-Pop, so lautet seine Devise – und die tanzwilligen Massen folgen ihm.

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