New York Monster und Milizen

Ein Kanadier erklärt Amerikanern, warum der Krieg in Irak so teuer ist und was sie da sollen. Doch leicht fällt es denen nicht, die Welt da draußen zu begreifen, schreibt Eva Schweitzer in ihrer New York-Kolumne

Wenn der New Yorker zu seinem Festival einlädt, lernt man plötzlich ganz neue Orte kennen. Wie den Highline Ballroom. Die Highline ist eine alte Hochbahnstrecke, die durch den Meatpacking District, das alte Metzgereiviertel führt, das heute zu einer Art Nightclubville mutiert ist. Wie die Metzgereien wurde auch die Highline in den achtziger Jahren stillgelegt. Nun wollen Aktivisten und Architekten daraus einen Park machen, der sich hoch über der Westside entlang schlängelt. Der Highline Ballroom, eine alte Fabrikhalle mit Galerie, liegt über dem Western Beef Supermarket in der West 16th Street. Hierhin lädt der New Yorker dieses Wochenende ein. Die beiden Schriftsteller Ian Buruma und Martin Amis sprechen über Monster, und sie tun es so beiläufig, als hätten sie selber noch nie eines gesehen.

Die Monster, von denen sie am liebsten reden, sind Stalin — Amis hat kürzlich eine Stalin-Biographie geschrieben —, Hitler und die Islamisten. Buruma, der aus Holland stammt und in New York lebt, hat ein Buch über den Mord an dem holländischen Filmemacher Theo van Gogh veröffentlicht. Eigentlich hätte Ayaan Hirsi Ali am Freitagabend hier sprechen sollen, aber weder die holländische noch die amerikanische Regierung hatten Lust, für ihren Personenschutz zu bezahlen. Nicht einmal das American Enterprise Institute, der neokonservative Think Tank, bei dem sie bis vor kurzem arbeitete, fand sich dazu bereit.

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Obwohl Buruma und Amis lange über den islamischen Quasifaschismus sprechen, der seine Wurzeln in der Unterdrückung der Sexualität habe („Moslems denken, westliche Frauen sind Huren, aber wenn sie die wie Huren behandeln, werden sie zurückgewiesen, und dann beklagen sich über Ausländerfeindlichkeit“, sagte Amis), fällt es ihnen nicht ein, über Hirsi zu reden. Irgendwie sind Hitler und Stalin doch sexier. Oder? Nein, über Hitler würde er nicht schreiben, den finde er langweilig, sagt Buruma. Der sei doch so eine Art „Humbert Humbert“-Figur (der Ich-Erzähler des Nabokov-Romans „Lolita“). Lieber würde Buruma etwas über das Monster Osama bin Laden verfassen. Oder über Mao?

Langsam beginnt die Debatte abzugleiten: Reden wir noch über echte Monster oder über Schriftstellerfantasien, über das Bedürfnis der USA, die Monster, die da draußen sind, zu einem begreifbaren Narrativ zu verarbeiten? Buruma merkt auch, dass er zu plauderig wird, und schlägt einen politischen Bogen zu all den „Todeskulten“: Dessen Vertreter seien Trotzkisten, voller Selbstmitleid und Romantisierung, sie lehnten rationale Vernunft ab und tendierten dazu, sich zu überschätzen.

Osama bin Laden ein Trotzkist! Wenn das Stalin wüsste. Amis nennt noch eine weitere Gemeinsamkeit von Hitler, Stalin und den Islamofaschisten: „Purity Control“. Da fällt jedem Verschwörungstheoretiker sofort die TV-Serie „X-Files“ ein, wo eine fiktive US-Regierung einen Alien-Mensch-Hybrid schaffen will. Amis meint damit aber das Streben nach ethnischer Reinheit, das Hitler wie auch Stalin betrieben hätten. Nun darf das Publikum Fragen stellen. Die gelten allerdings mehr Bush denn Hitler. Hat Buruma in seinen Trotzkisten-Riff nicht die Neokonservativen beschrieben, die treibende Kraft hinter den Irakkrieg? Ist es nicht eigentlich die US-Regierung, die glaubt, der Zweck heilige die Mittel? Die das Leben des Anderen gering schätzt? Beide Schriftsteller wehren erschrocken ab. „Ich verteidige ungern die Neokonservativen, aber so schlimm wie die Faschisten sind sie wirklich nicht“, sagte Amis.

Szenenwechsel: In der Town Hall, einem alten Theater nahe dem Times Square — auch das würde eine gute Filmkulisse abgeben —, moderiert George Packer vom New Yorker eine Diskussion zu Irak. Packer leidet an Irak-Fatigue. „Ich werde wohl bis zum Ende meines Lebens Podien zum Irakkrieg moderieren“, seufzt er. Auch hier viele Zuhörer, die sich den Irak antun wie einen überlangen, ein wenig zu schwierigen Film, Syriana oder Oliver Stones JFK.

Leser-Kommentare
    • QUOTE
    • 07.10.2007 um 12:01 Uhr

    "... der seine Wurzeln in der Unterdrückung der Sexualität habe..."

    Aha?
    Soso...interessanter Gedanke...dann würde mich mal interessieren, wie man ein System bezeichnet, das den Rest der Welt als sein persönliches Truppenbordell betrachtet...

    http://www.heise.de/tp/r4...

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