Gesellschaft Shanghai ist hip

Sibylle Berg reist nach China und sieht hässliche Städte, Menschen, denen alles egal ist, und Geschäftsleute der übelsten Sorte

Angela Merkel empfing vor zwei Wochen den Dalai Lama im Kanzleramt. Die Führungsriege in Peking was not amused. Große Aufregung, weil Frank-Walter Steinmeier in New York auf einmal alleine frühstücken musste. Das traditionelle Frühstück zwischen dem deutschen und dem chinesischen Außenminister am Rande der UN-Generalversammlung war von Peking kurzfristig abgesagt worden. Nun ist es erstaunlich schnell wieder ruhig geworden, und alles scheint wieder in bester Ordnung.

Shanghai ist ja sehr hip im Moment. Jeder, der etwas auf sich hält, weiß von tollen Hochhäusern, Fortschritt und alten Opiumpalästen zu berichten.

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Weil ich ja wie alle Menschen meiner Generation zwanghaft versuche, jung und hip zu bleiben, habe ich also Shanghai besucht. Und mich sofort zu Hause gefühlt. Das war die gute alte DDR, wie ich sie kannte und schon damals nicht mochte. Hässlichkeit, unmenschlich in den Himmel getürmt. Breite unendliche Straßen, eine Stadt ohne Kern und ohne Ende. Das ist der Fortschritt, und den Chinesen an sich ist nichts vorzuwerfen. Nach der für alle überraschenden Öffnung in Richtung Kapitalismus träumen sie, dem Elend zu entkommen, das es in diesem Land massiv gibt. Hungersnöte, Armut, zu viele Menschen.

Und nun gibt es auch das: ein kleines Zeitfenster das vielen, in Shanghai mal eben 20 Millionen, die Idee gibt, es zu etwas bringen zu können. Gemeinsam formen kommunistischer Drill und buddhistische Reinkarnationslehre Menschen, denen alles egal ist. Vor allem andere Menschen. In kürzester Zeit sah ich drei harte und zehn leichtere Unfälle. Sah Fahrräder in Menschen rasen, Ellenbogen in Menschen sausen - und das Erschreckende: Alle finden das normal. Sie schütteln sich noch nicht mal. Die Überquerung einer Straße ist für uns europäische Weicheier ein Experiment, das man zu vermeiden versuchen muss.

Zwischen den Chinesen torkelt die unangenehmste Sorte westlicher Geschäftemacher. Die Leute, die man morgens in Billigfliegern sitzen sieht, mit verwaschenen Anzügen und großen Aktenkoffern. Mal eben schnell Geld machen, egal womit. Egal wo. Dass man den Himmel während 14 Tagen nicht sah, fiel mir erst nach Ablauf der 14 Tage auf. Hätte ja Nebel sein können. Unangenehm, wenn man dann überlegt, wie groß das Land ist, und was es neben Gift in der Atmosphäre noch so produziert.

Von allen unbemerkt ist in China die größte Stadt der Welt herangewachsen: Chongqing, mit über 30 Millionen Einwohnern. Die alle nur eines wollen: reich werden. Jetzt sofort. Das Scheißsystem vergessen, abhauen, und sei es in eine Hochhauswohnung.

Bemerkenswert ist, dass man bei uns so wenig über die buddhistisch-taoistische Falun-Gong-Sekte erfährt, deren Anhänger vom chinesischen Staat verfolgt und gequält werden.  (Liegt es daran, dass China so interessant für die Wirtschaft ist?) Um Ihnen den Appetit auf eine kleine Chinareise zu verderben, schauen Sie doch mal in diese Falun -Gong-nahen Zeitung . Ich weiß auch nicht genau, was wir tun können, vielleicht hilft es schon mal, sich bewusst zu machen, dass es ein Problem geben könnte. Unfassbaren Ausmaßes.

 
Leser-Kommentare
    • MDNL
    • 04.10.2007 um 21:13 Uhr

    amüsanter text! ich war während einer sechs-monatigen südost- und ostasienreise selber in shanghai. (bin aber mit höchster wahrscheinlichkeit nicht aus ihrer generation.) die vorfreude auf den besuch war natürlich gross. das 'paris vom osten' oder 'das chinesische new york' oder wie das auch immer genennt wird bzw. genannt wurde. den smog durfte ich auch bewundern (die vollen fünf tage lang). echt ne super stadt. der ausgang abends war zwar immer amüsant.. als wir aber auf dem höchsten gebäude waren (namen vergessen), konnten wir kaum was sehen ("nebel"). in die u-bahn geht man lieber mit ganzkörperprotektionsanzug oder was ähnliches. immer wenn die tür aufging, wurde freudig mit den ellbögen rumgehackt. mein kumpel und ich konntens nicht glauben (die vollen fünf tage nicht). das alte "zentrum" ist keins und das neue entsteht grad und ist noch keins.
    eine wirklich interessante stadt.. aber hip oder auch nur annähernd was in diese richtung ist sie sicher nicht!

  1. Erstaunlicherweise habe ich viele Deutsche, die nur kurz in Chinas Großstädten unterwegs waren, so reden hören: Alles dreckig, alles Smog, die Leute unzivilisiert usw. Es wäre interessant zu erfahren, wie sehr sich die Autorin vorbereitet hat, ob sie chinesisch spricht, und ob sie die Kultur in Ostasien versteht. Denn das ist der Schlüssel dazu, China, genauso wie auch seine ostasiatischen Nachbarn, nicht durch die deutsche Brille zu sehen.

    Was Falun Gong angeht, finde ich die Anmerkung, daß man in Deutschland so wenig über die Leiden der Anhänger erfährt, befremdlich. In China erfährt man erstmal überhaupt nichts, da die Medien dort kontrolliert sind. Und hier in Deutschland kann man in jedem Asiashop "Da Ji Yuan", die offizielle Propagandazeitung von Falun Gong (anders kann man das nicht bezeichnen) mitnehmen. Auch habe ich sowohl in Leipzig als auch in München regelmäßig Falun Gong-Anhänger politische Aufklärungsarbeit auf großen Plätzen leisten sehen, mit Postern, aufrüttelnden Photos und Verkleidungen. Also allem, was dazu gehört. Verwunderlich, daß das alles an der Autorin vorbeigegangen ist. Auch die "Zeit" schreibt ab und an über Falun Gong, ebenso über die Menschenrechtssituation in China allgemein. Das Problem ist vielleicht, daß man, ohne das Problem jetzt herabwürdigen zu wollen, den Mitgliedern von Falun Gong auch nicht alles glauben kann, was sie sagen. Die machen eben durch solche Falun-Gong-nahen Zeitungen auch ihre Antipropaganda, gegen die chinesische Regierung. Ich würde mich jedenfalls über gut recherchierte Artikel über die wirkliche Situation von Falun Gong in China freuen, vielleicht sogar ab und an vom von mir sehr geschätzten Chinakenner Georg Blume.

  2. Sehr geehrte Frau Berg,

    es ist recht leicht mit dem Finger auf die Chinesen zu zeigen, weil sie so viel Gift ausstoßen. Aber ist es nicht ein wenig selbstgerecht, dabei zu verschweigen, wer zu einem gehörigen Maß dazu beiträgt?

    Sind es nicht etwa die westlichen Industrieländer, also auch wir, die Produkte kaufen, weil sie so schön billig sind, ohne uns im entferntesten darum zu kümmern, unter welchen sozialen und umweltverpestenden Umständen sie produziert werden?

    Und würde dieser Blickwinkel nicht auch dazu gehören, wenn man sich so ein bisschen über "die Chinesen, denen alles egal ist" mokiert? Sind es nicht auch genauso und ganz besonders wir, denen es vollkommen egal ist, solange es nicht vor unserer Haustüre stinkt?

    Beste Grüße

    Heiner Tettenborn

  3. Den schmutz-verschlossenen Himmel über Peking und (besonders) Kanton habe ich schon 1992 festgestellt. Das ist also nichts neues.

    Das gleiche gilt für das Straßenleben (wozu nicht nur der Verkehr gehört). Schon 1992 schrieb ich auf die meisten Postkarten: "Ein Menschenleben zählt hier nicht viel." Es ist demnach nicht in erster Linie der Kapitalismus ohne menschliches Anlitz sondern eine Frage der allgemeinen chinesischen Mentalität, wie die Leute miteinander umgehen.

    Aus eigener Erfahrung kann ich hinzufügen, dass auch das Leben eines Touristen nicht mehr zählt (das hat mir "die Chinesen" schon fast wieder sympathisch gemacht). In China herrscht ein anderes Menschenbild als in unseren Gefilden.

    Was die Falun Gong betrifft: Die hat mehr "Praktizierende" als die KP Mitglieder und eine erstaunlich gute Mobilisierungsfähigkeit. Es handelt sich wohl um die größte politisch-religiöse Bewegung, die vorgibt, weder Religion und erst recht nicht politisch zu sein. Dieser Widerspruch gibt genügend Anlass, dieser Organisation (die angeblich nur eine lockere ist) zu misstrauen. Freilich rechtfertigt das nach unseren Maßstäben nicht einmal das Außmaß der Verfolgung, das belegt ist. Aber als Informationsquelle mit obektivem Anspruch eignet sich der angegebene Link nicht.

  4. Wenn man drei Jahre in einer chinesischen Metropole (7 Millionen Menschen), abseits von Peking, Shanghai oder Guangzhou gelebt hat, erscheinen die Beobachtungen von Sybille Berg recht oberflaechlich. Sie geben eher einen Einblick in die Erwartungshaltung und persoenliche Geschichte der Autorin, als dass sie etwas ueber das Leben in China vermitteln. Von der Beschreibung des offensichtlichen wie der Luftverschmutzung abgesehen wuerde ein Chinese sein Land in diesem Artikel kaum wiedererkennen.
    Berichte von Touristenerlebnissen gibt es an vielen Stellen im Internet, von der ZEIT darf man mehr erwarten.

  5. In letzter Zeit liest man immer wieder schöne kurze Kommentare über China aus den verschiedensten Anlässen. Und fast jedesmal sind es abgedroschene Klischees die immer wiedergekäut werden. Ich denke das die Autorin hier schlicht und ergreifend überhaupt keine Ahnung hat wovon sie da schreibt.

    Ein Kurzurlaub nach China kann man nicht vergleichen mit irgendeinem Ausflug nach Amerika, Europa oder sogar Südamerika wo europäische Kultur sich etabliert hat.

    Aber jeder der mal 14 Tage durch Shanghai gelaufen ist kann auf einmal ein Land wie China beurteilen. Man kennt die Sprache nicht, man kann sich mit niemand unterhalten, man kann wahrscheinlich noch nicht mal den Stadtplan lesen . Aber sich vorstellen wie schlimm China die Umwelt verschmutzt. Das kann man auf einmal.

    Wer ernsthaft behauptet das Chinesen alles egal sein der hat noch nicht Aufnahme in eine chinesische Familie genoßen, der hat noch nie eine Einladung zum Essen mit der ganzen Familie gehabt. Derjenige hat hat einfach noch keine Chinesen kennengelernt. Und derjenige sollte sich zurückhalten mit Urteilen über Dinge über die er oder sie keine Ahnung hat.

    • nzach
    • 05.10.2007 um 5:34 Uhr

    Mein Leben hat eine gute Prise China im Moment und vor diesem Hintergrund muss ich zustimmen, dass Sibylle Berg's Portraet von Shanghai und seinen Menschen reichlich oberflaechlich ausfaellt. Meine Mitbewohnerin ist Chinesin und meine Mit-Doktorandin, mit der ich im Moment mein Buero teile, kommt aus Shanghai. Wie mit jedem anderen Volk gibt es 'den Chinesen' nicht wirklich. Wohl aber jede Menge Vorurteile. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ich noch nie soviel ueber meine eigene (westliche) Kultur gelernt habe, wie in Diskussionen mit meiner Mitbewohnerin: Wie demokratisch sind wir wirklich? Wer schreibt unsere Geschichtsbuecher und zensiert unsere Nachrichten? Was bedeutet Nationalitaet? Wie gut ist Kapitalismus wirklich? Und wenn seine Staerken nicht mehr dem Westen sondern China profitieren, kann der Westen einfach so die Regeln aendern? Ist Ihnen mal aufgefallen, dass JEDE Reportage ueber China negativ ist? Auf jeden Fall lassen die australischen Medien kein gutes Haar an ihrem wachsenden Nachbarn. Die chinesisch-westlichen Beziehungen sind hochkomplex und faszinierend und verdienen eine tiefere Analyse und Diskussion als die von Sibylle Berg.

    • Acro
    • 05.10.2007 um 7:35 Uhr

    Es ist mir wirklich eine schlechte Erfahrung, als Chinese den Artikel von Frau Sibylle Berg zu lesen. Durch Google habe ich erfahren, dass ein Buch von der Autorin namens "Ein paar leute suchen das Glück und lachen sich tot" sogar ins Chinesisch übersetzt und 2003 veröffentlicht wurde.

    Über Falungong-Sekte würde ich nicht viel sprechen. Ich habe deren Zeitung auch gelesen und Website besucht. Ob und wie deren Anhänger vom Staat verfolgt und gequält werden, kann ich nicht feststellen. Was ich feststellen kann, sind die meisten Informationen auf der Zeitung und Website von Falungong total lächerlich, Quatsch und Lüge. Alle Leute, die China wirklich gut kennen (ein kurzzeitiger touristischer Besuch bedeutet nicht Chinakennen) und objektive Meinungen haben, würden sie nicht glauben.

    Die Luftverschmutzung in China ist wirklich schlimm, das ist ja die Tatsache. Die Regierung hat es schon bemerkt und legt jetzt großen Wert darauf. Das dauert aber schon Zeit. Vor 30 oder 50 Jahren war es in Deutschland auch nicht so schön wie heute, nicht?

    Ich glaube, man sollte tolerant sein zu anderen Ländern, Menschen und Kulturen. Kritisieren ist sehr einfach, aber mit kritischen Augen kriegt man nur Kritik zurück, aber keine Freude. Was die Chinesen nicht verstehen können, sind fast alle Artikels über China in westlichen Medien nur negativ. Wenn jemand was Gutes über China schreibt, dann denkt man "nein, falsch, das ist Lüge, das ist Propaganda von KPCh". Just because sein Herrscher KPCh ist, muß China die Erbsünde tragen, ist es wirklich so? Ich war auch in Deutschland, ein sehr schönes und beeindruckendes Land, Landschaft, nette Leute, Bier etc. Aber in diesem Land wurde eine Freundin von mir von einigen Neonazis in Potsdam grundlos geschimpft und gedroht; ein Freund wurde aber nachts in der U-Bahnstation in einer anderen Stadt mit Dolch geraubt. Können wir deswegen behaupten, dass Deutschland ein Naziland und ausländerfeindliches Land ist? Ein vernünftiger Mensch wird nicht so denken.

    Bezüglich der Verkehrsunfälle hat es mich wirklich überrascht, dass Frau Berg in so kurzer Zeit so viele Unfälle gesehen hat. Für mein bisher knapp 30jähriges Leben in China habe ich noch nicht so viele Unfälle gesehen. :) Aber auf der Straße in China ist manchmal wirklich kaotisch, das muß ich auch zustimmen.

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