Die Geschichte unterliegt stets der Revision. Das gilt für die große, die Weltgeschichte. Das gilt aber auch für die Geschichte im Kleinen. Und das gilt natürlich auch für die Geschichten, die wir Journalisten erzählen. Nun gibt es zwei prinzipielle Gründe für die Revision der Geschichte – oder eben einer Geschichte. In die eine Kategorie gehört die Korrektur der ursprünglichen Darstellung aufgrund erst später erlangten oder möglichen Wissens. In die andere Kategorie fallen die Revisionen, die gar nicht nötig gewesen wären, hätte man sich von Anfang an nur an das gehalten, was man damals schon hätte wissen können – oder sogar gewusst hat. (Und dann gibt es natürlich noch den Unterschied zwischen einer offen eingeräumten Korrektur und der klammheimlich ausgebügelten.)

Wer sich noch an die Barschel-Affäre erinnert, die im Herbst des Jahres 1987 nicht nur die norddeutsche Welt erschütterte und den Spiegel zu vermeintlichen neuen Ruhmesgipfeln führte, muss sich nun – nach Lektüre der jüngsten Ausgabe des Magazins – ziemlich erstaunt die Augen reiben. Und zwar über die Art und Weise, in der hier, tief verborgen in einer ziemlich verworrenen Geschichte des Lebens und Sterbens von Uwe Barschel, der Anfang der berüchtigten Affäre, also der Spiegel -Geschichte, so dargestellt wird, dass man zu dem Ergebnis kommen muss: Also hätte die ursprüngliche Geschichte so eigentlich nie gedruckt werden dürfen.

Nach dieser jüngsten Darstellung kamen die ersten Hinweise auf die Pfeiffer’schen Machenschaften (Reiner Pfeiffer war der von Barschel für den Wahlkampf engagierte „Medienreferent“, der hernach mit allerhand schmutzigen Tricks zu Werke ging) an die Reporter des Hamburger Magazins von der „Opferseite“. Wobei das „Opfer“, also Björn Engholm, und sein Pressesprecher offenkundig nicht willens waren, beizeiten etwas gegen Pfeiffer zu unternehmen – eigentlich ein Grund für die Journalisten zu besonderer kritischer Wachsamkeit: Welche Rolle sollte das Wissen über Pfeiffer später noch spielen, nachdem man ihn weiter gewähren ließ?

Dazu beschreibt der Spiegel – heute! – noch, auf welch abenteuerliche Weise sich Pfeiffer bei dem Nachrichtenmagazin vorstellig machte, unter anderem mit einer Honorarforderung von 250.000 Mark, damals ein schönes Jahresgehalt eines leitenden Angestellten. Der vermeintliche Kronzeuge legte als „Leistung“ dafür einen Text vor mit der Überschrift „Entwurf für eine psychologisch-logische Diktion einer Aussage von P. gegenüber Medien“. Spätestens angesichts einer solchen verrückten Form der Selbstdarstellung hätten alle Alarmglocken läuten und vor der exklusiven Verwertung dieses Zeugen warnen müssen. Als dann noch der Anwalt der SPD und Engholms sich weigerte, eine besonders absurde Schnurre, die Pfeiffer ihnen andrehen wollte, in eine sogenannte eidesstattliche Versicherung aufzunehmen, hätte zwingend nahegelegen, auch die Glaubwürdigkeit aller anderen Erzählungen streng zu hinterfragen.

Aber die Geschichte war zu schön, um nicht wahr sein zu dürfen. Und folglich beruft sich der Spiegel jetzt auf eine damals schon als windig durchschaubare salvatorische Klausel in seiner ersten Geschichte mit dem heute zwingend nötigen Titel „Pfeiffers Erzählungen“: „Wenn sämtliche Pfeiffer-Vorwürfe zutreffen, hat kein anderer Ministerpräsident je seine politische Macht und seine dienstlichen Möglichkeiten so raffiniert und ungeniert eingesetzt.“ Wenn – ja, wenn… Eben bei der Aufklärung, ob es sich denn tatsächlich so verhielt, hätte der investigative Teil des Journalismus erst richtig beginnen müssen, dessen sich der Spiegel damals so rühmte.

Inzwischen weiß man vieles besser, kennt man auch das Zusammenspiel der SPD mit Pfeiffer – zur rechtzeitigen Schädigung Barschels, über den sich wahrlich viel Kritisches sagen lässt, nur eben nicht, dass er Pfeiffer Einzelweisungen zu seinen Ferkeleien gegeben hatte. Aber hätte der Spiegel , wenigstens jetzt, 20 Jahre danach, nicht einen Schritt weitergehen und den Fakten auch den Schluss hinzufügen können: „Eigentlich hätten wir die Geschichte damals nicht bringen dürfen“?