Dass sich die "meisten unserer gravierenden sozialen, ökologischen oder ökonomischen Probleme... nur bottom-up, also mit Einsicht und Wollen der betroffenen Bürger lösen (lassen)", darin stimme ich mit Herrn Schneider überein. Mein Verständnis dessen, was damit gemeint ist, unterscheidet sich jedoch erheblich von seinem.

Klicken Sie auf das Bild für alle Artikel zur Diskussionsreihe über Geld, Zins und Alternativen zur herrschenden WirtschaftsordnungDie meisten unserer großen sozialen und ökologischen Probleme sind nicht aus mangelnder Einsicht der Betroffenen entstanden. Sie sind das Ergebnis von Mechanismen und Machtverhältnissen, die den Einzelnen als objektive Sachzwänge - der Globalisierung, der Finanzmärkte - erscheinen, an denen sich wenig ändern lässt. Hinter diesen stehen Personen, Unternehmen und Institutionen, die von den Missständen profitieren und daher versuchen, die grundlegenden Strukturen aufrechtzuerhalten.

Das ist natürlich kein "weitsichtiges Wirtschaften", aber es ist die Wirklichkeit der kapitalistischen Marktwirtschaft. In ihr wächst der Reichtum einer Minderheit, während gleichzeitig Armut und soziale Notlagen zunehmen. Weltweit, in Europa und in den einzelnen Ländern. Die allermeisten Menschen können sich nicht aussuchen, ob und wie sie arbeiten wollen. Sie sind darauf angewiesen, die Arbeit anzunehmen, die sie bekommen können. Viele bleiben trotz Arbeitsbereitschaft arbeitslos. Die meisten arbeiten fremdbestimmt in einem Rhythmus, mit Methoden und an Produkten, auf die sie kaum einen Einfluss haben.

Vielfach haben Finanzinvestoren das Kommando übernommen. Sie verfolgen nur noch den Zweck, das Geld, welches an der Spitze der Gesellschaft angehäuft wird, weiter zu vermehren. Mit der Drohung der Abwanderung setzen sie Regierungen und Parlamente unter Druck, die Gewinnsteuern zu senken, öffentliche Güter zu privatisieren, Sozialleistungen abzubauen. Sie verursachen regelmäßig ökonomische Krisen, von denen in erster Linie die Menschen betroffen sind, die hierfür keinerlei Verantwortung tragen.

Der Hinweis auf den letztlich selbstzerstörerischen Charakter dieser Art des Wirtschaftens ist zwar richtig, hilft jedoch wenig, solange die Rahmenbedingungen weiterbestehen: die Dominanz und Konkurrenz privater Unternehmen auf weitgehend deregulierten Märkten.

Die Suche nach "dezentralen, zivilgesellschaftlichen und direkt demokratischen Institutionen" von denen Herr Schneider spricht, ist zwar sympathisch. Die Beschränkung hierauf läuft aber Gefahr, die ökonomische und politische Großwetterlage aus dem Auge zu verlieren. "Weitsichtiges Wirtschaften" erfordert auf Dauer die Änderung dieser Großwetterlage und der dahinter stehenden Machtverhältnisse. Die Herausforderung besteht in einer durchgreifenden Demokratisierung der Wirtschaft: in den Betrieben und Unternehmen, in den Regionen, den Staaten und in den internationalen Institutionen.