LiteraturWillkommen in der Gegenwart

Das Verfassungsgericht hat Maxim Billers Roman "Esra" verboten. Ein biedermeierliches Urteil. Aber das Internet lebt. Ein Kommentar. von Georg Diez

Zum zweiten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ist ein Roman verboten worden. Als das 1971 mit Klaus Manns Mephisto passierte, ging es um das "Dritte Reich" und die Rolle, die der Schauspieler Gustaf Gründgens darin spielte oder nicht. Als vergangenen Freitag das Bundesverfassungsgericht gegen Maxim Billers Esra entschied, ging es um die Frage, ob Maxim Biller mit einer Schauspielerin geschlafen hat oder nicht.

Die Zeiten ändern sich, aber beide Urteile waren auf ihre Art und Weise so dumm wie naiv: Ein Roman ist immer ein Roman, auch wenn er vom Leben handelt. Ein Roman ist erst einmal autonom und nicht mit den Mitteln des Rechts zu beurteilen. Beide Urteile spiegeln dabei auch die Ängste der Gesellschaft wider, in der sie gefällt wurden: Wir leben nun einmal in einer Zeit, in der das Private immer mächtiger wird, in den Medien, im Königreich der B-Prominenz, vor allem aber im Internet mit MySpace und YouTube und Facebook und all den anderen freiwilligen Entblößungsmaschinen. Der merkwürdige Umkehrschluss der Karlsruher Richter, die die Frage zu klären hatten, ob die Freiheit der Kunst wichtiger ist als der Schutz der Intimsphäre, der Karlsruher Zirkelschluss war nun, dass das Private, das sich immer mehr ausbreitet, auch besonders schützenswert sei.

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Ihr Urteil - minus die drei Richter, die ein Gegenvotum formulierten - ist damit weniger juristisch begründet, sondern vor allem eine Reaktion darauf, wie sie die Welt sehen. Und entsprechend reaktionär. Sie spielen sich als Geschmacksrichter auf, was nun wirklich nicht ihre Rolle ist. Denn Geschmack, so wie ihn die Richter in ihrer Urteilsbegründung formuliert haben, ist eben keine literarische Kategorie. Und auch keine Kategorie des Rechts.

Mit ihrem Geschmacksurteil sind die Karlsruher Richter geistesgeschichtlich ins 19. Jahrhundert zurückgewandert, also vor den Epochenbruch der klassischen Moderne, die ja bekanntlich die Unterscheidung von Kunst und Leben weitgehend aufgehoben hat. Sie haben sich aber auch einer Wirklichkeit im 21. Jahrhundert verweigert, in der ein Verbot, wie sie es ausgesprochen haben, nicht nur biedermeierlich wirkt, sondern ganz und gar uneffektiv ist. "Bücher kann man nicht verbieten", sagte lapidar der Schriftsteller Richard Ford auf der Frankfurter Buchmesse -– und er meinte damit eben nicht die Meinungsdiktaturen von Myanmar oder China, sondern unsere kleine Demokratie. Diktaturen haben erkannt, dass das Internet eine Bedrohung ihrer autoritären Regime ist, entsprechend oft versuchen sie, es zu zensieren oder zu reglementieren. Umgekehrt wäre es nun sehr einfach, das Karlsruher Verbot zu umgehen und den Roman Esra einfach ins Internet zu stellen, wo ihn dann jeder lesen kann, der will.

Man kann es allen Verbotsfreunden nicht oft genug sagen: Es ist nichts aus der Welt zu verbannen, was die Kunst geschaffen hat. Das ist die Gefahr, die von der Kunst ausgeht. Eine Gefahr, mit der die freie Gesellschaft leben muss. Sonst ist sie keine.

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Leserkommentare
    • HMRothe
    • 16. Oktober 2007 11:06 Uhr
    1. Sex

    spielt sich seit Urzeiten entweder in oeffentlichen oder privaten Raeumen ab. Herr Biller ist offenbar der Meinung, dass die von ihm beschlafene Schauspielerin per se in den oeffentlichen Raum gehoert - das Gericht scheint anderer Meinung zu sein.

  1. Jetzt stelle ma uns mal janz blöd!

    Was ist denn nun verboten? Der Vertrieb des Buches oder gar bereits der Besitz!

    Wer "Esra" liest oder weiterliest, oder es zum lesen zur Verfügung stellt wird mit mhhh mhhh mhhh mhhh bestraft?

    Danke für den Buchtipp liebes BVerfG!

    P.S: Nicht erst seit der Erfindung des Internet ist es unmöglich ein Buch zu verbieten. Bereits die Erfindung von einem gewissen Herrn Gänsefleisch aus Mainz (bewegliche Lettern) machte damalige Verbotsversuche bereits äußerst schwierig!

  2. 3. Rache

    Es gibt viele Formen, sich an Ex-Geliebten zu rächen. Herr Biller ist mit seinem Versuch aufgelaufen. Geschieht ihm recht.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Mit seinem Versuch der Rache. Aha, als was würden Sie das Unterfangen ein Buch des "Ex" verbieten zu lassen denn bezeichnen?

    Da ich ja nun, nach den Willen der "Ex", das Buch nicht zur Kenntnis nehmen darf, öffnet dies der Spekulation Tür und Tor.

    Spekulation Nr.1: Der Sex der Ex war gar nex´s.

  3. Mit seinem Versuch der Rache. Aha, als was würden Sie das Unterfangen ein Buch des "Ex" verbieten zu lassen denn bezeichnen?

    Da ich ja nun, nach den Willen der "Ex", das Buch nicht zur Kenntnis nehmen darf, öffnet dies der Spekulation Tür und Tor.

    Spekulation Nr.1: Der Sex der Ex war gar nex´s.

    Antwort auf "Rache"
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    Ich sehe das Interesse der "Ex" darin, sich nicht öffentlich lächerlich machen zu lassen. Da wollte Herr Biller seine Möglichkeiten als Autor mißbrauchen. Damit ist er aufgelaufen. Geschieht ihm recht.

  4. 5. Rache

    Ich sehe das Interesse der "Ex" darin, sich nicht öffentlich lächerlich machen zu lassen. Da wollte Herr Biller seine Möglichkeiten als Autor mißbrauchen. Damit ist er aufgelaufen. Geschieht ihm recht.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "... nicht öffentlich lächerlich machen zu lassen."

    Muss unbedingt zum "Dealer meines Vertrauens", um mir das Werk zu besorgen. Scheint ein "Muß" zu sein!

  5. "... nicht öffentlich lächerlich machen zu lassen."

    Muss unbedingt zum "Dealer meines Vertrauens", um mir das Werk zu besorgen. Scheint ein "Muß" zu sein!

    Antwort auf "Rache"
  6. ist eine Verleumdungskampagne unter dem Schutz der "Kunstfreiheit" an den Hals zu wünschen. Mal sehen, wie lange es dauert, bis er sich ins "Biedermeier" zurückwünscht...

    Natürlich kann der Herr Biller seine Ex-Freundin weiter verleumden, nicht nur über den Roman: aber mit allen strafrechtlichen Konsequenzen. Natürlich können die bereits ausgelieferten Exemplare des Romans praktisch nicht "eingefangen" werden. Dennoch lebe ich lieber in einer "biedermeierlichen" Gesellschaft, als in einer, in der jede Ejakulation eines C-Promis offenbar den Status eines "Kunstwerks" genießt.

  7. Wie wäre es denn damit: Goethes Werther sollte ganz schnell verboten werden, denn ich finde mich in der Hauptperson wieder - und wünsche, daß niemand, auch Goethe nicht, über meine Leiden öffentlich berichtet. Das tut mir ja richtig weh !
    Oder bin ich der kleine M., der unter den vielen Röcken seiner Großmutter herummacht - Herr Grass wird es sich verbitten, die Blechtrommel zu verbieten. Ist schließlich ein Nobelpreisträger...

    Franziskarr38

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