Film Im Abgrund
In Ulrich Seidls neuem Film "Import Export" kämpfen zwei junge Menschen um ein ganz klein bisschen Glück. Oft vergeblich, aber immer schmerzhaft anzusehen.
Der Mensch im zeitgenössischen deutschen Film ist gut. Er ist vielleicht ein bisschen kauzig wie Schulze in Schulze gets the Blues , er trinkt manchmal zu viel wie Katrin in Sommer vorm Balkon , aber sogar in seinen Perversitäten ist er bemitleidenswert wie Hans-Jörg in Agnes und seine Brüder . Wie tief er auch sinkt, da ist eine Wärme, die ihm nicht verloren geht.
Der Mensch im österreichischen Film ist anders. Er wehrt sich gegen jedes Pathos und wird umso wortkarger, je näher man ihm kommt. Vor allem aber hat er Abgründe. Wir haben ihn bei Wolfgang Murnberger kennengelernt, da war er noch zynisch. Wir sahen ihn bei Michael Haneke, da war er böse. Bei Ulrich Seidl ist er, auf gut Österreichisch, eine Drecksau.
Der Regisseur, der für sein Spielfilmdebüt Hundstage 2001 den Großen Preis der Jury auf den Filmfestspielen in Venedig erhielt, sagt selbst, er wolle mit seinen Filmen nicht nur berühren, sondern verstören. Das gelingt ihm auch mit Import Export , und es gelingt ihm auf so großartige Weise, dass das Zusehen fast körperliche Schmerzen bereitet. Was er zeigt, ist eine Realität, so dreckig, dass man sich wundert, dass nach dem Ende des Films die Leinwand wieder weiß ist. Seine Bilder stinken. Da werden Menschen erniedrigt, sie erniedrigen sich selbst und sie erniedrigen andere, als wäre das ein Naturgesetz.
Import Export zeigt zwei junge Erwachsene, die in ihrem eigenen Land keine Zukunft mehr sehen und daher ihr Glück im Land des anderen suchen. Die Ukrainerin Olga kann von ihrem kärglichen Lohn als Krankenschwester kaum leben, geschweige denn ihr Kind durchfüttern. Sie prostituiert sich für einen Internet-Sexanbieter vor der Webcam, bevor sie ihre Habseligkeiten in zwei Koffer packt und den Zug nach Wien nimmt. Der Österreicher Pauli hat bereits im Training für den Security-Posten einiges über sich ergehen lassen, aber auch nach der Ausbildung nehmen die Demütigungen kein Ende: Er wird von einer Gruppe Halbwüchsiger zusammengeschlagen und verliert seinen Job als Wachmann. Um Geld zu verdienen, begleitet er seinen Stiefvater in die Ukraine zum Automatenaufstellen. Aber der Horizont ist auch hinter der Grenze kaum rosiger.
Dabei sind auch die unangenehmsten Szenen von ästhetischer Symmetrie. In streng kadrierten, tableauartigen Bildern zeigt die Kamera die Gesellschaft, in die Olga und Pauli hineingeraten: die Krankenschwester in der Geriatrie-Station, auf der Olga eine Stelle als Putzfrau findet, die dem Zuckerkranken säuselnd die dritten Zähne aus dem Mund bricht, um ihn so zum Fasten zu zwingen; Paulis Stiefvater, der ihm im schäbigen Hotelzimmer an einer Prostituierten demonstriert, welche Macht einem Geld verleiht. Es ist ein Sittengemälde, aber ohne Wertung, ein kommentarloser Einblick in die zwischenmenschliche Hölle. Die Übergänge zum Dokumentarischen sind an manchen Stellen fließend. Seidl, der auch für seine Dokumentarfilme bereits ausgezeichnet wurde, hat Import Export wie schon Hundstage an authentischen Orten und teilweise mit Laiendarstellern gedreht.
- Datum 17.10.2007 - 09:28 Uhr
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