Fussball in Leipzig Ganz normaler Wahnsinn

Gewalt in der fünften Fußballliga: Während des Leipziger Stadtderbys am vergangenen Wochenende gab es Randale und Ausschreitungen. Das ist traurig, aber alltäglich.

Eigentlich ist nichts passiert. Zumindest, wenn man die Geschehnisse mit den Befürchtungen im Vorfeld vergleicht. Hunderte gewaltbereite Fans auf beiden Seiten hatten sich seit Wochen auf das Landesliga-Duell gefreut: Die zweite Mannschaft des Oberligisten Sachsen Leipzig traf auf die erste des Ortsrivalen Lok.

Inzwischen fahren die Straßenbahnen wieder nach Plan, die Polizisten können die Überstunden vom Wochenende abbummeln. Der Alltag ist nach Leipzig zurückgekehrt; und zumindest die lokalen Medien freuen sich, dass der Fußball in Leipzig doch noch nicht ganz darniederliegt. In der Tat war das überdimensionierte Zentralstadion zum ersten Mal seit der WM nicht so grotesk leer wie man das aus dem Oberliga-Alltag gewohnt ist. 12.150 Zuschauer sorgten für Derby-Atmosphäre.

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Die Polizei war seit Wochen damit beschäftigt, sich auf das "Hass-Derby" ( Dresdner Morgenpost ) vorzubereiten: 800 Beamte, eine Reiterstaffel, 72 Kameras. Die Aufzählung des polizeilichen Arsenals umfasste eine eng beschriebene Din-A-4-Seite, zusammengefasst in der "Medieninformation" für die 124 akkreditierten Journalisten – etwa 123 mehr als sonst üblich.

Die Bilanz des Fünftligaduells: 22 Gewahrsamnahmen, acht Festnahmen und unzählige Platzverweise. Kurzzeitig stand sogar ein kompletter Spielabbruch zur Diskussion, weil ein Leuchtspurgeschoss fast einen am Boden liegenden Spieler getroffen hätte. Trauriger Höhepunkt der Ausschreitungen: Ein Angriff von etwa 60 Hooligans auf mehrere hundert Sachsen-Leipzig-Fans, die mit Feuerwerksgeschossen und Steinen traktiert wurden. Von vielen "kleineren Scharmützeln" (Polizeisprecher Mario Luda) ganz zu schweigen.

Alles in allem Peanuts also, weshalb Polizei und Verantwortliche unisono von einem "gelungenen Tag für den Leipziger Fußball" (Chemie-Aufsichtsratschef Winfried Lonzen) sprachen, den lediglich "ein paar Kaputte" (Lok-Präsident Steffen Kubald) gestört, nicht aber nachhaltig hätten beeinträchtigen hätten.

Tatsächlich verhielt sich die große Mehrheit der Zuschauer unauffällig. Die Schlagzeilen indes bestimmte – wie seit Jahren schon – eine gewaltbereite Minderheit.

Der Konflikt zwischen den beiden Leipziger Klubs hat eine lange Tradition, zu allem Unglück ist er politisch aufgeladen. Auch wenn die Lok-Vereinsführung inzwischen energisch gegen rechte "Anhänger" vorgeht, es wird noch eine Weile dauern, bis der Verein seinen Ruf als landesweit bekannte Hochburg rechtsextremer Fans loswird. Am Sonntag blieb es bei kleineren Provokationen – im Hoolblock wurde eine Iran-Fahne geschwenkt.

Beim Viertligisten Sachsen Leipzig, der bis 1990 Chemie Leipzig hieß, sind in den vergangenen Jahren zahlreiche Fans aus dem links-alternativen Spektrum der Stadt hinzu gekommen. Viele Kicker vom Leipziger Freizeitverein "Roter Stern" sind an spielfreien Tagen in der Kurve, der Verein hat in den Szenevierteln Südvorstadt und Connewitz seine Basis.

Doch auch ohne diese weltanschaulichen Verwerfungen wäre die Rivalität zwischen den beiden Leipziger Fußballklubs wohl die unironischste in ganz Deutschland. Dass – wie das in München oder Hamburg vorkommen mag – Fans der rivalisierenden Stadtvereine sich beim gemeinsamen Bier necken oder verspotten, ist hier undenkbar. Wer in grün-weißem Schal durch den Lok-Stadtteil Probstheida läuft, begibt sich in Feindesgebiet.

Auch der ehemalige Chemie-Präsident Rolf Heller, ein jovialer Hesse, unterschätzte zunächst, wie tief verwurzelt die wechselseitige Aversion ist. Zu seinen Zeiten als Vorsitzender von Eintracht Frankfurt sei es durchaus vorgekommen, dass Heller mit dem Präsidenten von Offenbach, also dem Frankfurter Lokalrivalen, gemeinsam zu Terminen fuhr. In Leipzig sei derartige Kooperation undenkbar. "Wenn hier ein ehemaliger Chemie-Spieler stirbt, kommt keiner von der Lok-Traditionsmannschaft zur Beerdigung", sagte Heller kopfschüttelnd.

Zusätzlich aufgeheizt wurde die traditionelle Spannung durch die Ereignisse der vergangenen Jahre: Während Lok nach einer Vereinsneugründung 2003 Jahr für Jahr aus eigner Kraft eine Liga nach der anderen nach oben kletterte, wurde der Rivale Sachsen politisch und finanziell deutlich privilegiert. Vergangene Saison gab es konkrete Verhandlungen mit dem Salzburger Energielimonade-Hersteller Red Bull, die nur platzten, weil den Österreichern die Geheimverhandlungen nicht geheim genug verliefen. Ziel war damals nicht weniger als den Klub mit Millionenbeträgen an die nationale Spitze zu katapultieren.

Doch ohne jeglichen fußballerischen Sachverstand wäre das wohl auch mit Millionensummen schwierig geworden: Noch in der vergangenen Saison zahlte der Oberligist an abgehalfterte Profis Zweitligagehälter. Was die nicht daran hinderte, wie Oberligaspieler zu spielen. Und Ede Geyer, ein Trainer der ganz alten Schule, soll in Leipzig so viel Geld verdient haben, dass ihm sein neuer Arbeitgeber, der eine Spielklasse höher kickende Dynamo Dresden, erst mal zu deutlichen Gehaltsabstrichen nötigte.

Mittlerweile steht Sachsen Leipzig kurz vor der zweiten Insolvenz innerhalb weniger Jahre. Die Eintrittsgelder aus dem Lokalderby vom Sonntag sichern nun lediglich für zwei Wochen das finanzielle Überleben. Zur nicht ganz ungeteilten Freude von Lok-Präsident Steffen Kubald, der ein Transparent aus seiner Fankurve zitierte: "Unsere Fans sichern eure Existenz."

 
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