VerfassungsgerichtRoman bleibt verboten

Maxim Billers Roman "Esra" darf weiterhin nicht erscheinen. Die Persönlichkeitsrechte der dargestellten Personen wiegen mehr als die Freiheit der Kunst. Was meinen Sie?

Maxim Billers Roman Esra bleibt verboten. Das hat das Bundesverfassungsgericht entschieden. Der stark autobiografisch gefärbte Roman verletzt nach einem am Freitag veröffentlichten Beschluss das Persönlichkeitsrecht von Billers Ex-Freundin, weil sie eindeutig als Esra erkennbar ist und das Buch intimste Details der Liebesbeziehung schildert.

Das Buch handelt von dem schwierigen Verhältnis zwischen der weiblichen Hauptfigur Esra und dem Ich-Erzähler Adam. Einzelheiten des Sexuallebens werden dabei auch geschildert. Die männliche Hauptfigur ist in der ursprünglichen Fassung Schriftsteller wie Biller, die weibliche ist Schauspielerin und Bundesfilmpreisträgerin - genau wie Billers Ex-Freundin. Anderthalb Jahre waren die beiden ein Paar. Im Buch wird Esras Mutter Lale dem Leser als Trägerin des Alternativen Nobelpreises vorgestellt - was die Mutter der Ex-Freundin Billers tatsächlich auch  ist.

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Ursprünglich hatte das Münchner Landgericht das Verbot verhängt, das Oberlandesgericht und zuletzt der Bundesgerichtshof hatten das Urteil bestätigt. Die Frauen seien in den Romanfiguren Esra und Lale "für einen mehr oder minder großen Bekanntenkreis erkennbar". Damit würden ihre Persönlichkeitsrechte verletzt. Dagegen erhob der Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch Verfassungsbeschwerde, die die Karlsruher Richter nun im Wesentlichen abwiesen. Der Verlag sah durch das gerichtliche Verbot die grundgesetzlich garantierte Freiheit der Kunst verletzt.

Allerdings revidierten die Verfassungsrichter das Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH), der das Verbot vor zwei Jahren bestätigt hatte, in einem Punkt. Anders als Billers Ex-Freundin habe deren Mutter keinen Unterlassungsanspruch. Zwar sei auch sie in der Romanfigur Lale erkennbar. Der Umstand, dass sie dort sehr negativ gezeichnet sei, reiche allerdings nicht für ein Verbot. "Für ein literarisches Werk, das an die Wirklichkeit anknüpft, ist es gerade kennzeichnend, dass es tatsächliche und fiktive Schilderungen vermengt", befanden die Richter.

Was meinen Sie? Was sollte in diesem Fall mehr zählen? Die Persönlichkeitsrechte der beiden Frauen oder die Freiheit der Kunst? Ist das Verbot Ihrer Ansicht nach richtig? Lesen Sie dazu auch die Kommentare der ZEIT-Autoren aus unserem Archiv (siehe unten).

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Leserkommentare
  1. Fotos ihrer Lehrer ins Internet stellen, auf denen die Wutausbrüche der Pädagogen festgehalten sind, kann darüber niemand außer diesen Schülern lachen. Warum sollte (außer dem spätpubertären Herrn Biller) jemand über persönliche Verunglimpfungen lachen, nur weil sie zwischen zwei Buchdeckel gepreßt wurden? Nicht alles, was sich zwischen Buchdeckeln findet, steht deshalb auch automatisch über aller Kritik (im Zweifel eben auch der Kritik der Gerichte).

    Ein anständiger Schadenersatz für die betroffene Ex-Freundin wäre angemessen...

  2. Als einer der Ersten kaufte und las ich Esra. Wie einige der Werke des Autors ist Esra ein stilistisch gelungener Roman. Natürlich kann ich die Betroffenheit der gemeinten Personen verstehen, ich habe diese allerdings in keiner Weise negativ in Erinnerung behalten.
    Nur schade, daß durch den Spruch des Gerichtes es einer großen Leserschaft nun unmöglich bleibt ein lesenswertes Buch selbst zu beurteilen.

    • hagego
    • 12. Oktober 2007 15:26 Uhr

    Mein neuer Roman "Die Sau" darf nicht veröffentlicht werden, weil die Persönlichkeitsrechte der "Sau" schwerer wiegen als ich in Kilo. Ist die Freiheit der Kunst auf das Areal eines Bauernhofes beschränkt? Was halten Sie denn von solchen ferkeleien?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Anonym
    • 12. Oktober 2007 15:28 Uhr

    das Geschehen etwa in Mekka ab?

    • Anonym
    • 12. Oktober 2007 15:28 Uhr

    das Geschehen etwa in Mekka ab?

    Antwort auf "Tierisch."
  3. "Freiheit der Kunst" in Gefahr - ja hammses nich 'ne Nummer kleiner?
    Dieses eher unbedeutende Büchlein - das nur der Selbstbezeichnung nach vorgibt, ein Roman zu sein - gefährdet mit seinem Verbot ungefähr so die Freiheit der Kunst wie ein Tempolimit auf der Autobahn die deutsche Autoindustrie: nämlich gar nicht.
    Wenn die diversen hysterischen Klagen der beiden Damen nicht wären, müsste die PR-Abteilung des Verlags sie erfinden. Längst schon würde kein Huhn mehr um "Esra" und seinen Autor gackern.

    Der Polemiker Biller, dem die Literaturgattung "Roman" nicht wirklich liegt, der es nicht einmal ansatzweise schafft, eine selbstdurchlebte Liebegeschichte von der persönlichen Betroffenheit zu transzendieren, der keine komplexen Figuren schildern, geschweige denn erschaffen kann, sollte dankbar sein: An so viel Aufmerksamkeit wie durch die Klage seiner abgelegten Freundin kann er billiger gar nicht kommen. Und das gilt auch umgekehrt: Die beiden Klägerinnen erzielten eine relative 15-Minuten-Berühmtheit wie nie zuvor und nie mehr danach in ihrem Leben. Eine klassische Win-Win-Situation also. Wo ist das Problem?

  4. Das ist ja wie in Russland: ein Verbotenes Buch - nicht zu kaufen, auf dem Schwarzmarkt (ebay) für 300€ gehandelt und in den Bibliotheken vorhanden aber verliehen. Meine listet das Buch übrigens unter den Stichworten: München / Türkin / Liebesbeziehung / Juden / SchriftstellerUnd Biller? Der kann sich für läppische 50.000 im New-Yorker mit
    Kafka, Nabokov und Miller vergleichen: When your novel “Esra” first appeared in
    Germany, it was banned after two people claimed that characters were
    based on them. What is its status now, and do you have hopes for its
    publication in America?
     My publisher—Helge Malchow, at Kiepenheuer &
    Witsch, in Cologne, a very loyal, very idealistic man who lives for
    literature and freedom of speech and art—applied to the constitutional
    court, and we are waiting, like Josef K. in “The Trial,” to see if the
    court will say something, and, if it does say something, what that will
    be. That might happen this month. Of course, the book is banned only in
    Germany. So, like “Lolita” or some of Henry Miller’s books that had to
    be published in France, “Esra” could also come out abroad. It has
    already appeared in Denmark.
    Und streichelt sich dabei gewiss das Näschen, wie ich es gern tue:
    What role do you think your Jewishness plays
    in the public’s perception of you as a controversial figure in Germany?
     
    Of course, I am Jewish in the way I think, how I
    discuss, how I use humor, how I analyze the weak points of my rivals.
    Plus I often write about Jews—Jewish topics, the Jewish-German
    relationship. So of course everybody sees me as a controversial,
    dangerous, good-looking Jew. Isn’t it wonderful?
    Wenn er so jüdisch wäre wie er immer tut, hätte er schon längst angefangen handsignierte Autorenexemplare über das Internet zu verscherbeln.Das Verbot halte ich trotzdem für übertrieben - aber noch habe ich den Roman ja nicht gelesen.

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