2,65 Millionen Zuschauer sahen die Talk Show von Johannes B. Kerner, in der Eva Herman auftrat. Ein Quotenrekord. Über 18 Prozent Marktanteil. Viele Zuschauer wussten schon vorher, dass die Ex-Moderatorin rausfliegen würde, weil die Show aufgezeichnet und das Ergebnis werbewirksam vorab bekannt gegeben wurde. Die Zuschauer schalteten ein, denn dank Herman erlebten sie eine ganze besondere Art von Fernsehunterhaltung zu später Stunde, entweder lästernd oder zustimmend.

Und in der Tat, sie sorgte für schöne Zitate. Als Kerner sie immer wieder zu einem reuigen „Ich habe einen Fehler gemacht“ verleiten wollte, sagte sie stattdessen: „Ich musste einfach lernen, dass man über den Verlauf unserer Geschichte nicht reden kann, ohne in Gefahr zu geraten.“ An allem waren ihrer Ansicht nach die Medien schuld. Und nicht nur Kollegin Margarete Schreinemaker, die ebenfalls als Gast geladen war, konnte gehörig in Empörung verfallen, als Eva Herman auch noch das Stichwort „Autobahn“ ins Spiel brachte und ganz richtig feststellte, wir führen auch heute noch darauf.

Vielen Kommentatoren ergeht es ähnlich. Sie fragen sich, gegen wen wird hier eigentlich geschossen und warum überhaupt? Wie wichtig ist es, wenn Eva Herman sich verhaspelt und sich damit PR-wirksam ins falsche Licht setzt? "Bei Kerner saß also nicht Eva Braun, sondern Eva H., die beim Denken leicht oszilliert, weil sie mit der Sprache und mit den Gedanken nicht ganz im Reinen ist (...)", schreibt Hans Leyendecker auf der Medienseite der Süddeutschen Zeitung . Und er schreibt weiter: "Dass Kerners Redaktion als eine Art Schiedsrichter den NS-Experten Wolf Wippermann bemüht hatte, wirkte angesichts des Elends von Frau H. übertrieben. (...) Es ging um nichts, aber das mit großer Wichtigkeit."

Im Grunde gibt Henryk M. Broder von Spiegel online Eva Herman in ihrer Medienschelte recht, wenn er schreibt: "Hat Eva Herman die Familienpolitik der Nazis verteidigt? Die Frage ist so irrelevant wie die Art der Haarspülung, die Eva Herman benutzt. Allein, dass sie seit Wochen debattiert wird, zeigt welche Narreteien mit Priorität behandelt werden."

Worum ging es inhaltlich überhaupt? Zum Beispiel darum, dass Eva Herman in ihren Büchern den Individualismus unserer Gesellschaft kritisiert. Darf sie das, wenn es schon Nazi-Theoretiker für ihre Zwecke getan haben? Kerner jedenfalls wollte, dass Eva Herman Stellung nehmen sollte zu einem Zitat von Alfred Rosenberg, dem Vordenker der Nazis ("Der Mythus des zwanzigsten Jahrhunderts"), der das "Hohelied des Individualismus“ angeprangert hatte.

Außerdem wird Herman noch belehrt, dass der Begriff „Gleichschaltung“ ebenfalls von den Nazis benutzt worden sei, und sie ihn bitte schön nicht auf die heutige Medienlandschaft anwenden sollte. In diesem Zusammenhang benutzt sie das Reizwort Autobahn: "Ich möchte nicht mehr Stellung nehmen. Es sind ja auch Autobahnen gebaut worden, und wir fahren heute drauf." Kerner erklärte dazu nicht gerade eloquent: „Autobahn - das geht halt nicht.“ Die taz fragt sich: "Sind Autobahnen gebauter Antisemitismus?" Und antwortet sogleich selbst: "Pfui!"

Broder findet auf Spiegel online einen treffenden Vergleich für Kerners Vorgehensweise: "Das war so fair, als würde man einen Nichtraucher und Vegetarier zu einem späten Verbündeten von Adolf Hitler erklären."

Auch Andreas Zielcke geißelt in der Süddeutschen Zeitung die Unart des Moderators: "Es ist ein Debakel des Moderators und seiner weiteren Gäste. (...) ein Lehrstück überheblicher Besser-, nein Schlechterwisserei. Die Kritik am dominanten Individualismus gehört zum Fundament konservativer Kulturkritik bis heute – es wäre ein geistesgeschichtlicher Witz, diese Gedankenfigur zu verbieten."

Im Grunde sind sich die meisten Zeitungen einig, dass vor allem Johannes B. Kerner hier eine nicht besonders gelungene Vorstellung gab. Die taz stellt die entscheidende Frage "Warum hat er sie eingeladen?" Wohl aus dem selben Grund, warum er sie auch rausgeschmissen hat: um Quote zu machen. Leyendecker nannte die Show: "Monster-TV für den Gebührenzahler."