Manufacturing Dissent hieß die Meta-Doku über Michael Moore, mit der die kanadischen Reportagefilmer Debbie Melnyck und Rick Caine in diesem Frühling aufdecken wollten, wie stark Amerikas lautester Kritiker die Realität für seine Missionen inszeniert.Wer Sicko sieht, mag sich fragen, ob das überhaupt notwendig war. Denn Moores Enthüllungen über das kranke US-amerikanische Gesundheitssystem und seine Vorschläge zu dessen Heilung sind wieder einmal vor allem eins: ein Paradebeispiel für Polemik.

Moore ist ein Meister seiner Kunst, und seine Kunst ist die Holzhammermethode. Um die Probleme der privaten Gesundheitsvorsorge darzustellen, hämmert er dem Zuschauer die dramatischsten Schicksale ein, die das System in seinem Heimatland zu verantworten hat. Adam. Bäng. Laura. Bäng. Ted. Bäng. Nicht versichert, weil den Versicherungskriterien nicht genügend. Finger verloren, weil nicht versichert. Haus verloren, weil Eigenanteil an der Behandlung zu hoch. Kind verloren, weil die Versicherung nicht zahlte. Bäng, bäng, bäng. Die Schicksale sind erschreckend – was einem aber auch klar würde, ohne dass jeder Betroffene in die Kamera heulen müsste. Moore keucht diesmal nicht die Treppen zum Vorstandszimmer hinauf, sondern hält sich zunächst im Hintergrund und kommentiert aus dem Off. Das genügt, bei dieser Auswahl an Anklägern, die er per Nutzeraufruf auf seiner Website gefunden hat: Die Versicherungsvertreterin, die ihre Arbeit hasst, weil sie andauernd Anträge abweisen muss. Die medizinische Gutachterin einer Versicherung, die sich selbst anklagt, weil sie die vorgegebene Durchfallquote von 10 Prozent einhielt. Tolles Casting. Aber schon wieder Tränen.

Die Bösen hingegen haben kein Gesicht, es gibt keine Personifizierungen wie Charlton Heston in Bowling for Columbine oder George W. Bush in Fahrenheit 9/11 . Das macht sie nicht weniger bedrohlich: „Die Versicherungsfirmen“ sind hohe Bürotürme, abweisende Fassaden, protzige Geldbunker, stets aus der Froschperspektive gefilmt. Die nicht enden wollende Liste der Gründe, aus denen ein Amerikaner von einer Versicherung abgewiesen werden kann, wird in Star Wars-Manier über die schwarze Leinwand gefahren, mit der entsprechenden Musik hinterlegt. Tätarätä.

Zur Schwarz-Weiß-Malerei fehlt nun noch das Weiß: das Paradies der „Gratis“-OPs, das Schlaraffenland der billigen Pillen. Es liegt jenseits der Grenze und jenseits des Atlantik. In Kanada, England und Frankreich kriegt Moore, der nun wieder persönlich als Rechercheur in Erscheinung tritt, sich gar nicht mehr ein angesichts der Menge an Milch und Honig, die dort aus staatlichen Kassen fließt: alle fünf Finger für umsonst angenäht, bezahlter Erholungsurlaub an der Côte d’Azur, ein Kindermädchen, das auch noch die Wäsche macht. Tatsächlich gehört das französische Gesundheitssystem zu den besten der Welt; die Fakten hätten hier auch ohne Übertreibung für sich gesprochen. Stattdessen aber wird so dick aufgetragen, dass irgendwann auch die Wahrheit unglaubwürdig wirkt. Und daran krankt der gesamte Film.

Zwar gelingt Moore ein großer Coup mit dem Porträt einer freiwilligen Rettungskraft von 9/11, für deren Atemprobleme, Spätfolgen ihres Engagements an der Heimatfront, der Staat nicht aufkommt. Die Geschichte von der im Stich gelassenen Heldin der Nation ist wirklich ergreifend - bis Moore sie mit Häftlingen in Guantánamo kontrastiert, die bei aller Folter doch eine erstklassige medizinische Gratis-Versorgung bekommen. Als der Regisseur dann sämtliche Kranke des Films auf drei Boote lädt, um mit ihnen Kurs auf Guantánamo zu nehmen, rutscht der Film endgültig in den Klamauk ab. Und es kommt noch ärger: Da sie dort abgewiesen werden, wenden sie sich an Kuba. In diesem armen Inselstaat gibt es die komfortabelsten Krankenhäuser der Welt, und die Doktoren machen sämtliche notwendigen Tests, die in den USA verweigert wurden, natürlich umsonst. Die Medikamente kosten nur wenige Cents, und es ist ein Wunder, dass nach dieser Behandlung nicht sofort die Lahmen sehend und die Blinden gehend werden.

Moores Engagement ist löblich und sein Regietalent steht außer Frage. Leider aber walzt er sogar jede im Ansatz witzige Anspielung breit, und selbst seine Ironie kommt durchs Megaphon. Sicko ist intelligent gemacht – geistreich ist er nicht.

Michael Moore: Sicko
USA 2007, 116 Minuten
Kinostart: 11. Oktober