Kulturgut"Unser kleines Wunder"

Michael Knoche, Direktor der Herzogin Anna-Amalia-Bibliothek, scheint die Rettung des Saales und der Bücher selbst noch kurz vor der Wiedereröffnung schier unglaublich. Ein Gespräch über Restaurationszauberei, Brandschutz und Schuldgefühle von Stefan Reisner

ZEIT online: Wie fühlen Sie sich so kurz vor der Eröffnung der im September 2004 abgebrannten Bibliothek?

Michael Knoche: Großartig. Seit dem 2. September 2004 hat eine Welle der Hilfs- und Spendenbereitschaft eingesetzt, auf die zu hoffen wir in den ersten dunklen Tagen kaum wagen konnten. Über 20.000 Spender haben gezeigt, dass ihnen das Schicksal der Herzogin Anna Amalia Bibliothek am Herzen liegt.

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ZEIT online: Es soll eine ganze Festwoche geben. Ist das nicht ein bisschen übertrieben nach der Restaurierung einer kleinen Bibliothek?

Knoche: Auch wenn die Bibliothek nicht zu den ganz großen zählt, gehört sie doch zu den Institutionen, die einen wichtigen Teil des nationalen Kulturerbes bewahren. Auch nach dem Brand haben wir noch mehr als 900.000 Bücher, Handschriften, Noten, Stammbücher, Landkarten, Globen im Bestand. Ich finde schon, dass es einen Anlass zum Feiern gibt, wenn diese Bibliothek wieder arbeitsfähig ist. Im Mittelpunkt des Programms werden die Künste stehen, die Anna Amalia, die vor 200 Jahren gestorben ist, besonders gefördert hat: Musik, Literatur, Bildende Kunst.

ZEIT online: Sogar der Bundespräsident kommt.

Knoche: Er hatte schon kurz nach dem Brand die Schirmherrschaft über unsere Spendenkampagne übernommen.

ZEIT online: Was werden Sie ihm sagen, wenn er Sie zur Sicherheit der Bücher heute fragt?

Knoche: Nach der Sanierung ist die Herzogin Anna Amalia Bibliothek auf einem technisch hohen Brandschutz-Niveau. Wir haben nicht nur eine Rauchansauganlage, die einen entstehenden Brand sofort meldet, sondern auch ein automatisches Löschsystem. Diese sogenannte Wassernebelsprühanlage ist weltweit das erste derartige System, das in einem Museum oder einer Bibliothek installiert wird. Es sorgt dafür, dass ein Feuer mit fein zerstäubten Tropfen lokal gelöscht wird, ohne allzu große Wasserschäden an den Büchern anzurichten.

ZEIT online: Wäre der Brand nicht gekommen, die Herzogin Anna Amalia Bibliothek wäre ohnehin saniert worden. Dafür waren 8,5 Millionen Euro angesetzt. 3 Millionen Euro kamen wegen des Brandes dazu. Ist es bei diesen 11,5 Millionen Euro geblieben?

Knoche: Nein, nicht ganz. Die Sanierungskosten werden sich letztlich auf 12,8 Millionen Euro belaufen. Es haben sich Mehrkosten beispielsweise durch die Feuchtigkeit im Rokokosaal ergeben, die so nicht vorhersehbar war. In der Brandnacht sind 380.000 Liter Löschwasser in das Gebäude eingedrungen. Dadurch bildete sich Schimmel, der bekämpft werden musste.

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