EU-Reformvertrag Durchbruch in Lissabon

Nach jahrelangem Ringen haben sich die Staats- und Regierungschefs der EU auf einen Vertragstext verständigt. Sonderwünsche hatten Polen und Italien.

Nach monatelangen Verhandlungen ist der neue Reformvertrag der Europäischen Union perfekt. Der EU-Gipfel in Lissabon einigte sich in der Nacht zum Freitag auf einen Vertragstext.

"Dies ist ein Sieg für Europa - mit dem neuen Vertrag kommen wir aus der Sackgasse heraus, in der wir steckten", sagte der Ministerpräsident Portugals und EU-Ratsvorsitzende Jose Socrates am frühen Freitagmorgen auf dem Gipfel der Staats- und Regierungschefs in Lissabon. Europa könne nun wieder mit Zuversicht nach vorne blicken. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach von einem großen Erfolg: "Wir haben es geschafft." Unter deutscher Präsidentschaft hatten die EU-Länder im Juni schon alle Eckpunkte des Vertrages ausgehandelt.

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Der Reformvertrag soll die Union nach der größten Erweiterung ihrer Geschichte seit 2004 von 15 auf 27 Mitgliedsländer handlungsfähiger und demokratischer machen. Mit dem "Vertrag von Lissabon", wie er heißen soll, wird eine rund zehn Jahre lange Reformdiskussion abgeschlossen. Er markiert zugleich das Ende der Krise der EU, die mit dem Scheitern der Verfassung in den Volksabstimmungen Frankreichs und der Niederlande 2005 ausgebrochen war.

Vorangegangen waren bilaterale Gespräche einzelner Länder, in denen letzte offene Fragen geklärt werden konnten. Nach der formellen Einigung der 27 Staats- und Regierungschefs soll der neue Grundlagenvertrag im Dezember unterschrieben werden. Er tritt an die Stelle der gescheiterten EU-Verfassung.

Der Vertrag bringt neue Spielregeln für Institutionen und Entscheidungsprozesse in der EU mit sich. Um Einzelheiten wurde unter den Regierungen bis zum Schluss gerungen. Für die Einigung mussten letzte Sonderwünsche von Italien und Polen erfüllt werden.

Polen, das mit dem Widerstand gegen eine Verringerung seines Stimmengewichtes im Rat die Verhandlungen auf dem Juni-Gipfel in die Länge gezogen hatte, war mit einer neuen Hürde angereist. Die Regierung der Zwillingsbrüder Lech und Jaroslaw Kaczyński pochte darauf, die sogenannte Ioannina-Klausel verbindlich festzulegen. Mit diesem Instrument kann eine knapp unterlegene Minderheit über einen Mehrheitsbeschluss auf einige Monate begrenzte Nachverhandlungen durchsetzen. Die übrigen Länder wollten vermeiden, dass die Blockaderegel nur mit einer aufwendigen Vertragsänderung wieder abzuschaffen wäre. Nun wurde in einem Protokoll festgehalten, dass die Klausel einstimmig im Ministerrat geändert werden kann. "Polen hat alles erreicht, was es wollte", sagte der polnische Präsident Lech Kaczyński.

Leser-Kommentare
  1. [entfernt wegen Doppelposting/ Redaktion]

  2. Erst habe ich ja gedacht, unsere ehrwürdige Kanzlerin hätte ne Blinddarmentzündung gehabt. Aber nein, es ist die EU-Verfassung, von etlichen Bürgern abgelehnt, ( von denen, die sich darüber schlau gemacht haben, sogar mit Entsetzen ) und jetzt ist sie wieder da, auferstanden aus den Ruinen der EU.
    Doch halt, wo ist diesmal der Souverän geblieben, das Volk? Keine Abstimmung, also auch keine Ablehnung.

    Grossartige Leistung ihr Würdenträger von eurer selbst Gnaden, ein Possenspiel in Demokratie und Glaubwürdigkeit, welches auch den letzten mikroskopischen Rest an Vertrauen aus den Schädeln des Europäers knüppelt, der all diesen Wahnsin mit seiner Hände ARbeit bezahlen darf.

    Wenns es nicht so traurig wäre, könnte man ja noch darüber lachen, wie dieses Stück Volsver**schung von den Politkerzossen gefeirt wird und der dumme Bürger kriegt nichts mehr mit und freut sich, wenn wir alle Europa sind.

  3. Es dürfte wohl eher einen weiteren Einbruch geben: Nämlich bei der Akzeptanz der ganzen Veranstaltung in der Bevölkerung.

    Wie war das noch mal mit der Verfassung? Gab es da nicht diese kleine Panne, dass die Bevölkerung, so sie denn ausnahmsweise mal gefragt wurde, den Entwurf vehement (und mit Recht, da er den Namen Verfassung nicht verdiente) abgelehnt hatte?

    Na gut, dann schrauben wir das Schild mit dem Titel "Verfassung" eben ab und schwupp, haben wir einen Durchbruch. Das Geheimnis? Einfach nicht fragen - das war ja einfach...

    Ganz nebenbei noch ein paar absurde Sonderregeln für die größten Querulanten einhäkelt und wir (wer ist eigentlich "wir"?) sind sehr, sehr zufrieden.

    Kleiner Scherz am Rande: Italien empört sich darüber, dass es einen Sitz weniger hat, als die etwa gleich großen Länder GB und F - aber die doofen Deutschen (größter Nettozahler, in Ewigkeit amen; danke, dass wir zahlen dürfen!) sind überglücklich, dass sie zwei Sitze mehr haben als das halb so große Polen, riecht alles sehr nach großem, ja historischem Durchbruch!

    Mein einziger Trost: Wenn die "ergebnisoffenen" Verhandlungen mit der Türkei erst mal - völlig überraschend - zur Aufnahme derselben geführt haben, fliegt der ganze Laden ohnehin auseinander.

    Vielleicht können wir uns dann ja noch mal zusammensetzen und über eine wirkliche Union Europas reden? Womöglich sogar mit einer echten Verfassung und unter Beteiligung der betroffenen (und zahlenden) Bevölkerung?

    Das wäre dann ein Durchbruch!

  4. Was hier gänzlich unerwähnt bleibt ist die nötige Volksabstimmung in Irland!

  5. "Nicht zuletzt werden zusätzliche Militärinterventionsbereiche eröffnet: "gemeinsame Abrüstungsmaßnahmen",
    "Aufgaben der militärischen Beratung und Unterstützung" und "Kampfeinsätze". Darüber hinaus wird festgehalten, mit diesen Militäreinsätzen solle "zur Bekämpfung des Terrorismus beigetragen werden, unter anderem auch durch die Unterstützung für Drittländer bei der Bekämpfung des Terrorismus in ihrem Hoheitsgebiet." (Art. 28) Weder das Europäische Parlament (Art. 21,1) noch der Europäische Gerichtshof (Art. 11) haben ein Mitspracherecht hinsichtlich dieser Einsätze, für deren Finanzierung schließlich erstmals ein eigener EU-Haushalt für Militäroperationen – geradezu liebevoll Anschubfonds genannt – zusätzlich zu den nationalen Budgets etabliert werden soll. (Art. 26)"

    http://imi-online.de
    http://www.reformvertrag.de/

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  • Quelle ZEIT online, tso, dpa, Reuters
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