Ehrung

Die Göttinger Gala

Göttingen feiert Günter Grass mit einer professionellen Großveranstaltung und vielen Gästen. Am schönsten aber wird es, wenn Grass' eigene Worte wirken können

Eine Frage zu Beginn: Was treibt Menschen an diesem Abend hierher? Hier hinter den Göttinger Bahnhof, in eine Lokhalle, in die damals die Lokomotiven hineinschnauften. Das Industriedenkmal ist der größte Veranstaltungsort dieser kleinen Stadt. „Na ja, hier ist ja sonst nicht so viel los“, sagt ein junger Mann am Eingang und zieht hastig an seiner Zigarette. Er heißt Stefan und ist Student. „Wann sieht man schon mal einen Nobelpreisträger?“ Der obendrein seinen 80. Geburtstag begeht: Göttingen feiert Günter Grass.

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Rotbraun strecken sich Rohre an den Wänden, schwarze Vorhänge flattern in der Zugluft, auf einem Tisch steht Grass’ Gesamtwerk – 8960 Seiten, blau eingebunden. Acht Kilo Literatur für 298 Euro. Anderthalb Stunden Grass kosten heute 22,30 Euro. Der Saal ist ausverkauft.

Wenn eine Berühmtheit zur Party einlädt und Kamerateams da sind, nennt sich das Gala. Im Radio kann man sie live verfolgen. Einen Tag später dann auch im Fernsehen. Eine NDR-Band spielt Jazz vor einer NDR-blauen Stellwand. Bilder sepiafarbener Nostalgie werden über eine Leinwand gescheucht: Grass beim Händeschütteln, Grass beim Pfeiferauchen, Grass beim Trommeln, Grass beim Straßeüberqueren. Das NDR-Kamerateam hält drauf. Und wieder von vorn. Das dauert eine Weile.

Im Publikum werden die ersten Promi-Sichtungen abgeglichen:
„Thierse, Trittin und Schröder.“
„Wollte Westernhagen nicht auch kommen?“
„Hab ich noch nicht gesehen.“
„Der John Irving hat abgesagt.“
„Wer ist denn das?“
„Und wo is’ nun der Grass?“
„Keine Ahnung.“

Dann schreitet die Moderatorin Carmen Miosga von links auf die Bühne. Sie kündigt Überraschungsgäste an. Göttingen und Grass sei ja eine besondere Beziehung. Nicht nur, da der Steidl-Verlag das Gesamtwerk herausgebe, sondern auch weil Grass hier die Schule schmiss. Er sei ein Beweis, dass auch Schulabbrecher den Nobelpreis bekommen können. Wie viele keinen bekommen, sagt sie nicht, ist aber auch egal: Der erste Gast kommt, nein, lärmt sich auch auf die Bühne. Ein ohrenbetäubendes Getrommel. Eine Dame mit Pelzstola fürchtet um ihr Gehör. Der Jazzmusiker Günther „Baby“ Sommer drischt auf die Blechtrommel ein. Mit ihr vertonte er Grass’ größten Roman. Nun, nach 20 Jahren, will er sie verschenken. In der ersten Reihe steht ein Mann auf, braungraues Haar, hellbrauner Anzug, leicht gebückt. „Da isser ja“, flüstert jemand.

So wird es die nächste Zeit weitergehen. Gast auf die Bühne, Grass steht auf, Umarmung, Dankedanke. Ob Volker Schlöndorff, der die Blechtrommel verfilmte, oder David Bennett, der darin den Oskar Matzerath gab, oder Inge Feltrinelli, die Mailänder Verlegerin, die die Blechtrommel ehedem in Italien donnern ließ – die Dramaturgie des Abends ist immer gleich. Feltrinelli steht ganz atemlos neben Carmen Miosga, ihre Stimme überschlägt sich, weil sie so schnell redet und gar nicht mehr aufhören mag. „Und dann erinnere ich mich ...“ - charmant entwendet Miosga ihr das Mikrofon. Der Zeitplan ist straff.

 
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Leser-Kommentare

    • 23.10.2007 um 8:56 Uhr
    • Kometa

    Meinem buchhändlerischen und literarischen Vater (und schon Großvater) Günter Grass ein, zwei, drei "Vivat"!
    "Erst wenn seine Kinder schlafen,Blickt der Vater in den Spiegel,weil er noch nicht schlafen kann."
    *(Aus: "Der Vater"; in "Gleichdreieck"; letzte Strophe; ja, so wachte und wacht der hinblitzelnde Mann im "Neubau" BRD.)
    Und er ist mir wichtiger geworden als ein Selbst- und Speer-Hochschreiber Fest oder andere Miesmacher aus der FAZ oder dem Umkreis solcher Kulturprolls..

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