ZEIT online: Lesen Kinder heute weniger als vor 10 oder 20 Jahren?

Christoph Schäfer: Wir haben es heutzutage mit zwei Phänomenen zu tun. Zum einen gibt es die sogenannten Harry-Potter-Kinder, zum anderen die PISA-Kinder. Diese beiden muss man trennen. Die Potter-Kinder lesen viel, vor allem angespornt durch die Romane von Joanne K. Rowling. Manche lesen das Buch sogar auf Englisch, wenn es auf Deutsch noch nicht in den Läden ist. Diese Kinder haben eine sehr hohe Lesekompetenz. Bei den PISA-Kindern ist das anders.

ZEIT online: Inwiefern?

Schäfer: Diese Kinder haben ein grundlegendes Problem. Ihre Lesekompetenz fehlt oder sie hat sich bis zur Einschulung nicht ausreichend ausgeprägt. Das ist die entscheidende Zeit.

ZEIT online: Wie äußert sich dieses Problem?

Schäfer: Diese Kinder haben schon Schwierigkeiten, die einfachsten Texte zu verstehen. Tageszeitungen bereiten ihnen große Probleme. Die Freude am Lesen wurde nicht gefördert, der Bezug zum geschriebenen Wort fehlt. Diese Kinder sind keine primären Analphabeten, denen Buchstaben fremd erscheinen. Sie sind sekundäre Analphabeten, die zwar faktisch Buchstabenfolgen erkennen, aber oft nicht verstehen, was diese Abfolgen bedeuten. Ein mangelndes Textverständnis sozusagen.

ZEIT online: Wie viele dieser sekundären Analphabeten sitzen in Deutschlands Klassenzimmern?

Schäfer: Wir gehen von etwa einem Fünftel der unter 15-Jährigen aus. Bei den Erwachsenen sind es etwa vier Millionen.

ZEIT online: Wer kann das ändern?

Schäfer: Da sind besonders die Eltern gefordert. Sie müssen Vorbild sein, selbst lesen und auch den Kindern vorlesen. Damit wäre schon viel getan. Sie müssen Nischenzeiten schaffen, feste Zeiten, an denen sie das tun. Vorlesen ist keine mediale Einbahnstraße wie Fernsehen zum Beispiel. Kinder können reagieren, nachfragen und mit den Eltern über das Buch ins Gespräch kommen. Erstlesen geht nicht nur um die Vermittlung von 26 Buchstaben.