Leiharbeit Geile Preise, geile Leute

Mercedes droht das Arbeitsgericht, BMW schweigt lieber: Zeitarbeiter sind ein Motor des wirtschaftlichen Aufschwungs. Doch besonders in der Autoindustrie spüren sie vom Erfolg der Unternehmen wenig. Eine Reportage

Seine ehemaligen Kollegen sagen, Marco* sei immer pünktlich gewesen. Krank war er auch nie. Bis vor einigen Monaten: Da stand er vor der Maschine, von seinen kurzen dunklen Locken tropfte Schweiß auf den Fabrikboden, sein Oberkörper wankte hin und her, seine breiten Hände rutschten von den Armaturen. Dann sackte er zusammen. Der Krankenwagen fuhr mit Blaulicht vom Werksgelände. Als Marco nach 17 Tagen die Klinik verließ, wusste er, dass er an Bluthochdruck leidet. Seine Zeitarbeitsfirma kündigte ihm. Mit der Begründung, es gäbe keine Arbeit mehr, entließ sie ihn in die Arbeitslosigkeit.

Mehr als sechs Jahre arbeitete Marco in München. Als Beschäftigter verschiedener Zeitarbeitsfirmen stand er lange für BMW und zuletzt einige Wochen für Epcos, einen Hersteller von Bauteilen, am Band. Nun ist Marco nicht einmal mehr ein Arbeiter zweiter Klasse. So nennen viele bei BMW die Zeit- oder Leiharbeiter. In der Logistikabteilung seien es schon 50 Prozent, sagt einer von ihnen.

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Marcos ehemalige Kollegen sitzen im „Lustigen Bauern“. Die traditionelle Arbeiterkneipe schräg gegenüber der Werktore ist nach der Schicht ein beliebtes Ziel. Die Getränke kosten für Münchner Verhältnisse wenig, das Ambiente ist schlicht, die Karte übersichtlich. Die „echten“ Beschäftigten trinken zusammen mit den Zeitarbeitern das Feierabendbier.

Ludwig* und Peter* sitzen an diesem Sommertag nebeneinander: Ludwig lebt allein, Peter ist zweifacher Familienvater. Während der Schicht steuern beide ihren Gabelstapler. Sie verrichten exakt die gleiche Arbeit. Ludwig legt seinen Gehaltszettel auf den Tisch, 2480,58 Euro netto steht unter dem schwarzen Strich. Dann packt Peter seine Abrechnung aus: 1237,86 Euro. Peters Arbeitskollegin, auch sie ist Leiharbeiterin, zahlen sie angeblich weniger als 1000 Euro aus. Wenn Peter während der Arbeit anfängt, von der Ungerechtigkeit zu sprechen, sitzt sie auf dem Stapler und heult.

„In München arbeiten ungefähr 34.000 Menschen für BMW, davon sind etwa 4000 Zeitarbeiter“, sagt Hans Haumer. Der stellvertretende Betriebsrat des Münchener Standorts ist sich nicht ganz sicher, „es ist schwierig, das genau zu sagen“. Jedenfalls gebe es bei BMW eine Art Gentlemans Agreement , sagt er, eine Absichtserklärung zwischen Betriebsrat und Unternehmen, die auf keinem Blatt Papier geschrieben steht. Sie besagt, dass BMW „auf keinen Fall mehr als zehn Prozent Leiharbeiter einstellt“. 4000 von 34.000 sind fast zwölf Prozent.

Der Betriebsrat sagt auch, er habe Verständnis für das Unternehmen. BMW müsse schließlich wettbewerbsfähig bleiben. Der Anteil der Leiharbeiter habe sich im Hause stabil entwickelt. Die Lawine Zeitarbeit sei sowieso überall losgebrochen: „Wenn ein Unternehmen da nicht mitmacht, lachen alle anderen.“

Leser-Kommentare
    • ttob
    • 23.10.2007 um 19:04 Uhr

    „Wenn es die Zeitarbeit nicht gäbe, würde das jüngste BMW-Werk in Leipzig mit 5500 Arbeitsplätzen heute in Polen stehen.
    Jaaa, die goldene EU-Osterweiterung das Paradestück der Globalisierung ala EU, mit Jobabwanderung, Steuer- und Sozialkonkurrenz. Aber ach, Deutschland ist ja Profiteur, ich vergaß, fragt sich nur wer in D.
    Heute kam im Deutschlandfunk, dass dieser undemokratische Drecksmoloch namens EU eine "Blue-card" einführen will, weil bei uns ja soooo viele qualifizierte Sklavenarbeiter fehlen. Auch das VW-Gesetz wurde von der EU-Gerichtsbarkeit mal eben eingestampft, weil freier Geldmarkt ja sooo wichtig ist, da interessieren lokale Gesetze wenig. Schliesslich muss das Kapital schnell fliehen können, wenn die Steuern erhöht werden. Da bekomme ich echt das Ko**en. Vielleicht sollte ich doch NPD wählen, das nächste mal, die kann ich zwar nicht leiden, aber wenigstens haben wir den selben Feind.

    • ttob
    • 23.10.2007 um 19:38 Uhr

    werfen um sich des kundigungsschutzes zu entledigen ... für das gleiche würde sie einen arbeiter ohne kündigungsschutz folglich auch direkt beschäftigen ... wäre für den arbeitgeberMilchmädchenlogik, dafür büßen alle die noch feste Arbeitsplätze haben jegliche Planungssicherheiten ein und werden viel leichter erpressbar: WAS? Sie wollen heute keine unbezahlten Überstunden machen? Dann bleiben sie doch morgen besser gleich ganz zu Hause! Fändest du das besser?Nicht umsonst haben die Amis nur 2 Wochen Urlaub im Jahr und schuften wie noch was. Wie der Artikel erwähnt, gibt es die Zeitarbeitsauswüchse auch erst seit Schröder. Es gibt keinen Grund dessen Änderungen nicht endlich wieder rückgängig zu machen, außer vielleicht das soziale Desinteresse und die bevorzugte Symbolpolitik unserer Regierung. Auch eine Regelung "gleicher Lohn für gleiche Arbeit" wäre denkbar, aber wohl noch schwerer durchzusetzen als ein Mindestlohn.

    • Anonym
    • 23.10.2007 um 19:43 Uhr

    eine Schande für Deutschland die Zeitarbeiter zuzulassen. Ausbeutung pur, wie zu Bismarkszeiten. Kinder, Kinder und dann das Gelabber wir haben ein zuviel des Sozialstaates. Na, kein Wunder! Wie wir von den Schalmeienkonzert der Machhaber eingelullt werden.

  1. Im Prinzip ist ein mieser Job besser als keiner, aber "Hungerlöhne" sind eine Schande. So weit, so gut. Aber woher kommt die Entsolidarisierung? Sicher ist, dass eine derartige Bewegung den Mächtigen der Wirtschaft gelegen kommt. Es gehören aber immer Zwei dazu. Einer der etwas versucht ( zu entsolidarisieren ) und einer, der es mit sich machen lässt. Ich habe manchmal den Eindruck, dass die Leute vor 100 Jahren schlauer waren als heute ( sicher waren sie weniger informiert ), aber sie wußten, wer es gut mit ihnen meint und wer nicht. Sicher passen mir Sommer und Bsirske und auch Peters u,. a. überhaupt nicht. Über die vielen Mißstände auch in den Gewerkschaften und den Betriebsräten nur soviel: viele Betriebsräte lassen sich leicht instrumentalisieren (oft sind sie leider auch korrupt) und ein Herr Ex-Betriebsratsvorsitzender bei VW ist wohl noch immer nicht aus der IGM ausgeschlossen worden. Man muss sich von Üblen auch trennen können, um den Laden sauber zu halten (Mindestgebot!!).
    Trotz allem bin ich in der Gewerkschaft geblieben. Warum? Man würde die Falschen bestrafen und die Richtigen nie treffen. Wenn die "kleinen Leute" aus den Gewerkschaften austreten, hat das Kapital, haben die (falschen, und wenig wohlmeinenden) Eliten "Oberwasser". Die Fetten werden noch fetter, die Reichen noch reicher und die überheblichen Großkopfeten "verspotten" noch die "kleinen Leute" und sagen Sätze wie: "was wollen diese Leute?"
    Ich behaupte, dass wir heute einen Feudalismus neuer Art haben. Dagegen haben die Normalbürger / die Namenslosen / die "kleinen Leute" / die "Menschen wie Du und ich" nur eine Chance: mehr Solidarität!  Mehr Zusammenhalt! Mehr Gemeinschaftsgefühl!  Denn eines ist sicher:
    Vereint ist man stark! Zersplittert ist man schwach! Und allein ist man verloren!
    Quintessenz: Wer die Sozis verhöhnt, schwächt die, die wenigstens das Schlimmste verhindern wollen! Wer die Gewerkschaften schwächt, stärkt die, die in neuer Verkleidung die Ausbeutung betreiben; denn darüber sind wir wohl klar, dass Ausbeutung dann gegeben ist, wenn ein Facharbeiter nur 6 EURO pro Stunde erhält. Für mich ein Witz und ein Hohn!
     
      
     

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