Auftragswerk Riecht wie Mutters Haar

Zur Wiedereröffnung der Anna Amalia Bibliothek wird Manfred Trojahns Stück "Lettera Amorosa" uraufgeführt. Wie komponiert man eigentlich zwischen Presslufthämmern und Pariser Trubel? Ein Porträt

Leider, schreibt Manfred Trojahn in einer kurzen E-Mail, müsse er das Interview um zwei Stunden verschieben. Er komme später aus Paris zurück. Der Baulärm hatte ihn aus seiner Düsseldorfer Wohnung ins Exil an die Seine getrieben. Lange hatte er versucht, gegen das Tak-tak , Tak-tak-tak von Presslufthammer und Bohrmaschine anzukomponieren. Fünf Wochen war das gut gegangen. Dann war das Maß voll, die Nerven lagen blank, der Termin rückte immer näher.

Sein Lettera Amorosa soll zur Wiedereröffnung der Anna Amalia Bibliothek uraufgeführt werden. Drei Jahre nach dem verheerenden Brand wird die Weimarer Bibliothek am 24. Oktober, dem Geburtstag der Namenspatronin, der Öffentlichkeit präsentiert. Einen Tag danach, wenn die feierliche Eröffnung zu Ende und die Bundesprominenz wieder abgereist ist, wird Manfred Trojahns 50-minütiges Werk erstmals erklingen.

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Nur 80 Personen können der Uraufführung von Lettera Amorosa , Trojahns musikalischem Liebesbrief, zuhören. Mehr passen nicht in den kleinen Rokokosaal. Eine zweite, weniger elitäre Aufführung gibt es einen Tag später im Kubus der neuen Bibliothek.

Manfred Trojahns Werke sind bekannt in Weimar. Seine Shakespeare-Oper Was Ihr Wollt wurde im Nationaltheater inszeniert, seine Rhapsodie Pour Clarinette Et Orchestre erlebte mit der Staatskapelle ihre Uraufführung.

Liese Klahn-Albrecht ist künstlerische Leiterin der Weimarer Kammermusikreihe MelosLogos . Vor Jahren kam sie auf die Idee, ihren früheren Kommilitonen Trojahn um einen Beitrag zu bitten. „Kurz darauf brannte die Bibliothek“, sagt der Komponist.

Dann schlug die Klassik-Stiftung Weimar vor, das Stück im Rahmen der Wiedereröffnung uraufzuführen. Manfred Trojahn sagte zu und machte sich auf die Suche nach einem geeigneten Aufführungsort. Mit Hellmut Seemann, dem Präsidenten der Klassikstiftung, bereiste er die Schlösser in Weimars Umgebung. Auch die zerstörte Anna Amalia Bibliothek stand auf dem Besichtigungsprogramm. „Dort hat es förmlich noch geraucht“, sagt der Komponist beeindruckt. Kindheitserinnerungen wurden wach. Es roch wie das Haar seiner Mutter, als sie nach dem Putzen in einem verbrannten Gebäude abends nach Hause gekommen war. Die Entscheidung war gefallen: Wenn er für Weimar etwas komponierte, dann sollte man es nicht in irgendeinem Schloss aufführen. „Dann machen wir es hier“, wo ihm sofort der Text La Bibliotheque Est En Feu (Die Bibliothek steht in Flammen, 1956) von René Char in den Sinn kam.

Doch was sollte das werden? René Char, der französische Autor des Widerstands, in einer Komposition für Weimar, wo die Bibliothek in Flammen stand, wo Erinnerungen an Bücherverbrennungen wach werden, wo Buchenwald gleich nebenan mahnt? Widerstandskunst oder ein Werk der Wiedergutmachung, das wollte Manfred Trojahn nicht in Töne gießen. „Ich war und ich bin kein politischer Künstler“, sagt er.

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